„Komm kuscheln“: Horst Emrich verteilt kostenlose Umarmungen auf dem Schlosspatz – und macht nebenbei Werbung für seine Kuschelworkshops. Foto: Scheffel/StZN

Der Stuttgarter Horst Emrich verteilt in der Stuttgarter Innenstadt regelmäßig Umarmungen. Was er damit erreichen will und wie die Passanten am Schlossplatz mit der Aktion umgehen.

„Free Hugs“, also „kostenlose Umarmungen“ steht auf den Schildern. Die Menschen, die sie in die Höhe halten, sind meist in belebten Innenstädten unterwegs, in der Hoffnung, Passanten mit einer Umarmung ein gutes Gefühl geben zu können. Die Aktion ist vielen vor allem aus den USA und Australien bekannt, wo sie auch ihre Anfänge nahm. Doch auch in anderen deutschen Städten – darunter auch Stuttgart – kann man sich mittlerweile eine kostenlose Umarmung abholen.

 

Der „Hugger“ an diesem Mittwochnachmittag auf dem Stuttgarter Schlossplatz ist Horst Emrich. Der Schauspieler, Autor und Theaterpädagoge bietet beruflich (Impro-)Theater-Unterricht sowie Kuschelworkshops an und hat es sich nebenbei zur Aufgabe gemacht, Stuttgarterinnen und Stuttgarter bei „Free Hugs“-Aktionen regelmäßig mit körperlicher Nähe ein bisschen glücklicher zu machen – natürlich nur, wenn diese einverstanden sind.

Free Hugs zum „Weltknuddeltag“ in Stuttgart

An diesem 21. Januar umarmt Emrich Passantinnen und Passanten vor einem ganz besonderen Hintergrund, denn der sonnige Wintertag fällt auf den internationalen „Weltknuddeltag“, der seinen Ursprung in den USA hat. Der US-amerikanische Pfarrer Kevin Zaborney hatte diesen im Jahr 1986 ins Leben gerufen, um die Menschen daran zu erinnern, wie wichtig Umarmungen und damit zwischenmenschliche, körperliche Zuneigung ist.

Der Tag soll einen Anreiz dafür geben, Menschen mit einer Umarmung öfter zu zeigen, was sie einem bedeuten. Tatsächlich bestätigen auch Studien, dass Umarmungen dabei helfen können, Stresshormone zu reduzieren und Bindungshormone wie Oxytocin, auch bekannt als „Kuschelhormon“, im Körper zu erhöhen.

An diesem Mittwochnachmittag dauert es nicht lange bis die ersten Umarmungswilligen auf den 62-Jährigen zugehen. Mitten auf der Königstraße steht er, um sich vor der Kälte zu schützen auf einer Schaumstoffmatte und dick angezogen. „Hier gibt’s free Hugs“ und „Heute ist Weltknuddeltag“, ruft er Passanten, die an ihm vorbeigehen, lächelnd und mit offenen Armen zu. Die meisten bleiben stehen, überlegen kurz und kommen dann, um sich eine Umarmung abzuholen. Die wenigsten lehnen dankend ab. „Die meisten Leute sind neugierig“, sagt Horst Emrich.

Horst Emrich bei Vorbereitungen auf der Königstraße. Foto: Scheffel/StZN

Doch warum das Ganze in der Öffentlichkeit? Der Ursprung der Emrich’schen „Free Hugs“-Aktionen liegt im Jahr 2010. Damals hatte der gebürtige Münchner einen von ihm geplanten Kuschelworkshop in Stuttgart spontan absagen müssen. „Ich hatte mich aber schon darauf vorbereitet und wollte nicht nichts tun, also habe ich mir einen Karton geschnappt, diesen beschriftet und mich auf den Schlossplatz gestellt“, erzählt Emrich. Mit Erfolg: Die Leute umarmten nicht nur, sie wollten sich selbst an der Aktion beteiligen.

Vom australischen Vorbild inspiriert

Der gelernte Schauspieler und Theaterpädagoge, der bereits in München und Rastatt, später dann in Stuttgart auf Bühnen aktiv war, kam schon früh mit Formaten wie Kuschelworkshops und Umarmungsaktionen in Berührung – im wahrsten Sinne des Wortes. „Ich kannte die ,Free Hugs’-Aktionen von Juan Mann, der sie 2004 in Australien initiiert hat und hatte auch in Stuttgart schon mal jemanden gesehen, der das gemacht hat“, erzählt Horst Emrich von den Anfängen. „Das Praktische ist: Man muss keinen Raum oder Teilnehmer organisieren – es ergibt sich einfach.“

Über 80 solcher Aktionen hat der Theaterpädagoge im letzten Jahr in verschiedenen Städten, darunter auch München, Rastatt, Heidelberg, Göppingen und Stuttgart, durchgeführt. In diesem Jahr ist er zum siebten Mal mit seinem großen „Free Hugs-Schild“ unterwegs. Auch auf dem Stuttgarter Volksfest oder während Halloween in Stuttgart konnte man sich bei ihm schon Umarmungen abholen.

Horst Emrich: „Konsens ist das A und O“

„Es geht dabei nicht um mich – ich will den Leuten etwas geben. Es ist ein Geschenk und gleichzeitig werde ich beschenkt“, erklärt er. Das irritiere die Leute manchmal. „Der Körper braucht zeitlebens Körperkontakt – das ist wie essen, trinken und atmen. Es geht dabei ausschließlich um nicht-sexualisierte Berührungen. Denn bei einer Umarmung wird das Hormon Oxytocin ausgeschüttet, das Vertrauen und Stressabbau fördert“, so Emrich. „Eine Familientherapeutin aus den 60er-Jahren, Virginia Satir, hat schon damals empfohlen: Vier Umarmungen täglich, um gesund zu bleiben, acht um stabil zu bleiben und 12, um an unser Potenzial zu kommen und uns weiterzuentwickeln.“

Mit der Aktion möchte der Wahl-Stuttgarter Menschen ein gutes Gefühl geben, ein Gefühl von Geborgenheit und Vertrauen vermitteln. „Viele Menschen, die mich umarmen, sind begeistert. Sie sagen: Boah, du hast eine tolle Energie.“

Gleichzeitig ist es Emrich wichtig zu betonen, dass die Umarmungen immer auf Konsens beruhen müssen. Wer nicht umarmen will, muss das natürlich nicht. „Ich laufe den Leuten nicht hinterher. Jeder Körperkontakt muss gewollt sein, Konsens ist das A und O. Meist nehme ich Blickkontakt auf und öffne einladend die Arme“, erzählt er. „Wenn man schnurstracks auf die Leute zugeht, bekommen sie Angst. Das funktioniert nicht.“

Mit offenen Armen bietet Horst Emrich Passanten auf der Königstraße eine Umarmung an. Foto: Scheffel/StZN

Unangenehme Reaktionen bekommt der 62-Jährige selten, erzählt er. Manchmal seien die Leute skeptisch. Dann erkläre er jedoch seine Intention und am Ende verstünden die Menschen den Sinn seiner Aktion besser. „Meistens wollen sie dann doch noch eine Umarmung“, sagt Emrich lachend.

„Wenn die Leute lachen, hast du schon gewonnen“

Gleichzeitig entwickelten sich bei der „Free Hugs-Aktion“ auch Gespräche mit Passantinnen und Passanten – viele vertrauten dem Stuttgarter dann auch sehr persönliche Schicksale und Geschichten an – gerade, wenn sie sich einsam fühlten, erzählt Emrich. Manche stellten sich dann sogar dazu, um selbst von anderen Vorbeigehenden umarmt zu werden.

Auch an diesem Nachmittag gesellt sich nach kurzer Zeit ein Mann zu Emrich und nimmt sich ein „Free Hugs“-Schild. Es sei das erste Mal, dass er selbst an der Aktion teilnehme, erzählt er, Emrich kenne er jedoch schon länger. „Jahrelang nicht berührt zu werden, das schmerzt, wie geschlagen zu werden“, sagt er. Aktionen wie diese würden da helfen.

„Jahrelang nicht berührt zu werden, das schmerzt, wie geschlagen zu werden“

Am häufigsten seien es allerdings Touristen und Menschen aus anderen Ländern, die sich auf die Umarmungen einlassen, erzählt Horst Emrich. „In anderen Kulturen und Ländern ist körperliche Nähe teils viel stärker verbreitet. In Deutschland sind die Leute da zum Teil reservierter“, findet der Stuttgarter, der bereits einige Zeit in Marokko und Afrika verbracht hat. Auch an diesem Nachmittag sind es viele Touristen, die sich eine Umarmung abholen.

Und auch, wenn sich die Leute nicht auf eine Umarmung einlassen, ihn dafür aber anlächeln, freut sich der gelernte Theaterpädagoge und Schauspieler. „Schon dieses Lächeln schüttet Oxytocin aus“, so Emrich. „Wenn die Leute lachen, hast du schon gewonnen.“

Kuschel- und Umarmungszonen in Stuttgart?

„Das Schöne daran ist auch, dass mich viele Leute auch nach Jahren wiedererkennen und wieder auf mich zukommen, wenn sie mich in der Innenstadt sehen“, erzählt der Stuttgarter. „Umarmungen schaffen ein langes Vertrauen.“

Dass der 62-Jährige selbst aus dem Theater-Bereich kommt, hilft ihm bei seinen Aktionen, wie er selbst sagt. „Ich konnte mich schon immer gut präsentieren. Gleichzeitig brauche ich den Abstand zum ,Publikum’ nicht. Ich bin gerne mittendrin.“ Doch auch persönliche Erfahrungen spielen laut Emrich mit hinein. „In meiner Familie und mit Freunden ging es schon immer sehr herzlich zu, Umarmungen waren normal“, erzählt er. „Ich habe das schon immer gelebt.“

Gerade in Zeiten von Kriegen und Krisen, seien Aktionen wie die „Free Hugs“ wichtiger denn je. Horst Emrich wird deshalb nicht müde, in Stuttgart unterwegs zu sein und neben Kuschel- und Theaterworkshops Umarmungen in der Innenstadt zu verteilen. „Es bräuchte in Stuttgart Flächen wie ‚Kuschelzonen’ oder ‚Umarmungszonen’“, sagt er. „Damit die Menschen, die in Stuttgart alleine sind, sich weniger einsam fühlen.“