Einst alternativer Wohntraum, heute ein architektonisches Dornröschen: die Casa Sperimentale in der Nähe von Rom Foto: French + Tye

Die Stuttgarter Weißenhofgalerie dokumentiert die vom Verfall bedrohte Casa Sperimentale in Italien. Die Schau ist der Auftakt einer Reihe zum Bauhaus-Jubiläum.

Stuttgart - Träume verrotten langsam. Ende der sechziger Jahre, auf dem Höhepunkt der Hippiewelle, entwarf sich das italienische Architektenpaar Giuseppe Perugini und Uga de Plaisant ein Feriendomizil, das zum Manifest für ein alternatives Wohnen werden sollte. Im Küstenort Fregene bei Rom, wo auch der Regisseur Federico Fellini lebte, entstand ein avantgardistisches Refugium aus Stahl, Glas und Sichtbeton. Doch nach dem Tod der beiden begann die Casa Sperimentale, das experimentelle Haus, zu verfallen. Heute schlummert es wie ein von der Welt vergessener Dschungeltempel unter Schirmpinien. Moos hat die Wände erobert, das Wasserbecken ist eine Kloake.

Insofern versteht sich die Ausstellung, mit der die Stuttgarter Weißenhofgalerieihre Veranstaltungsreihe zum Bauhaus-Jubiläum startet, auch als Hilferuf, das eigenwillige Architekturdenkmal zu restaurieren und für die Nachwelt zu erhalten. Der Fokus liegt auf der Dokumentation des Baus: Fotos zeigen seine Entstehung, den ursprünglichen sowie den aktuellen Zustand. Eine Animation macht die Laborvilla auch virtuell begehbar. Vom Grundriss her betrachtet, wirkt das Ganze wie eine Weltraumstation, an die verschiedene Elemente andocken können.

Als eines der ersten Häuser ist die Casa Sperimentale am Computer entworfen worden. Dabei erzeugt die quadratische Zellstruktur der Wände den Eindruck eines Systems, das sich durch Teilung und Vervielfältigung selbst reproduziert. Trotz der rigorosen Formensprache gelang den Erbauern echte Ereignis-Architektur. Überall springen Kästen vor und zurück, dazwischen öffnen sich Bullaugen. Die Bäder sind in riesigen Betonkugeln untergebracht, die effektvoll aus dem hartkantigen Baukörper herausglupschen.

Ein magischer Ort

Der Garten wiederum scheint durch die vielen Öffnungen quasi ins Innere hineinzuwachsen – wie in einem Baumhaus. Die gesamte Konstruktion hängt in einem Betongestell, Außen- und Innenwände haben keine tragende Funktion. Letztere gibt es ohnehin kaum, denn die Architekten wollten ein Raumkontinuum schaffen, in dem verschiedene Bereiche fließend ineinander übergehen. Auch als Probebühne für neue Formen des Zusammenlebens.

Leider vermisst der Besucher Informationen über andere Werke des hierzulande unbekannten Architektenpaars, dessen utopischer, technikeuphorischer Ansatz sich nicht zuletzt in die Tradition des Bauhauses und der italienischen Futuristen stellt. Eine Sache ist aber sofort spürbar: die Magie des Ortes, sein unbedingter Wille, ein Werk für die Zukunft zu schaffen. Und so verlässt man die Schau mit der Hoffnung, dass sich bald ein Geldgeber-Prinz findet, der dieses architektonische Dornröschen wach küsst.

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