Welche Schule ist die richtige für mein Kind? Wie bekomme ich einen Überblick? Und welche Rolle spielt das Profil? Das fragen sich jetzt viele Eltern von Viertklässlern. Zwei Schulleiter sagen, worauf es ankommt.
Gymnasium oder Realschule? Oder Gemeinschaftsschule? Oder Werkrealschule? Mit der Entscheidung tun sich viele Familien trotz Grundschulempfehlung schwer. Und selbst wenn klar ist, welche Schulart, ist immer noch offen, welche Schule es am Ende sein soll. Zwei Pädagogen geben Entscheidungshilfen: Manfred Birk, der geschäftsführende Leiter der Stuttgarter Gymnasien und Rektor des Dillmann-Gymnasiums, und Gerhard Menrad, der geschäftsführende Leiter der Real-, Werkreal- und Gemeinschaftsschulen und Rektor der Anne-Frank-Gemeinschaftsschule.
Hilft die Grundschulempfehlung?
Für Birk ist klar: „Die Grundschulempfehlung bietet eine verlässliche Orientierung.“ Dies gelte nicht nur im Blick auf die Wahl der Schulart. Auch bezüglich der Profilauswahl könnten Grundschullehrer den Eltern wichtige Hinweise geben. Bei den Gymnasien spiele die Grundschulempfehlung auch als Aufnahmekriterium eine Rolle. Dann nämlich, wenn die Kapazitäten für die Nachfrage nicht ausreichten, hätten Kinder mit der passenden Empfehlung Vorrang.
Wer sein Kind ohne Empfehlung fürs Gymnasium dorthin schicke, riskiere zudem, dass das Kind den Anforderungen dort nicht gewachsen sei. „Und dann muss für das Kind nach ein, zwei Jahren eine neue Schulart gefunden werden – das ist für ein Kind nicht gut“, meint Birk. In Stuttgart traf das vor Corona rund 400 Schüler im Jahr, im aktuellen Schuljahr lag die Zahl nach Angaben des Staatlichen Schulamts „deutlich im dreistelligen Bereich“, so Amtschef Thomas Schenk.
Wann ist ein Kind ein Gymnasialkind?
Als wichtigste Voraussetzungen für diese Schulart nennt Birk erstens, dass sich das Kind gut konzentrieren kann und zu längerer Aufmerksamkeit fähig ist. Zweitens müsse es in vielfältiger Weise interessiert sein: „Interesse ist der maßgebliche Lernfaktor – ohne Interesse an der Sache wird Lernen schwierig.“ Menrad ergänzt: „Wenn ein Kind seine Gymnasialempfehlung nur durch Nachhilfe in der Grundschule erreicht hat, dann sollte das Kind nicht aufs Gymnasium.“
Welches Gymnasium ist das richtige?
„Die Schule muss zum Kind passen“, sagt Birk. Zunächst sollte klar sein, ob eines der drei (wohnortnahen) G9-Gymnasien infrage kommt, ob es ein „normales“ G8-Gymnasium sein soll oder eines mit besonderen Leistungsanforderungen. Hochbegabtenzüge bieten das Karls-Gymnasium und das Katzenstift an. Das ist aber nur was für echte Käpsele. Doch auch für die Wahl eines bilingualen Zugs müsse das Kind gute Leistungen mitbringen, und zwar in Deutsch und Mathe – „das heißt schon eine Zwei“, sagt Birk.
Rund die Hälfte aller Stuttgarter Gymnasien bietet solche Bili-Züge in Englisch an. Das bedeutet nicht nur eine höhere Stundenzahl, sondern ab Klasse sieben auch Fachunterricht auf Englisch – in Erdkunde, Geschichte, Biologie. Bili-Französisch gibt es nur am Wagenburg-Gymnasium, Bili-Italienisch nur am Katzenstift.
Ebenfalls nur leistungsstärkeren Kindern könne der Start mit zwei Fremdsprachen in Klasse fünf empfohlen werden. Das bieten mit Latein und Englisch Dillmann-, Eberhard-Ludwigs- und Karls-Gymnasium. Diese Kombination einer modernen mit einer alten Fremdsprache habe sich bewährt, so Birk – zwei moderne jedoch nicht.
Welcher Zug passt?
Einen naturwissenschaftlichen Zug könne man nicht sofort wählen, sondern erst ab Klasse acht, erklärt Birk. „Man kann aber schauen, was die erste Fremdsprache ist und welche Wahlmöglichkeiten und Fächer bei der Profilwahl zur Auswahl stehen.“ Und nach Klasse sieben könne das Kind auch ins sechsjährige berufliche Gymnasium wechseln – und hätte somit neun Jahre bis zum Abi. Denn, so Birk: „Die Pubertät ist eine Blackbox: Da weiß man nicht, was hinten rauskommt.“
Was bringen Profilschulen?
Musikbegabten Kindern bietet das Eberhard-Ludwigs-Gymnasium mit seiner Kooperation mit der Musikhochschule ein besonderes Profil. Besonders sportorientierten Kindern ermöglichen folgende Eliteschulen des Sports, Wettkampftraining und schulische Anforderungen unter einen Hut zu bringen: Wirtemberg- und Schickhardt-Gymnasium, Linden-Realschule und Merz-Schule. Kunstprofile bieten das Hölderlin-Gymnasium und die Jörg-Ratgeb-Schule.
Zu wem passt die Real-, Werkreal oder Gemeinschaftsschule?
„Wir haben die Kinder, die in der Grundschule nicht nur die Einser geschrieben haben“, sagt Gerhard Menrad. „Bei uns hat berufliche Bildung einen besonderen Schwerpunkt, wir haben viele enge Kontakte zu Firmen, die ausbilden“, erklärt der Rektor. Während beim Gymnasium das Bildungsziel Abitur feststehe, sei das an den Schulen der Sekundarstufe I offener. In Klasse fünf sei „noch gar nicht entschieden, welchen Bildungsabschluss das Kind am Ende erreicht“, so Menrad. „Es ist noch alles möglich.“ Auch das Abi – aber eben nicht in acht Jahren.
Was sind die Unterschiede?
An der Werkrealschule können die Schüler nach Klasse neun den Hauptschulabschluss und nach Klasse zehn den mittleren Bildungsabschluss machen. An der Realschule entscheiden nach Klasse sechs die Lehrer, auf welchem Niveau das Kind weiterlernt und ob es die Mittlere Reife anpeilt oder den Hauptschulabschluss. An der Gemeinschaftsschule werde in Klasse acht oder neun gemeinsam mit dem Kind entschieden, welches Bildungsziel gewählt wird. Die Gemeinschaftsschule habe bis einschließlich der zehnten Klasse denselben Bildungsplan und dieselben Prüfungen wie die Realschule, nur die Art des Lernens sei unterschiedlich, so Menrad.
Auf anderen Wegen zum Abi?
In Stuttgart bietet die Schickhardt-Gemeinschaftsschule als einzige in dieser Schulart eine gymnasiale Oberstufe und somit einen direkten Weg zum Abi, also in neun Jahren. Dieser steht – bei ausreichendem Notenschnitt – aber auch Schülern der anderen Schularten offen.
Nach dem mittleren Bildungsabschluss gibt es verschiedene Möglichkeiten: So führt das zweijährige Berufskolleg zur Fachhochschulreife. Die beruflichen Gymnasien ermöglichen in drei Jahren den Weg zum Abitur. Mit den entsprechenden Noten könnten die Schüler auch direkt auf ein allgemeinbildendes Gymnasium wechseln – „aber das würde ich niemandem empfehlen“, sagt Menrad. Denn dort kämen die Neuen in feste, eingespielte Lerngruppen und ein straffes G8-Tempo.
Was entscheidet? Angebot oder Bauchgefühl?
Erst einen Überblick verschaffen im Internet, über das schulische und außerschulische Angebot, dann bei den Schulen der engeren Wahl persönlich vorbeischauen, rät Birk. Auch Menrad empfiehlt Eltern und Viertklässlern, die Tage der offenen Tür zu nutzen. Ein Eindruck vom Schulhaus, die Ausstrahlung der Schule, der Schulweg, all das könne dann mit einfließen.
„Es kommt auch auf das Bauchgefühl an“, meint Birk, „das Kind soll sich schon wohlfühlen.“ Aber, so betont der Pädagoge: „Das Kind kann das nicht allein entscheiden – da müssen die Eltern mithelfen.“ Und er warnt vor einem häufigen Irrtum: „Kein Kriterium sollte sein, wo die Klassenkameraden der vierten Klasse hingehen.“