Bei der Eröffnung der neuen B 10 bis Gingen-Ost stand die Festgemeinde im Regen. Was den Weiterbau bis hinter Geislingen angeht, will niemand im Regen stehen bleiben. Foto: Horst Rudel

Der Weiterbau der B 10 bis Geislingen-Ost solle menschen- und umweltfreundlich geschehen, verlangt eine neue Interessengemeinschaft. Sie will das Projekt aber nicht verhindern und in den Dialog eintreten.

Geislingen - Als Steffen Bilger, der Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, im vergangenen Oktober beim 20. Geburtstag der Bürgeraktion B 10 neu vorbeischaute, war die Hoffnung der Anwesenden auf eine Weihnachtsüberraschung groß gewesen. Den heiß begehrten „Gesehen-Vermerk“ seines Hauses für die bereits bestehenden Pläne zum Weiterbau der Bundesstraße – und zwar auch für den Abschnitt im „erweiterten Bedarf“ bis Geislingen-Ost – hatte er als Geschenk zwar nicht dabei. Dieser, so seine Ankündigung damals, komme aber „demnächst“.

Jetzt geht es stramm auf Ostern zu. Doch auch im gleichnamigen Nest wird das ersehnte Papier nicht zu finden sein. Mitte November hat Bilgers Ministerium beim Land „ergänzende planerische Überprüfungen an den Knotenpunkten“ und „verkehrstechnische Leistungsfähigkeitsnachweise“ erbeten. Diese werden, wie das Landesverkehrsministerium unserer Zeitung mitgeteilt hat, „derzeit von Ingenieurbüros erarbeitet und sollen im Mai vorliegen“. Sobald dies der Fall sei, würden die ergänzenden Unterlagen dem Bund zur Erteilung des „Gesehen-Vermerks“ vorgelegt, heißt es aus Stuttgart weiter.

Frühestens Anfang 2022 wird es mit dem Bau losgehen

Ob sich bis zur politischen Sommerpause noch etwas tut, ist zumindest fraglich. Allerdings kann der Planfeststellungsentwurf erst angefertigt werden, wenn die besagte „Erteilung“ vorliegt, was erfahrungsgemäß noch einmal ein gutes halbes Jahr dauern dürfte. Für das anschließende Planfeststellungsverfahren rechnet das Landesverkehrsministerium, abhängig von den Einwendungen, die gegen das Projekt vorgebracht werden, „mit einer Dauer von weiteren ein bis zwei Jahren“.

Realistisch betrachtet, dürfte es also frühestens Anfang 2022 mit dem Bau der rund acht Kilometer langen und auf etwa 250 Millionen Euro kalkulierten Umfahrung losgehen, die über drei Brücken und durch zwei Tunnels führen soll. Groß dazwischenkommen darf dann allerdings nichts mehr – und so will nicht zuletzt der Geislinger Oberbürgermeister Frank Dehmer alles dafür tun, „dass es in unserer Raumschaft für dieses wichtige Projekt weiterhin eine gemeinsame Basis gibt“.

IG Alternative B 10 fordert mehr Bürgerbeteiligung ein

Diese über eine lange Zeit vorhandene Einigkeit, so zumindest scheint es auf den ersten Blick, ist durch die Gründung einer neuen B 10-Interessengemeinschaft (IG) ins Wanken geraten. Alternative B 10 nennt sich die Gruppe, der es nach eigenem Bekunden ausdrücklich nicht darum geht, „den Weiterbau der B 10 zu verhindern“. Ihr erklärtes Ziel sei vielmehr ein aktiver Bürgerbeteiligungsprozess mit einer sachlichen und konstruktiven Kommunikation, der sich nicht gegen, sondern für etwas einsetzt: einen maximal menschen- und umweltfreundlichen Bau der B 10.

Wegen dieser Bürgerbeteiligung hatte die IG bereits Kontakt mit dem Kuchener Schultes Bernd Rößner. „Da war die Resonanz jedoch nicht so, wie wir uns das erhofft hatten“, sagt Karin Schnapka vom Presseteam Alternative B 10. Ein Termin mit dem Geislinger Oberbürgermeister stehe demnächst ebenfalls an, ergänzt sie. „Uns ist es wichtig, unsere Ideen vorzustellen, die eben nicht, wie die jetzige Planung, schon 50 Jahre alt sind.“ Vor allem eine stärkere Deckelung der Straße oder eine längere Untertunnelung seien heutzutage fast schon zwingend, erklärt Schnapka.

Frank Dehmer: Es ist besser, miteinander zu reden, als übereinander zu lesen

Hans-Peter Maichle, der Vorsitzende der Bürgeraktion B 10 neu, will die Mitglieder der neuen Initiative und ihre Vorschläge deshalb auch „sehr ernst nehmen“. Er warnt allerdings, „jetzt keine Prügel mehr in den Weg zu legen“. So vielversprechend und konkret wie derzeit habe es um den möglichen Weiterbau noch nie gestanden. „Ich wollte ja eigentlich erst loben, wenn die Bagger da sind, aber das Stuttgarter Regierungspräsidium ist unablässig an der Sache dran, weshalb es von mir jetzt schon ein Lob gibt“, fügt Maichle hinzu.

Ein Gespräch zwischen der Bürgeraktion B 10 neu und der IG Alternative B 10 hält er nicht zuletzt deshalb für dringend geboten – und rennt damit offene Türen ein: sowohl bei der IG wie bei Frank Dehmer. Der Rathauschef will nach Ostern zu einem solchen Treffen einladen. „Dabei werden wir sicher nicht alle alles gleich sehen, aber es ist auf jeden Fall besser, miteinander zu reden, als übereinander zu lesen“, betont er und verweist auf die Planfeststellung. Gerade in einem solchen Verfahren seien Modifizierungen an den Entwürfen noch möglich, fügt Dehmer hinzu.

Die Bereitschaft zu einem solchen dreiseitigen Treffen besteht auf allen Seiten. Für Hans-Peter Maichle ist ohnehin klar, „dass die Initiativen miteinender sprechen müssen, um den Weiterbau nicht so lange zu verzögern, bis irgendwann die Rezession da ist und dann womöglich kein Geld mehr zur Verfügung steht“. Für Karin Schnapka ist ein Dialog ebenfalls „selbstverständlich“. Die IG könne sich da ja gar nicht verweigern. „Wenn wir Kommunikation einfordern, müssen wir dazu auf jeden Fall auch selbst bereit sein“, stellt sie klar.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: