Im Verlauf der Pandemie und in der schlimmsten Gesundheitskrise seit Jahrzehnten leisteten sich die WHO und ihr Chef etliche Fehler. Damit büßte die Organisation Glaubwürdigkeit und Autorität ein – ihr wichtigstes Kapital.
Es war wie eine Vorahnung. Zu Beginn seiner Amtszeit 2017 warnte der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation, Tedros Adhanom Ghebreyesus, vor möglichem Unheil: „In der heutigen, verflochtenen Welt können Krankheiten und Epidemien jeden und überall bedrohen.“ Die Voraussage bewahrheitete sich auf tragische Weise Ende 2019: Aus China kommend, nahm die Coronapandemie ihren tödlichen Lauf. Millionen Infizierte überlebten die Krankheit Covid-19 nicht. Die Menschheit erlebte ihre schlimmste Gesundheitskrise seit Jahrzehnten. Mittendrin stand die Weltgesundheitsorganisation – und sie kam immer stärker unter Beschuss.
Die WHO übernahme in der Pandemie koordinierende Aufgaben
Die WHO übernahm in Einklang mit den internationalen Gesundheitsvorschriften koordinierende Aufgaben. Sie trieb die Entwicklung eines Impfstoffes gegen Covid-19 voran. Sie lieferte Schutzbekleidung. Sie trainierte Pflegekräfte. Sie gab Empfehlungen. Im Krisenzentrum der WHO, bekannt als SHOC Room (Strategic Health Operations Centre), tief unter der Genfer Zentrale, beobachteten der WHO-Chef und sein Team auf Monitoren den Vormarsch des Erregers.
Doch büßte die Organisation durch Ungeschicklichkeiten und Versäumnisse Glaubwürdigkeit und Autorität ein – ihr wichtigstes Kapital. Beispiele sind etwa widersprüchliche Aussagen von WHO-Funktionären zum Maskentragen und das Zögern, einen internationalen Gesundheitsnotstand auszurufen. „Die WHO verfolgt keine klare übergeordnete Strategie im Kampf gegen die Pandemie“, urteilte Jeremy Youde, Sozialwissenschaftler von der University of Minnesota Duluth, USA. „Das ist das größte Versagen der WHO.“ Die gröbsten Schnitzer unterliefen der WHO-Führung im Verhältnis zu China, dem Ursprungsland des Corona-Erregers. Tedros überschüttete das autoritär regierte Reich der Mitte zu Beginn der Covid-Krise mit Lob, auch für seine „Transparenz“. Noch Ende Januar 2020 behauptete er: „China setzt derzeit neue Maßstäbe bei der Reaktion auf einen Ausbruch.“
China unterdrückte wichtige Informationen und zensierte Berichte
Tatsächlich unterdrückte China wichtige Informationen, zensierte Berichte, hielt Material zurück – etwa über den genetischen Code des Erregers. „Die WHO war ein Opfer dieser Zensur, wie so viele andere auch“, erklärte Kenneth Roth, damals Exekutivdirektor von Human Rights Watch.
Für den 2020 regierenden US-Präsidenten Donald Trump erwiesen sich die WHO und Peking als ideale Sündenböcke. So lenkte er von eigenem Versagen im Kampf gegen die Pandemie ab. Trump beschuldigte die WHO, sie habe „schwerwiegend versagt und die Ausbreitung des Corona-Erregers vertuscht“. Die WHO rutschte zwischen die Fronten der mächtigen Rivalen USA und China. Trump leitete den Austritt der USA aus der WHO ein. Viele europäische Staaten, allen voran Deutschland und Frankreich, standen jedoch weiter zur WHO, auch finanziell.
Erst mit Joe Biden als US-Präsident kehrte wieder Normalität in das Verhältnis Washingtons zur WHO ein. Biden stoppte den WHO-Austrittsprozess seines Landes. Und WHO-Chef Tedros schaffte 2022 in der Weltgesundheitsversammlung trotz Pandemie seine Wiederwahl. Seitdem wirbt Tedros für die Verabschiedung eines Pandemievertrages: Das Abkommen soll die Welt und die WHO besser für einen neuen Seuchenausbruch rüsten.