Ein ehemaliger Luftschutzbunker in Düsseldorf ist zu einer Luxusimmobilie umgebaut worden. Foto: dpa//Hans-Joachim Rech

Jahrzehntelang standen sie leer. Jetzt werden immer mehr Weltkriegsbunker in extravagante Immobilien umgebaut. Die Wände sind bis zu 2,5 Meter dick. Das hat Tücken.

Düsseldorf - Nackter Beton. Massiv, wuchtig, grau. So dick, dass selbst eine mit Kunstdiamanten besetzte Säge mehrere Tage braucht, um ein einzelnes Stück herauszutrennen. „Als Architekt ist das schon eine besonders spannende Aufgabe“, meint Robert Tyborski, während er sein aktuelles Bauprojekt inspiziert: ein Hochbunker in Düsseldorf, erbaut 1943, ausgelegt für rund 2000 Personen. Die bis zu 2,5 Meter dicken Wände sollten im Zweiten Weltkrieg den Bomben trotzen. Fast 80 Jahre später hat auch die modernste Technik noch immer Mühe, das imposante Bauwerk zu knacken.

 

„Das Gebäude war in einem erstaunlich guten Zustand“, sagt Tyborski. Der Bunker sei 1999 vom Staat noch einmal ertüchtigt worden, nur um kurz darauf dann doch aufgegeben zu werden. „Insgesamt haben wir 350 Tonnen Beton abtransportiert“, sagt Tyborski. „Alles sehr aufwendig. Aber es lohnt sich.“ Warum es sich lohnt, wird klar, wenn man die Baupläne betrachtet. Die unteren Geschosse sollen sich in ein Kulturzentrum verwandeln, in dem Konzerte, Lesungen und Ausstellungen stattfinden. Ganz oben, auf dem Dach des Bunkers, entstehen fünf neue Eigentumswohnungen.

Bunker werden auch zu Hotels, Kraftwerken oder Museen

Düsseldorf ist längst nicht die einzige Stadt, in der leer stehenden Bunkern neues Leben eingehaucht wird. So hat der Bund seit 2005 fast 300 Hochbunker verkauft, die sich zuvor in staatlichem Besitz befanden. Eine eigene Behörde, die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima), kümmert sich um die Vermarktung der außergewöhnlichen Objekte. Die meisten Bunker werden in Wohnungen verwandelt, manche auch in Hotels (München), Kraftwerke (Hamburg) oder Museen (Schweinfurt).

„Die Nachfrage ist extrem gestiegen“, bestätigt Lars Drewes, der sich bei der Bima um die Bunkervermarktung kümmert. Vor allem in Bremen haben die Käufer zugeschlagen: Von ursprünglich 60 Bunkern seien heute nur noch fünf auf dem Markt. Insgesamt stünden aktuell 90 Bunker zum Verkauf, die meisten in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Dass es so gut läuft, führt Drewes auch auf den technischen Fortschritt zurück. „Bis vor wenigen Jahren war es kaum möglich, Fenster in meterdicke Betonwände zu schneiden“, sagt der Experte. Inzwischen gebe es Firmen, die sich darauf spezialisiert hätten.

Symbol für die Schrecken des Kriegs

Verkauft werden die Bunker in einem Bieterverfahren: Das höchste Angebot gewinnt. Wobei die Preise je nach Lage und Zustand stark schwanken. „Wir haben Objekte im Portfolio, die für 20 000 Euro zu haben sind“, sagt Drewes. „Andere kosten vier Millionen.“ Wer zuschlägt, müsse jedoch gut kalkulieren: „Ein solches Gebäude umzubauen ist oft um ein Vielfaches teurer, als es einfach abzureißen“, warnt Drewes. Es gebe durchaus Unternehmen, die sich an einem Bunker verhoben hätten und inzwischen insolvent seien.

Doch was bringt Menschen überhaupt dazu, in ein solches Bauwerk zu ziehen? In ein Gebäude, das trotz aller Modernisierungen immer noch die Schrecken des Krieges symbolisiert? Für Lars Drewes ist die Antwort klar: „Bunker sind etwas Besonderes.“ Während Familien sich hinter meterdicken Wänden gut behütet fühlten, fänden es andere einfach nur hip, im Bunker zu wohnen.

Sebastian Herchet (30) und Patrik Kolbe (35) haben den Schritt schon vollzogen. Zusammen mit Labrador Kalle lebt das Paar seit 2017 als Mieter in einem Bonner Hochbunker. „Wir wollten zusammenziehen und sind bei der Suche zufällig darauf gestoßen“, erzählt Herchet. Für Bonner Verhältnisse findet er die Mietpreise im Bunker passabel: zehn Euro kalt pro Quadratmeter. „Es ist eben keine 08/15-Wohnung“, ergänzt Kolbe. „Hier wackelt nichts, wenn draußen der Sturm tobt. Hier hat man seine Ruhe. Und der Balkon hält was aus, auch wenn 30 Leute zu Besuch sind.“

Der Aufzug fährt direkt in die Wohnung

Von außen sieht man dem Gebäude seinen früheren Zweck nicht an. Die Wände sind mit Efeu bewachsen, die Eingangstür besteht aus Holz. Erst das Treppenhaus offenbart den Luftschutzcharakter: Eine dicke rote Stahltür erinnert an früher, ebenso ein Foto, das den Bunker im Originalzustand zeigt. Zwei Pfeile sind an die Wände gemalt, einer weist zum Treppenhaus, der andere zum Aufzug – der direkt in die jeweiligen Wohnungen fährt. In der Wohnung selbst ist ein Teil der Decke unverputzt. Die Stelle, an der die Seitenwände zugunsten von Fenstern aufgefräst wurden, fällt kaum auf. Ein Sessel und eine Zimmerpflanze stehen dort. Gibt es auch Nachteile im Bunker? Die beiden Mieter überlegen. „Manchmal beschlagen die Fenster“, sagt Patrik Kolbe, was er aber eher als Kleinigkeit betrachtet. „Bohren ist die Hölle“, ergänzt Sebastian Herchet. Doch selbst das habe seine Vorteile: „Was einmal drin ist, bleibt drin. Und zwar für immer.“

Seit 2007 stehen die meisten Bunker zum Verkauf

Am 10. Oktober 1940 ordnete Adolf Hitler das „Luftschutz-Sofortprogramm“ an. Dadurch sollte der Zivilbevölkerung in Städten ab 100 000 Einwohnern ein „absoluter Volltrefferschutz“ geboten werden. Material und Arbeitskräfte reichten jedoch bei Weitem nicht aus, um diese Vorgabe zu erfüllen. Zu Zeiten des Kalten Krieges wurden viele Weltkriegsbunker wieder nutzbar gemacht – unter anderem, um sie gegen atomare Bedrohungen zu rüsten. Seit 2007 stehen die meisten Bauwerke zum Verkauf. Physikalisch sind Hochbunker widerstandsfähiger als Bauwerke unter der Erde. Dort wäre wegen des zusätzlichen Druckaufbaus die Sprengwirkung einer Bombe deutlich höher. Wer sich für einen Bunker interessiert, kann sich auf der Website der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben umsehen: https://faszination-bunker.bundesimmobilien.de