Ein neues Weiterbildungsprogramm soll vor allem Migranten den Weg in den Arbeitsmarkt ebnen. Am Mittwoch wurden in Plochingen die ersten zehn Zertifikate übergeben.
Sie haben es geschafft – alle haben bestanden. Mit einem neuen Weiterbildungsprogramm werden in Plochingen insbesondere Migranten fit für sogenannte Klimajobs gemacht. Inhalte der Ausbildung sind Themen wie Solartechnik, Wallboxeninstallation, Windkraft, Energiemanagement, Wärmepumpen und Regenwasserspeicher. Die ersten zehn Quereinsteiger haben am Mittwoch in feierlichem Rahmen ihr IHK-Zertifikat erhalten. Die Idee hinter dem neuen Programm ist es, vor allem Zuwanderer und Geflüchtete mit Arbeitserfahrung für den deutschen Arbeitsmarkt zu qualifizieren. Im September startet die nächste Weiterbildungsrunde.
Der Spracherwerb spielt eine wichtige Rolle
„Für mich war es eine Herausforderung“, erinnert sich der 54-jährige Ihor Klyntsov an die vergangenen Monate. Der Ukrainer ist studierter Physiker. Doch das Studium liege viele Jahre zurück. Mit dem Programm in Plochingen habe er viel Neues gelernt. Die Praxis sei spannend, die Theorie manchmal schwierig gewesen, sagt er. Mit dem Zertifikat in den Händen hofft er nun auf eine berufliche Zukunft im Bereich der sogenannten Klimajobs. „Die erneuerbare Energie ist die Zukunft“, meint der Absolvent. Dass er nun das Zertifikat in Händen halte, erfülle ihn mit Stolz.
Auch Rim Zayoud hat die Weiterbildung abgeschlossen. In Tunesien habe sie bereits ein Ingenieurs-Diplom erworben und in der Solarbranche gearbeitet, wie sie erzählt. Doch die Technik in Deutschland sei oft anders als in ihrem Heimatland. Die Weiterbildung habe ihr in vielerlei Hinsicht geholfen, sagt die 34-Jährige. Die Technik verändere sich immer wieder rasch, es gebe immer etwas Neues. Mit dem IHK-Zertifikat wolle sie nun eine Arbeit im Bereich der erneuerbaren Energien suchen.
Teil des Ausbildungsprogramms ist nicht ausschließlich das Fachliche. Auch die Sprache spielt eine wichtige Rolle. „Ich habe nur die deutschen Begriffe gelernt“, berichtet Stanislav Karataiev. „Abzweigdose“, „Unterverteiler“, „Netzwerkdose“ – das alles in die Muttersprache zu übersetzen, ergibt für den 36-Jährigen keinen Sinn. In der Ukraine habe er bereits als Maschinenbauingenieur gearbeitet. Nun habe er neue berufliche Pläne. Doch zunächst stehe noch eine Sprachprüfung an, berichtet er.
Bei der Anerkennung ausländischer Qualifikationen gibt es hohe Hürden
Durchgeführt wird das neue Weiterbildungsprogramm von der Akademie für Klimajobs und der Energiehelden Academy. Die Hälfte des achtmonatigen Programms findet online statt, die andere Hälfte vor Ort in Plochingen. Die Teilnehmer kamen aus der ganzen Region. Mit dem Programm sollen zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden. Denn viele Zuwanderer haben in ihren Heimatländern bereits Ausbildungen abgeschlossen und Arbeitserfahrung gesammelt. Wer jedoch auf dem deutschen Arbeitsmarkt mit ausländischen Qualifikationen Fuß fassen möchte, hat es meistens nicht leicht. Es gibt oft hohe Hürden. Gleichzeitig klagen manche Branchen über einen Fachkräftemangel. „Unser Programm zeigt, wie Fachkräftesicherung und echte Teilhabe zusammen gedacht werden können“, erklärt Anna Sauter-Getschmann. Sie ist Mitgründerin der Akademie für Klimajobs. Mit ihrem Angebot haben die Initiatoren offenbar einen Nerv getroffen. Mehr als 200 Menschen hätten sich für die erste Weiterbildungsrunde gemeldet, erinnert sich Slawa Wolkow von der Energiehelden Academy. „Das zeigt, wie groß der Bedarf ist – und wie sehr unser System bislang an dieser Zielgruppe vorbeigeht“, sagt er.
Es sind aber nicht allein die Ausbildungsinhalte, von denen die Absolventen profitieren. Während der Weiterbildung werden die Teilnehmer mit Arbeitgebern in der Region vernetzt, ein Jobeinstieg kann so bereits während der Weiterbildung vorbereitet werden. Gefördert wurde das Programm mit 100 000 Euro vom Project Together und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung.