Welternährungstag Oft wissen wir nicht, wie viel wir essen und trinken

Von Sandra Markert 

Der heutige Welternährungstag will daran erinnern, wie viele Menschen anderswo an Hunger leiden. Deutsche dagegen essen häufig zu viel – auch, weil sie die Portionsgrößen unterschätzen. Wissenschaftler haben jetzt herausgefunden, woran das liegt.

Stuttgart - Eigentlich praktisch, so eine Riesen-Schokoladentafel mit 250 Gramm. Muss man schon nicht so oft einkaufen, denkt sich der Kunde. Doch kaum geöffnet, ist die Tafel meist genauso schnell verputzt wie eine normal große, die nur 100 Gramm wiegt. Nur, der Mensch nimmt das nicht wahr: „Wir neigen dazu, Portionsgrößen kleiner einzuschätzen, als sie sind“, sagt Bernd Weber, Professor für Neurowissenschaften an der Uni Bonn.

Um diesen Effekt zu erklären, hat Weber zusammen mit einem internationalen Forscherteam mehreren Gruppen von Kindern und Erwachsenen Bilder mit unterschiedlich großen Portionen gezeigt. Je mehr Schokoladenstückchen, Gummibärchen oder Karotten auf den abgebildeten Tellern lagen, umso schlechter konnten die Teilnehmer die Portionsgröße einschätzen. „Im Durchschnitt nehmen wir eine Größenveränderung von 100 Prozent nur als 50 bis 70 Prozent größer wahr“, sagt Weber.

Offensichtlich ist das menschliche Gehirn auf eine solche Aufgabe schlecht vorbereitet – vor allem dann, wenn ein ­Teller nicht nur voller, sondern gleichzeitig auch größer und tiefer wird. Oder aber die Schokoladentafel wird nicht nur länger, sondern auch noch breiter und dicker. „Länge oder Dicke ändern sich für das Gehirn dann kaum wahrnehmbar, die Menge insgesamt steigt aber erheblich“, sagt Weber.

Die Lebensmittelindustrie macht sich diesen Verzerr-Effekt mit zwei verschiedenen Strategien zunutze. So sind die Portionsmengen bei Chips, Softdrinks oder Gummibärchen in den letzten Jahren stetig gestiegen. Enthielt die klassische Gummibärchentüte vor 30 Jahren beispielsweise noch 75 Gramm, gibt es heute Tüten mit bis zu 300 Gramm. „Der Herstellungspreis steigt nur minimal, wenn ich etwas mehr abfülle. Verkaufen lässt sich ein solches XXL-Produkt aber deutlich teurer“, sagt Weber.

Bei abgepackten Lebensmitteln immer Grundpreise vergleichen

Dieser Verzerr-Effekt funktioniert aber auch in die umgekehrte Richtung: Indem die Lebensmittelunternehmen die Verpackungen in Höhe, Breite und Tiefe schrumpfen lassen. „Meist bleibt der Preis gleich, der Kunde bemerkt den geringeren Inhalt nicht und kauft eine Mogelpackung“, sagt Sabine Holzäpfel, Ernährungswissenschaftlerin von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg.

Um dem zu entgehen, sollten Kunden bei abgepackten Lebensmitteln immer die Grundpreise vergleichen – und sich nicht an den Verpackungsgrößen orientieren. „Und selbst wenn eine XXL-Packung dabei günstiger abschneidet, muss ich mir überlegen, ob ich den Inhalt wirklich essen kann oder die Hälfte wegwerfen muss“, sagt Holzäpfel. Gespart habe man dann nämlich nichts.

In Restaurants allerdings, wo es keine Angaben zu Gewicht und Größe der Portionen gibt, ist so ein Vergleich deutlich schwieriger. Dabei sind aber gerade in der Gastronomie die Portionsgrößen in den vergangenen 15 Jahren deutlich gestiegen, wie Yann Cornil von der Business-School Insead in Frankreich bestätigt. Auch Cornil gehört zu Webers Forschungsteam.

Dass die Menschen ihre Teller in Restaurants dennoch häufig leer essen, zeigte schon vor einigen Jahren ein Experiment an der Universität Göttingen: Die Testesser bekamen einen Teller Suppe, der über einen versteckten Schlauch ständig wieder aufgefüllt wurde. Ein Teil der Tester hörte auf zu essen, sobald er satt war – unabhängig vom Suppenrest im Teller. „Dabei achtet man nur auf seine inneren Reize, so wie es vor allem Säuglinge und Kleinkinder machen“, sagt Ernährungspsychologe Thomas Ellrott von der Uni Göttingen.

In Schulkantinen gesunde Gerichte ­seltener verschmähen

Der andere Teil der Teilnehmer versuchte vergeblich, den Teller leer zu essen – und aß dabei sehr große Mengen. „Hier überwiegen die Außenreize: Man hat gelernt, den Teller leer zu essen oder dann zu essen, wenn Zeit dafür ist, und nicht dann, wenn der Hunger am größten ist“, sagt Ellrott.

Menschen, die auf solche Außenreize getrimmt sind, bekommen nun Hilfe von unerwarteter Seite: So fordert der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) Restaurants, Cafés und Bistros dazu auf, unterschiedliche Portionsgrößen anzubieten. Allerdings nicht nur, um das Essverhalten der Gäste positiv zu beeinflussen. Die Forderung ist ein Punkt auf einer Checkliste, mit der der Dehoga die Lebensmittelabfälle in der Gastronomie zu verringern versucht.

Doch auch wenn der Gast nun selbstbestimmt zu einem kleineren Gericht greifen kann, so gehen dem Neurowissenschaftler Bernd Weber diese Neurungen nicht weit genug: Er möchte insbesondere in Schulkantinen dafür sorgen, dass gesunde Gerichte ­seltener verschmäht werden. Auch dabei sollen ihm die Forschungsergebnisse zu den Portionsgrößen helfen. „Bei unseren Versuchen haben wir auch festgestellt, dass die Portionen realistischer eingeschätzt werden, wenn die Menschen das angebotene Essen zwar mögen, gleichzeitig aber auch mitgeteilt bekommen, dass es ungesund ist.“

Pommes als Beilage könnten so beispielsweise rot gekennzeichnet werden. Lässt ein Kind sie stehen, möchte Weber dieses Verhalten zusätzlich belohnen – mit einer Art Punktesystem wie bei Vielfliegern. „Gesunde Mahlzeiten geben mehr Punkte, ab einer bestimmen Punktezahl könnte die Klasse dann beispielsweise einen Ausflug machen.“

Ob sich Kinder mit der Aussicht auf eine Wanderung locken lassen, ist wieder eine andere Frage. Aber noch hat Weber zu dieser neuen Idee auch nicht richtig geforscht.

Lesen Sie jetzt