Anlässlich des Welt-Aids-Tags am Sonntag veranstaltet die Aids-Hilfe mehrere Aktionen. Mit der Kirche geht man in diesem Jahr getrennte Wege. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko/Lichtgut/Max Kovalenko

Anlässlich des Welt-Aids-Tags am 1. Dezember laden zwei Stuttgarter Veranstalter zu Aktionen und zum Gedenken an die Verstorbenen ein. Doch statt wie bisher Gemeinsamkeit zu demonstrieren, geht die Aids-Hilfe deutlich auf Distanz zur Kirche.

Stuttgart - Solidarität mit HIV-Infizierten und Aids-Kranken, dazu ruft der Welt-Aids-Tag seit 1988 jedes Jahr am 1. Dezember auf. Für drei Institutionen in Stuttgart ist dieser Tag traditionell Anlass, Zeichen im Kampf gegen die Verbreitung der Krankheit zu setzen und der Verstorbenen zu gedenken: den Verein Aids-Hilfe, die Aids-Seelsorge der Katholischen Kirche Stuttgart und die Aids-Seelsorge der evangelischen Landeskirche. Doch seit dem vergangenen Sommer schwelt ein Konflikt, der nun erneut zutage tritt: Der Verein Aids-Hilfe lädt nur noch zu den eigenen Aktionen ein, einen Verweis auf den Gottesdienst der beiden Aids-Seelsorger gibt es in diesem Jahr nicht mehr.

Kein Seelsorger am Glühweinstand

Nach den Gründen befragt, sagt Franz Kibler, der Geschäftsführer der Aids-Hilfe: „Die Aids-Seelsorge Stuttgart hat nie auf unsere Veranstaltung verwiesen, während wir immer auch zu deren Gottesdienst eingeladen haben. Wir werben jetzt einfach nur noch für unsere Veranstaltung.“ Geschäftsführer und Vorstand hätten beschlossen, einige Dinge künftig anders zu machen: „Wir können keine Nähe zelebrieren, die inhaltlich nicht mehr da ist.“

Das geht nun offenbar so weit, dass unter anderem der evangelische Aids-Seelsorger Eckhard Ulrich, bisher jedes Jahr ehrenamtlich am Glühweinstand der Aids-Hilfe im Einsatz, während dieses Weihnachtsmarktes kein Heißgetränk mehr ausschenkt. „Wir waren uns mit Pfarrer Ulrich einig, dass es unpassend ist, wenn er sich für eine Organisation engagiert, die er nicht schätzt“, sagt Kibler.

Eckhard Ulrich möchte die Distanz, auf die Franz Kibler geht, nicht kommentieren. „Mir geht es darum, dass sich die Betroffenen sowohl bei der Aids-Hilfe als auch bei uns angenommen und gut begleitet fühlen.“ Auch sein Kollege Uwe Volkert möchte die „Meinungsverschiedenheiten“ nicht über Medien austragen, „wir sollten lieber miteinander sprechen“, sagt er. In seiner Begegnungsstätte habe er – „wie jedes Jahr“ – offiziell zu den Veranstaltungen der Aids-Hilfe am kommenden Sonntag eingeladen. Da er das gemeinsame Anliegen unterstütze, werde er sowohl am Café-Nachmittag in der Katholischen Aids-Seelsorge teilnehmen, als auch an der Aktion der Aids-Hilfe am Schlossplatz und am Gottesdienst der Aids-Seelsorger in der Leonhardskirche. Ulrich: „Wir möchten in der Zukunft gern wieder, wie in all den Jahren zuvor, mit möglichst vielen zusammenarbeiten.“

Zahl der Neuinfektionen weiterhin rückläufig

Aids ist 1981 in den USA zum ersten Mal bemerkt worden und hatte sogleich den Vorurteile schürenden Titel weg: „Schwulenseuche“ oder „Schwulenpest“. Die Angst davor löste weltweit Hysterie aus, der CSU-Politiker Peter Gauweiler dachte gar laut über Lager für Aids-Kranke und Zwangstests für Homosexuelle nach. Selbst heute kämpfen Betroffene und Angehörige noch gegen Stigmatisierung.

Laut Robert-Koch-Institut geht die Zahl der HIV-Neuinfektionen in Deutschland seit 2015 zurück; 2400 Menschen infizierten sich im Jahr 2018, etwa 100 weniger als im Vorjahr. Das Ansteckungsrisiko könne dank neuer Prophylaxe-Präparate um 90 Prozent reduziert werden, deren Kosten würden seit dem 1. September 2019 von den Gesetzlichen Krankenkassen übernommen, und dank neuer Therapien seien HIV-Infizierte nicht mehr infektiös. „Das“, so Franz Kibler, „sind die eigentlichen, die wichtigen Themen am Welt-Aids-Tag“. Bundesweit steht die Kampagne in diesem Jahr unter dem Appell „Streich die Vorurteile“.

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