Der Tagungsort ist ein Thermometer an der grünen Lunge der Welt Foto: IMAGO/Anadolu Agency

Der COP-Tagungsort Belém steht massiv in der Kritik. Bausünden, exorbitante Hotelpreise und urbanes Chaos prägen die Stadt.

Bevor Präsident Lula da Silva und die Vereinten Nationen 2023 auf die Idee kamen, die Weltklimakonferenz nach Belém zu vergeben, fand die Millionenstadt zwischen Amazonas und Atlantik wenig Beachtung. An der Peripherie Brasiliens gelegen, zehrte die Stadt vor allem von vergangenen Zeiten. Der Kautschukboom im ausgehenden 19. Jahrhundert bescherte Belém Reichtum. Aus dieser Epoche stammen die verwitterten und verfallenden Art-déco-Gebäude im Zentrum und am Hafen, die gusseiserne Ver-o-peso-Markthalle, Theater und Plätze. An diesen Orten wirkt die COP-Gastgeberstadt wie aus der Zeit gefallen.

 

Verkehrschaos und Bausünden

Aber mit dem Zuschlag für das Klimatreffen kamen gut 600 Millionen Euro nach Belém, und aus der verschlafenen und an vielen Ecken abgerockten Metropole an der Guajará-Bucht sollte eine moderne Konferenzstadt werden. Geklappt hat das nur mäßig. Belém prägen Verkehrschaos, infrastrukturelle Defizite und umstrittene Bauvorhaben rund um die COP30, die hier von Montag an rund 50 000 Menschen aus nahezu 200 Ländern beherbergen soll. Es dominiert eine Mischung aus Hochhäusern, teuren Wohn- und Bürotürmen, modernen Einkaufszentren sowie klassischer lateinamerikanischer Tristesse mit Schlaglöchern, dunklen Straßen und offener Armut. Immerhin sind für die Klimatagung in der Stadt 3000 Quadratmeter neues Grün dazugekommen.

Von elf auf 880 Euro fürs Hotelzimmer

Übertüncht wird das durch frisch asphaltierte Straßen und hellen Anstrich an vielen Häusern. Der Flughafen wird modernisiert. Aus dem ehemaligen Militärflughafen Brigadeiro Protásio entstand ein beinahe ganz neuer Stadtteil. In die Schlagzeilen gerieten Stadt und lokale Hotels durch missbräuchliche Preise, die lange für die knappen Unterkünfte aufgerufen wurden. Zwischenzeitlich drohten Regierung und UN damit, der Stadt die Konferenz ganz zu entziehen. Besonders krasses Beispiel: eine Absteige, die gewöhnlich für die Nacht elf Euro berechnet, schrieb während der COP 880 Euro pro Übernachtung in die Preisliste. Belém kam nicht schnell genug nach mit dem Bau von Hotelkapazitäten, sodass zwei Kreuzfahrtschiffe mit 6000 Plätzen angemietet werden mussten. Auch Stundenhotels, umgebaute Schulen, Hallen und alles, was gerade noch als würdige temporäre Unterkunft dienen kann, hat ein Bett für die Gäste aus der ganzen Welt aufgestellt.

Abgesehen davon war es eine symbolstarke Idee, dieses entscheidende Weltklimatreffen nach Belém zu geben. Zum einen liegt die Stadt faktisch am Tor zum Amazonas-Regenwald, sie ist also im übertragenen und direkten Sinne das Thermometer an der grünen Lunge der Welt. Zum anderen entwickelt sie sich laut Klimaforschern gerade zu einem der Hotspots der globalen Erderwärmung. Zwischen 1970 und 2023 verzeichnete Belém einen Anstieg der Höchsttemperatur um fast 2°C auf durchschnittlich 33 Grad. Bis 2050 droht die Stadt zum zweitheißesten urbanen Zentrum des Globus zu avancieren.

Neue Ölbohrungen im Mangrovenwald

Zudem lassen sich hier nahezu idealtypisch die Widersprüche und Streitthemen in der Klimapolitik sehen. Kurz vor dem UN-Gipfel erteilte das brasilianische Umweltinstitut IBAMA dem halbstaatlichen Ölkonzern Petrobras die Erlaubnis, nicht weit vom Ort der COP30 nach Öl zu suchen. Mit dem Beginn der Tagung starten die Bohrungen 170 Kilometer vor der Küste an einer der längsten Mangrovenküsten der Welt. Und im Tagungszentrum ringen die Verhandler gleichzeitig um das Ende der fossilen Brennstoffe. Präsident da Silva findet es völlig ok.

Wenn Vanuza Cardoso über die COP30 spricht, verfinstert sich ihr Gesicht. Für sie und ihren „Quilombo Abacatal“, eine afrobrasilianische Gemeinde am Rande von Belém, hat die Tagung nur Ärger gebracht. Die Gemeinschaft existiert mehr als 300 Jahre. Heute leben hier 500 Menschen auf 15 Hektar. Aber nun erreicht sie die Zivilisation, ohne dass sie gefragt wurden. Vor den Toren der Gemeinde sind Bagger und Lkw im Einsatz, wurde planiert und gebaut, um die COP zu ermöglichen. „Unsere Lebensform ist bedroht.“ Keiner habe Rücksicht genommen, dabei genießen die Quilombos in Brasilien die gleichen Schutzrechte wie die Indigenen-Gebiete. „Wir wurden vor vollendete Tatsachen gestellt, “ klagt Vanuza Cardoso.