Das Nürtinger Welthaus-Projekt der „Bürger:innen Genossenschaft“ ist zwar noch lange nicht abgeschlossen, bringt aber bereits die Menschen in der Stadt zusammen. Im November soll im Erdgeschoss ein größerer Umbau beginnen. Das ist geplant.
„Das Projekt nimmt richtig Fahrt auf – viel schneller als erwartet“, sagt Werner Krempel, Mitinitiator und Mitglied im vierköpfigen Vorstand der „Bürger:innen Genossenschaft Nürtingen“. Das Projekt ist ehrgeizig und Teil des Netzwerks der Internationalen Bauausstellung 2027 in der Stadtregion Stuttgart (IBA’27). Die Genossenschaft hat mitten in der Nürtinger Innenstadt ein Geschäftshaus gekauft, der Umbau zum gemeinnützigen Welthaus ist inzwischen angelaufen.
Im Oktober dreht sich alles um nachhaltigen Konsum
Bereits im Frühjahr lief die Zwischennutzung im Erdgeschoss des vierstöckigen Gebäudes in der Kirchstraße an. Zusammen mit der Stadt und der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU), hatten die Genossen ein dreiphasiges Konzept ausgetüftelt. Zunächst bespielten Institutionen und Organisationen wie das Integrationsbüro, der Stadtjugendring oder der Soziale Träger „Leben Inklusiv“ die Räumlichkeiten, das zweite Quartal stand zusammen mit der HfWU im Zeichen der nachhaltigen Stadtentwicklung und Stadtplanung, so wurden etwa studentische Projekte und Ausstellungen ermöglicht. Es folgten die Stiftung Ökowatt, die Nürtinger Klimataskforce und die Stadtwerke, zum Abschluss von August bis Oktober dreht sich nun im Welthaus alles um nachhaltigen Konsum – dabei werden etwa der Unverpackt- und Weltladen sowie Akteure aus dem Secondhand-Handel interimsweise einziehen.
Im zweiten Obergeschoss entsteht eine Weltküche
Danach wird zunächst das Erdgeschoss saniert, damit der Weltladen Anfang 2025 dort eröffnen kann. Eigentlich sollten das erste und zweite Obergeschoss gewerblich vermietet bleiben, letztlich braucht die Genossenschaft diese Einnahmen, um das ehrgeizige Gesamtprojekt zu stemmen – zum Kaufpreis von gut einer Million Euro komme sicherlich nochmals dieselbe Summe obendrauf, um das Gebäude komplett zu sanieren, schätzte Krempel bereits im Frühjahr. Nun hat sich die Mieterin im zweiten Obergeschoss doch schneller als erwartet verabschiedet – zwar fehlen nun die Mieteinnahmen, aber gleichzeitig eröffnete sich die Möglichkeit, dort bereits mit den Umbaumaßnahmen zu starten. Geplant ist ein multifunktionaler Raum namens „Weltküche“, der von Gruppierungen und Organisationen aller Art genutzt werden soll. Da sich aus der Zwischennutzung heraus schon einige Gruppen gebildet haben, die sich derzeit regelmäßig im Erdgeschoss treffen, peilen die Genossen nun an, ihre „Weltküche“ bereits im November zu eröffnen. Der Vorteil: Zeitgleich startet dann die Sanierung im Erdgeschoss und die Gruppen können ihre Aktivitäten im zweiten Obergeschoss nahtlos fortführen.
„Die Nutzung im EG hat eine gewisse Eigendynamik gewonnen“, erklärt Dirk Funck. Der HfWU-Professor ist ebenfalls Vorstandsmitglied der Genossenschaft. Neben der Vorstellung der Zwischenmieter, wie etwa im Juli die Nürtinger Stadtwerke, werde im Welthaus inzwischen Theater gespielt, gekocht, gemalt oder gestrickt. So bringt beim Kochevent „Resteküche“ immer mittwochs jeder seinen persönlichen „Best-of-Kühlschrank“-Bestand mit und gemeinsam wird daraus ein leckeres Abendessen zubereitet. Also ganz im Sinne des Credos der Genossenschaft, die gemeinsam die Welt ein Stück besser machen und dabei das gesellschaftliche Miteinander in der Stadt fördern möchte.
Die frühere Besitzerin des Kaiserhauses verfolgt die Entwicklung
„Wir sind mit unserer Mission in Nürtingen angekommen. Jeder weiß, was das Welthaus ist. Das ist nach gerade mal einem halben Jahr ein großartiger Erfolg“, zieht Funck stolz ein positives Zwischenfazit. Die Nutzer und Besucher kommen aus der ganzen Stadt, über alle Generationen weg. Auch Menschen, die bislang nicht viel mit Weltladen oder „Bürger:innen Genossenschaft“ am Hut hatten, wie Krempel betont. So stattet etwa die ehemalige Besitzerin Almut Kaiser, die der Genossenschaft das einst als Kaiserhaus in Nürtingen bekannte Gebäude verkauft hat, dem Projekt regelmäßig Besuche ab. Sie freue sich sehr, dass das Welthaus so gut angenommen werde, sagt Funck.
Auch das erste Obergeschoss soll der Weltladen später bespielen
Fünf Monate planen die Genossen von November an für den Umbau des Erdgeschosses ein. Der Weltladen soll im ersten Quartal 2025 umziehen und hat dann etwa 20 Prozent mehr Fläche zur Verfügung. Auf lange Sicht ist geplant, dass er auch das erste Obergeschoss bespielt. „Aber das wird erst in ein paar Jahren soweit sein“, sagt Funck. Er rechnet für diesen Umbau zusätzlich mit einer sechs- bis siebenstelligen Summe.
Auch der Keller macht den Genossen derweil Sorgen: Wegen der intensiven Regenfälle sind die Wände im Gewölbe teils feucht und müssen entsprechend behandelt werden. „Alles in allem ist es enorm viel Arbeit – aber es lohnt sich“, sagt Funck. Die Genossenschaft habe eine Vision – und ist dieser durch die Zwischennutzung schon ein gutes Stück näher gekommen.
Ein Haus für den fairen Konsum
Idee
Die „Bürger:innen Genossenschaft Nürtingen“, die sich aus dem Weltladen heraus gegründet hat, hat mitten in der Nürtinger Innenstadt für knapp 1,1 Millionen Euro ein Haus gekauft, das zum gemeinnützigen Welthaus umgebaut werden soll. Die Vision: Raum für fairen Konsum schaffen, bezahlbare Mieten generieren und das gesellschaftliche Miteinander in der Stadt fördern.
Finanzierung
Gestartet ist die Bürgergenossenschaft 2023 mit 200 Mitgliedern, die jeweils Geschäftsanteile im Wert von mindestens 400 Euro gezeichnet hatten. Mittlerweile gibt es 363 Mitglieder mit insgesamt 1786 Anteilen – damit beläuft sich das Eigenkapital der Genossen aktuell auf 715 000 Euro. Zuletzt habe sich der Zulauf wieder etwas beruhigt, bedauert der Genossenschaftsvorstand Dirk Funck. Der Professor hofft, dass im Herbst wieder mehr Anteile gezeichnet werden: „ Aber wir sind immer noch besser als unser Businessplan.“
Informationen online unter: www.welthaus-nt.de