Rund fünfzehn Prozent der drei- bis 17-Jährigen in Deutschland sind übergewichtig. Foto: dpa

223 Millionen Schulkinder sind weltweit übergewichtig. Bis zum Jahr 2025 könnte ihre Zahl sogar auf 268 Millionen ansteigen. Worauf Eltern bei der Ernährung achten sollten, erklärt der Kinderarzt Herbert Renz-Polster.

Stuttgart - Auch in Deutschland leiden viele Kinder und Jugendliche an Fettsucht oder Adipositas: etwa fünfzehn Prozent der drei- bis 17-Jährigen sind nach Angaben der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) hierzulande übergewichtig.

Herr Renz-Polster, haben Sie selbst Kinder?
Ich habe vier. Die sind schon erwachsen.
Was haben Ihre Kinder früher als Pausenbrot mit in die Schule bekommen?
Das, was meine Frau und ich auch gegessen haben: Belegte Brote, dazu Apfelschnitze.
Wie gelingt es denn, Kinder an eine gesunde Ernährung heranzuführen?
Eigentlich sehe ich schon diesen Vorschlag etwas kritisch. Denn Kinder müssen nicht zum Essen erzogen werden. Normalerweise entwickeln sie ihren Geschmackssinn und ihre Fähigkeit gesund zu essen, wenn sie ein paar Brücken von den Eltern bekommen.
Wie können solche Brücken aussehen?
Eine dieser Brücken wäre, dass die Kinder in einem positiven Umfeld Essen ausprobieren dürfen. Positiv heißt, dass die Stimmung gut ist, dass die Kinder sich wohl fühlen, nicht gestresst sind. Das ist für ihr Lernen allgemein eine wichtige Voraussetzung.
Kinder sollte man also nicht dazu zwingen, ihren Teller leer zu essen?
Nein. Denn das stellt eine Stresssituation dar. Kinder nähern sich der Nahrungswelt nicht per Diktat, sondern indem sie üben. Man weiß aus Experimenten mit Kleinkindern, dass sie zwischen acht und 15-mal die Gelegenheit brauchen zuzugreifen. Wenn sie gute Erfahrungen machen, gehen sie schrittweise auf das neue Nahrungsmittel zu.
Wie wichtig ist eine gesunde Ernährung?
Solange sich die Kinder nicht allzu einseitig ernähren, sind sie in der Regel gut aufgestellt. In unserem Umfeld kommen Mangelernährungen kaum mehr vor.
Süßigkeiten sind also ab und zu okay?
Auf jeden Fall. Natürlich ist es eine gute Idee, Süßigkeiten zu rationieren. Aber es ist nicht automatisch so, dass Kinder von ihnen süchtig werden oder Schaden nehmen.
Was kann man tun, wenn das Kind auf einmal nur noch Nudeln mit Ketchup essen will?
Unter den vierjährigen Kindern gibt es etwa 20 Prozent, die kein Gemüse essen. Sie unterscheiden sich aber in ihrem weiteren Entwickungsverlauf nicht von denen, die das tun. Wir Menschen sind zum Beispiel sehr unterschiedlich, was unsere Empfindlichkeit gegenüber Bitterstoffen angeht. Kinder, die sie deutlicher herausschmecken, brauchen länger, um sich etwa an Gemüse zu gewöhnen. Es kann sein, dass sie erst in der Pubertät anfangen, damit zu experimentieren. Ihnen fehlt aber nichts. Das Wichtigste ist, dass Eltern da nicht in Panik verfallen. Solange Kinder nur extreme Essensvorlieben haben, keine Essstörungen entwickeln, ist ihre Gesundheit nicht bedroht.
Wie kommt es zu Adipositas bei Kindern?
Meist ist es ein Zusammenkommen vieler Faktoren. Die Eltern sind schon übergewichtig. Einige Kinder bringen die Neigung auch aus dem Säuglingsalter mit; vor allem, wenn sie mit der Flasche ernährt wurden, das Essen also stark reglementiert wurde. Vier von fünf adipösen Kindern kommen aus Familien mit sozio-ökonomischen Problemen. Dass Kinder depressiv sind, Kummerspeck anhäufen, kommt aber eher selten vor.
Wie sollte man vorgehen, wenn man sieht, das eigene Kind wird immer dicker?
Wenn ein Kind immer dicker wird, stehen oft ganz andere Problematiken dahinter. Eltern sollten ihren Kindern kein schlechtes Gefühl vermitteln. Sie dazu aufzufordern, weniger zu essen, bringt gar nichts. Kinder gehen auch durch Phasen, in denen sie ein bisschen Speck anhäufen – in der Vorpubertät etwa. Da kann ein solches Signal der Eltern fatal sein. Kinder haben einen eigenen Referenzrahmen. Sie merken schon selbst, wenn sie pummeliger sind als andere. Die Eltern sind also gut beraten, wenn sie kein großes Ding daraus machen. Sie sollten die Kinder lieber an ihre Stärken erinnern.

Zur Person: Herbert Renz-Polster

Geboren wurde er 1960 in Stuttgart.

Nach dem Abitur 1979 studierte er von 1982 bis 1989 Humanmedizin in Gießen, München und Tübingen.

Von 1991 bis 1995 war er Lektor in einem medizinischen Fachbuchverlag. Von 1995 bis 2002 machte er die Facharztausbildung zum Kinderarzt. Seit 2002 ist er als Kinderarzt sowie als Autor tätig.

Renz-Polster ist verheiratet und hat vier Kinder.

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