Welt-Aids-Tag in Stuttgart Die Angst vor dem Virus in der Pflege

Von Viola Volland 

Eine Pflegekraft der Jungen Pflege richtet die HIV-Medikamente. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Eine Pflegekraft der Jungen Pflege richtet die HIV-Medikamente. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Zahl der pflegebedürftigen HIV-Patienten steigt. Die Träger der Altenhilfe seien darauf ungenügend vorbereitet, heißt es bei der Deutschen Aids-Hilfe. Denn die Ängste von Pflegekräften seien unbegründet.

Stuttgart - Es ist nicht einfach, für Werner Borchert (Name geändert), Ex-Junkie und HIV-Patient, einen ambulanten Pflegedienst zu finden. Bisher hat sich der Sozialarbeiter von der Stuttgarter Aids-Hilfe, der sich um den End-Fünfziger kümmert, nur Absagen abgeholt. Borchert hat ein offenes Bein, das regelmäßig versorgt werden müsste. Seine HIV-Infektion sei aber wahrscheinlich nicht der Hauptgrund für die Absagen, glaubt Franz Kibler, der Geschäftsführer der Stuttgarter Aids-Hilfe. Borchert hat sich während seiner Drogenkarriere mit Hepatitis C angesteckt. Das wirke offenbar abschreckend, obwohl auch hier die normalen Hygieneregeln reichten, um sich nicht zu infizieren, so Kibler.

Das Thema Pflege wird wichtiger in der Aids-Hilfen-Arbeit. Aufgrund der antiretroviralen HIV-Medikamente können die Infizierten mit dem Virus alt werden – und immer mehr werden es. Von der Antragstellung für einen Pflegegrad bis zur Organisation des Pflegedienstes oder des stationären Platzes in einem Pflegeheim: Diese Aufgaben beschäftigten die Sozialarbeiter inzwischen vermehrt, so Kibler.

Irrationale Ängste, sich zu infizieren

Schon jetzt seien laut Deutscher Aids-Hilfe rund 40 Prozent der HIV-positiven Menschen in Deutschland älter als 50 Jahre – ab dann gelten chronisch Kranke als alt. Der Großteil der „Alten“ sei zwischen 50 und 59 Jahre. Die Zahl der pflegebedürftigen HIV-Patienten dürfte also bald deutlich steigen. „Darauf muss sich die Pflegelandschaft vorbereiten“, fordert Silke Eggers, Referentin bei der Deutschen Aids-Hilfe, vor dem Welt-Aids-Tag an diesem Freitag. Im Einzelfall kriege man die Vermittlung zwar hin, aber „das wird ein Problem werden, wenn die Gruppe größer wird“, sagt Eggers. Sie hält Aufklärung für geboten, damit das Klientel nicht angesichts der knappen Pflegeheimplätze hinten runter fällt. Immer noch bestünden irrationale Ängste, sich zu infizieren. Durch die Medikamente seien die Viren in der Regel unter der Nachweisgrenze, die Person sei nicht mehr ansteckend. Doch selbst wenn jemand eine hohe Viruslast habe, müssten die Pflegekräfte sich keine Sorgen machen: „Die ganz normalen Hygiene- und Sicherheitsstandards reichen aus, um eine HIV-Infektion zu verhindern“, beruhigt Eggers.

Abgesehen vom Fall Borchert ist es der Stuttgarter Aids-Hilfe bisher immer gelungen, einen Pflegedienst oder einen Pflegeheimplatz für die Klienten zu organisieren, berichtet Kibler. Man müsse allerdings ein paar Anrufe mehr tätigen. „Wir haben einzelne Fälle, bei denen Schwierigkeiten auftreten, bei denen es beim Pflegedienst heißt, meine Mitarbeiter weigern sich, aber das ist nicht die Regel“, sagt Kibler. Was Pflegeheimplätze angeht, seien diese generell rar – eine Absage müsse nicht unbedingt mit der HIV-Infektion zusammenhängen.

Zunächst herrschte Panik – die Ängste sind aber schnell wieder verflogen

Erfahrungen von Stuttgarter Trägern bestätigen, dass die Aufnahme eines Bewohners mit HIV erst einmal Unruhe beim Personal auslösen kann. „Der Anfang war schwierig, die Mitarbeiter haben panisch reagiert, da mussten wir viele Fortbildungen machen“, erinnert sich Manuela Dahme, Pflegedienstleiterin im Haus auf der Waldau der Evangelischen Heimstiftung. Vor rund acht Jahren sind vier HIV-Patienten bei ihnen eingezogen. Die Ängste seien aber schnell verflogen. „Das sind Patienten wie alle anderen auch, da ist eine Gelassenheit eingekehrt“, erzählt Dahme. Für die Pflegekräfte gebe es deutlich anspruchsvollere Situationen: ein Bewohner mit MRSA-Keim zum Beispiel.

„Die Diagnose HIV verunsichert natürlich zuerst – wie aber jede andere Infektionskrankheit auch“, so Sabine Bergmann-Dietz, Geschäftsführerin des städtischen Eigenbetriebs Leben und Wohnen. Bei ihnen würden alle Mitarbeiter jährlich zu Infektionskrankheiten, darunter HIV, geschult. Erfahrungen mit Bewohnern in Einrichtungen gebe es wenige. In der Jungen Pflege im Mehrgenerationenhaus Heslach des Eigenbetriebs sind schon HIV-infizierte Bewohner eingezogen. Beim ersten Mal habe es Befürchtungen seitens der Mitarbeiter gegeben, doch die Ängste hätten sich schnell gelegt, berichtet der Einrichtungsleiter Andreas Weber. Kritisch sei es allerdings einmal in der Vergangenheit geworden: Ein Mann mit kognitiven Einschränkungen wollte plötzlich seine Medikamente nicht mehr nehmen. Nur mit viel Einsatz sei es gelungen, ihn umzustimmen.

Momentan sei ein Bewohner HIV-positiv. Weber spricht von einer „großen Gelassenheit“, mit der das Pflegepersonal dem Thema begegne. Eigentlich spiele es im Alltag keine Rolle. Der einzige Unterschied sei, dass schwangere Mitarbeiterinnen HIV-Patienten nicht pflegen dürften. „HIV macht uns keine Angst“, sagt Weber. Anders sei das bei Hepatitis C. „Das macht schon Angst.“

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