Auch über der Tunnelbaustelle am Leuzeknoten herrscht Stillstand. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Der Bau einer dritten Tunnelröhre am sogenannten Leuze-Knie, einem Teilabschnitt des 280-Millionen-Projekts Rosensteintunnel, kommt nicht voran. Zudem bahnt sich zwischen der Stadt und dem gekündigten Bauunternehmen ein jahrelanger Rechtsstreit an.

Stuttgart - Dass komplexe Bauvorhaben mitunter länger dauern und deutlich teurer werden als geplant, weiß man in Stuttgart allerspätestens seit der Kostenexplosion und dem Zeitverzug bei Stuttgart 21. Auch beim Bau der Verbindung zwischen der B 10 und B 14, dem sogenannten Leuze-Knie, gibt es nun schlechte Nachrichten. Nach Informationen unserer Zeitung verzögert sich der Bau der dritten Tunnelröhre im Leuze-Tunnel, die den Autoverkehr auf diesem Teilstück des knapp 280 Millionen Euro teuren Gesamtprojekts Rosensteintunnel entzerren sollte, um weitere zwei Jahre bis 2023. Zuletzt war die Stadt von einer Fertigstellung im Jahr 2021 ausgegangen. Weil der Bau nach der Beendigung des Vertrags mit dem bisherigen Auftragnehmers Wolff & Müller neu vergeben werden muss, kommen zudem Mehrkosten von bis zu zehn Millionen Euro auf die Stadt zu, die aus dem Risikotopf für das Gesamtprojekt in Höhe von 43 Millionen Euro entnommen werden müssen.

Stadt: Bauunternehmer mit „kreativen Nachforderungen“

Damit nicht genug: Der Baukonzern Wolff & Müller mit Stammsitz in Zuffenhausen, dem die Stadt im Frühjahr 2017 unter anderem wegen „unverhältnismäßig hoher und kreativer Nachforderungen“ sowie Verstößen gegen die Sicherheitsvorschriften gekündigt hatte, hat der Stadt dem Vernehmen nach eine Rechnung gestellt, die zwischen 70 und 80 Prozent über dem ursprünglich vereinbarten Auftragsvolumen in Höhe von 41,3 Millionen Euro liegt. Ein jahrelanger Rechtsstreit zwischen dem Unternehmen und der Stadt zeichnet sich ab.

Aktuell strittig sind nach Recherchen unserer Zeitung rund 30 Millionen Euro, die die Stadt bereits als Abschlagszahlung an Wolff & Müller geleistet hat. Knapp die Hälfte der Summe fordert die Stadt zurück, weil sie die Nachtragsforderungen des Bauunternehmens für unberechtigt hält. Im Frühjahr soll es einen Gütetermin dazu vor dem Landgericht geben. Insgesamt soll es nach Informationen unserer Zeitung um Nachträge im Umfang von circa 50 Millionen Euro gehen, deren Rechtmäßigkeit von der Stadt bestritten werden. Die angeführten Gründe für die geltend gemachten Mehrkosten seien nicht belegbar, heißt es im Rathaus. Falls das Gericht zumindest einen Teil der Ansprüche für berechtigt hält, müssten diese ebenfalls aus dem Risikotopf beglichen werden.

Nachforderungen an die Stadt belaufen sich insgesamt auf etwa 50 Millionen Euro

Ein Rückblick: Im März 2017 hatte der Gemeinderat auf Vorschlag der Stadtverwaltung und bei nur einer Gegenstimme beschlossen, den Vertrag mit Wolff & Müller über die Arbeiten am Leuze-Knie zu kündigen. Die Firma, die auch am Bau des Rosensteintunnels als Mitglied einer Arbeitsgemeinschaft mitwirkt, war beim Umbau des Leuze-Knotens als Alleinauftragnehmer verantwortlich. Die Vorwürfe seinerzeit: Verzögerungen im Bauablauf, schwerwiegende Verstöße gegen Sicherheitsvorschriften (im März 2016 war auf der Baustelle ein Arbeiter von zentnerschweren Betonplatten erschlagen worden) sowie ungerechtfertigte Vergütungsansprüche.

Der Baukonzern hatte sämtliche Anschuldigungen umgehend zurückgewiesen und seinerseits Behinderungen der Bauarbeiten durch Planungsänderungen etwa bei der Verkehrsführung beklagt, die zu höheren Baukosten und somit entsprechenden Nachträgen geführt hätten. Die Stadt wiederum verwies darauf, dass die konkrete Planung des Bauablaufs in der Verantwortung des Auftragnehmers liege. Seinerzeit hatten auch diverse Gespräche zwischen Stadt und Unternehmen zu keiner Einigung geführt.

Bau des Rosensteintunnels liegt bisher im Zeit- und Kostenrahmen

Schon kurz nach Vertragskündigung hatte die Stadt dringend notwendige Arbeiten ohne Ausschreibung vergeben - auch um keine Kollisionen mit den parallel laufenden S-21-Bauarbeiten an dem Verkehrsknoten zu riskieren. So konnte unter anderem eine benötigte Baustraße hergerichtet werden. Aktuell sei man dabei, weitere Aufträge neu auszuschreiben. Doch verzögern unter anderem geänderte EU-Vergaberichtlinien den Zuschlag. Aber auch Nacharbeiten an den offenbar defizitären Detailplanungen des ursprünglichen Auftragnehmers sollen nach Informationen unserer Zeitung ein Grund für die verspätete Fertigstellung und Verteuerung sein.

Beim Bau der rund 1,3 Kilometer langen Röhren des Rosensteintunnels soll es dagegen, wie zu erfahren war, bei der anvisierten Inbetriebnahme 2020 bleiben. Der Rohbau ist nahezu abgeschlossen. Auf der Kostenseite allerdings will niemand die Hand dafür ins Feuer legen, dass nicht noch etwas nachkommt: Erst vor drei Jahren waren die Baukosten aufgrund gestiegener Baupreise und wegen Problemen im Untergrund nur gut drei Wochen nach dem Tunnelanstich um 40 auf 274 Millionen Euro explodiert.

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