Brasiliens Präsident Lula Foto: AFP

Während sich die brasilianische Regierung vor der Weltklimakonferenz als Retter des Regenwaldes feiert, verzweifeln die indigenen Völker am Amazonas.

Weißer Qualm steigt aus der Schüssel. Pagé Nato, der spirituelle Führer der Gemeinde Tupinambá am Amazonas-Zufluss Rio Tapajos, pustet den Rauch den Dorfbewohnern entgegen. Es ist ein traditionelles Ritual, mit dem Gäste und Besucher willkommen geheißen werden. Um die Verbindung zur Mutter Erde zu demonstrieren, stampfen die Menschen, die einen Ring um die Zeremonie bilden, mit den Füßen auf.

 

Wenige Tage vor Beginn der Weltklimakonferenz in der Millionenstadt Belém ist die COP 30 auch bei den Indigenen, die am Amazonas und dessen Zuflüssen leben, ein großes Thema. Und sie haben keine gute Meinung zu dem, was da in Belém passieren wird. Pagé Nato, der vom Volk der Tupinambá stammt, sagt: „Der Amazonas ist unser Zuhause. Für uns ist diese COP 30 eine Farce. Die brasilianische Regierung belügt die Welt über das, was hier mit den indigenen Völkern passiert.“ Es ist vor allem ein Wirtschaftszweig, der die Ureinwohner besorgt: der Soja-Anbau. Vorangetrieben vom linken brasilianischen Präsidenten Lula da Silva breitet sich der Anbau der Bohnen immer weiter aus. Geplante Eisenbahnprojekte und Autobahnen durch den Amazonas könnten dazu führen, dass sich die Agrarindustrie weitere Flächen des Regenwaldes einverleibt. Fast immer kommt es entlang dieser Infrastrukturprojekte zur Entwaldung, es entstehen Siedlungen oder neue Sojafelder.

„Der Soja-Anbau ist eine mörderische Kultur“

Welche Bedeutung der Soja-Anbau in Brasilien inzwischen hat, verdeutlichen die neuesten Zahlen: Die brasilianische Regierung prognostizierte im Oktober eine Rekordernte von 354,7 Millionen Tonnen Getreide und Hülsenfrüchten. Soja bleibt dabei mit einer geschätzten Ernte von 177,6 Millionen Tonnen das wichtigste Agrarprodukt des Landes. In den vergangenen zwölf Monaten wuchs damit nach offiziellen Angaben die Anbaufläche noch einmal um 3,6 Prozent und die Ernte um rund sechs Millionen Tonnen. Exportiert wird die Hülsenfrucht vor allem nach China, dem wichtigsten Handelspartner Brasiliens.

Weltklimakonferenz im Amazonasdelta /Grafik: Yann Lange

Für das Ökosystem und die Indigenen in der Amazonas-Region hat das alles jedoch dramatische Folgen: „Der Soja-Anbau ist eine mörderische Kultur. Weil er tötet. Es gab riesige Wälder mit großen Kastanienbäumen, die als Nahrungsquelle dienten und in denen wir Kastanien sammelten. Und was passiert? Alles wird gerodet, es entsteht ein riesiges Sojafeld“, sagt Pagé Nato. Der Soja-Anbau töte nicht nur die Wildtiere, sondern zerstöre das gesamte Ökosystem in der Region. „Wir essen kein Soja. Es geht auf einen anderen Kontinent, auf die andere Seite der Erde. Die abgeholzten Wälder machen uns traurig. Durch die Rodungen entstehen die vielen Klimakatastrophen.“ Nicht nur der Sojaanbau stößt bei den Flussanrainern auf Ablehnung. Die Regierung Lula will auch ein hoch umstrittenes Erdölförderprojekt im Mündungsbecken des Amazonas realisieren. Trotz heftiger Proteste von Umweltschützern erhielt der halbstaatliche Erdölkonzern Petrobras – auf Drängen Lulas – die Lizenz.

Ureinwohner wollen „Gipfel der Völker“ veranstalten

Der katholische Geistliche Edilberto Francisco Moura kämpft seit Jahrzehnten in der Region für die Rechte der indigenen Völker. Für den Öl-Rausch der Lula-Regierung am Amazonas hat er wenig Verständnis: „Wenn eine brasilianische Regierung eine Klimakonferenz im Amazonasgebiet veranstaltet und dort die Erdölförderung vorantreibt, widerspricht sie damit ihrem eigenen Plan, nämlich dem Schutz des Regenwaldes.“ Er fügt hinzu: „Zu sagen, dass man mit dem Geld aus dem Erdöl den Amazonas schützen wird, ist ein Widerspruch. Eigentlich ist das ein Skandal.“

Weil sich die Indigenen auf der COP 30 nicht repräsentiert fühlen, planen sie einen Gegengipfel. In Belém werden während der Konferenz tausende Ureinwohner erwartet, die dort einen „Gipfel der Völker“ veranstalten wollen. Sie hoffen dort auf internationale Unterstützung. Inzwischen hat sich aus ganz Lateinamerika eine Karawane zu Lande, zu Wasser und in der Luft in Bewegung gesetzt, um sich vor Ort Gehör zu verschaffen. Davon dass sich die Kameras der Welt auf diese spektakulären Demonstrationen richten werden, ist auszugehen. Auch die Indigenen wissen um die Macht der Bilder.

Am Ufer des Flusses Guamá hat unter anderem die „Golfinho Mar II” angelegt. Deutlich sichtbar ist ein Transparent mit einer klaren Botschaft in roter und schwarzer Schrift: „Wir fordern Finanzmittel”. Fast 200 Indigene, Mitglieder anderer traditioneller Völker und sozialökologische Aktivisten aus 21 Ländern – darunter Mexiko, Kolumbien, Brasilien und Chile – haben damit eine symbolische Reise des Widerstands beendet, die die „Allianz der Völker für das Klima“ organisiert hat. „Wir sind bereit, diese COP zur COP des Volkes zu machen. Es ist ein einzigartiger Moment, um die Gewalt, unter der wir leiden, anzuprangern und zu fordern: Klimafinanzierung für diejenigen, die das ökologisch wertvolle Territorium verteidigen“, sagt die indigene Aktivistin Val Munduruku.

„Unsere Stimme wird nicht gehört, wir sind ausgeschlossen“

Ähnlich formuliert es Brasiliens Präsident Lula da Silva. „Die Welt kann nicht nur von Brasilien verlangen, den Wald zu erhalten, sondern muss auch einen Beitrag leisten“, forderte er wenige Tage vor dem Klimagipfel. Gemeint ist damit vor allem „der Westen“, also die reichen Industrieländer. Allerdings ist vor allem China mit seinem Soja-Hunger und Brasilien selbst, das unter Lula das Geschäftsmodell des Soja-Exports in die Volksrepublik perfektioniert hat, für die Amazonas-Abholzung verantwortlich. Dass sich Lula auch an seinen wichtigsten Kunden wendet, ist bislang nicht bekannt. Peking genießt in Brasilia einen besonderen Schutz.

Zurück nach Belém. Dort wollen ab nächster Woche Tausende Indigene aus der Amazonas-Stadt ein großes Klimalager veranstalten. Priester Edilberto Francisco Moura steht dahinter: „Meine Hoffnung ist, dass die sozialen Bewegungen, die in Belém insbesondere beim Gipfel der Völker in großer Zahl anwesend sein werden, nach der COP ihre Kraft nutzen werden, um die Regierungen dazu zu zwingen, die Zerstörung der Umwelt zu beenden. Das ist meine Erwartung. Denn an die COP selbst habe ich keinerlei Erwartungen.“

Stephan Neumann vom katholischen Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat ist nach Belém gereist, um sich vor Ort ein Bild von der Lage der indigenen Völker zu machen. Seine Bilanz im Vorfeld des Klimagipfels fällt ernüchternd aus: „Sie sagen uns: Unsere Stimme wird nicht gehört, wir sind ausgeschlossen von der Klimakonferenz. Dabei gehöre ihnen der Amazonas. Das sagen sie sehr selbstbewusst, weil sie diejenigen seien, die den Amazonas, die Lunge dieses Planeten, schützen.“

Das Konfliktpotenzial am Amazonas ist enorm. Der voranschreitende Sojaanbau, die Erdölförderung, die illegalen Banden, die den Drogen- sowie den Goldabbau rücksichtslos vorantreiben. Bei den Indigenen verursacht all das bittere Enttäuschung über die Gastgeber der COP 30.

„Wir haben eine COP in unserem Haus, doch sie werfen uns von dort raus“

Pagé Nato klagt: „Der Amazonas leidet unter den Zerstörungen. Wir leiden unter den Klimakrisen. Voriges Jahr ist dieser Fluss hier praktisch ausgetrocknet und es wurde kein öffentlicher Notstand ausgerufen. Wir hatten kein Wasser mehr. In vielen Schulen fiel der Unterricht aus, weil die Kinder auf den Fluss angewiesen sind, um mit Booten zu den Schulen zu gelangen.“ Der spirituelle Führer der Tupinambá wirft Brasilia bewusstes Desinteresse an der Situation vor Ort vor: „Die brasilianische Regierung versucht uns zu dezimieren. Wir kämpfen Tag und Nacht ums Überleben.“ Besonders bitter ist aus seiner Sicht: „Wir haben eine COP in unserem Haus, doch sie werfen uns von dort raus, und dann wollen sie für uns diskutieren, als hätten wir kein Recht, für uns selbst zu kämpfen und zu sprechen.“

Umgerechnet 740 Millionen Euro investiert Brasilien in die Klimakonferenz. Damit soll Ministern, Diplomaten und Aktivisten aus aller Herren Länder ein Forum geboten werden, um Lösungen für die Klimakrise zu diskutieren. Ihre eigene indigene Bevölkerung kommt dabei nicht zu Wort.