Wenn ein paar Dutzend Carreras auf eine Spitzkehre zufliegen, wird’s eng. Foto:  

Der schnellste Weissacher Azubi bezahlt derzeit teures Lehrgeld – und bleibt sportlich. Mit Klaus Bachler an einer der verrücktesten europäischen Rennstrecken: Dem Norisring in Nürnberg.

Nürnberg/Weissach - Der Asphalt kocht. Doch im Carrera kocht es noch mehr: Klaus Bachler erlebt einen echten Höllenritt beim ersten Stadtrennen seiner jungen Karriere im Porsche Carrera Cup. Auf dem verrückten, von Mauern und Leitplanken eng begrenzten Norisring, gelegen auf dem einstigen Nürnberger Reichsparteitagsgelände, hat der Porsche-Nachwuchspilot nicht nur wegen der Wetterextreme eine Reifeprüfung besonderer Art erlebt.

Von 70 Grad im Cockpit des 911er GT bis hin zu Aquaplaning auf dem uralten Asphalt des Kurses war zuletzt alles dabei. Vor allem eine Erkenntnis: „Als Rennfahrer brauchst du Gespür fürs richtige Tempo – zu schnell ist nichts, weil das Unfallrisiko steigt, und zu langsam ist sowieso nichts.“ Das hat Niki Lauda einst gesagt. Und Bachler erinnert nicht nur wegen seinem österreichischen Akzent und seiner bescheidenen Art an den jungen Lauda in den 70ern.

Nun ist der 21-Jährige der wohl schnellste Azubi, den es derzeit im weiten Umkreis von Leonberg gibt. Sein Lehrberuf: Rennfahrer. Sein Arbeitgeber: Porsche Motorsport in Weissach. Gemeinsam mit dem Dänen Michael Christiansen hat er den raren Platz als „Porsche Junior“ ergattert. Wenn er sich in dieser Saison hinter dem Lenkrad eines Porsche Carrera nicht allzu ungeschickt anstellt, steht ihm der Weg in den professionellen Motorsport offen – auch als Werksfahrer des Sportwagenherstellers.

Nach anfänglichen Startschwierigkeiten kommt der ehemalige Kartsportler und Formel-3-Pilot immer besser ins Rennen, buchstäblich. Als er am vergangenen Wochenende überraschend auf den vierten Startplatz im schnellsten Markenpokal der Welt gefahren war, schien es, als sei sein Nacken nochmals um drei Zentimeter weiter gewachsen. So wie beim Tourenwagen-Wochenende Anfang Juni in Spielberg. Es war für ihn wie ein Heimsieg, als er in der Steiermark, quasi vor seiner Haustür, aufs Treppchen steigen und den dritten Platz feiern durfte.

Auch auf dem Norisring ist es nun für ihn recht spektakulär losgegangen. Die von Porsche Weissach veranstaltete Rennserie für seine Edel-Kunden startet stets vor den Boliden der DTM, was meist auch volle Zuschauerränge bedeutet. Bachler liebt diese Atmosphäre – aber auch anderes, stellte er fest: „Mir liegen Wetterextreme“, sprachs und entstieg leichtfüßig dem völlig überhitzten Innenraum seines Wagens. Ihn ließ es kalt, dass bereits im Training der Asphalt an einigen Stellen bei 50 Grad Celsius Bodentemperatur zu kochen begann und Wellen schlug. Auch dass damit der enge Terminplan des Rennwochenendes völlig durcheinander gepurzelt ist, erträgt er geduldig. Startposition vier motiviert einfach.

Doch das allein genügt nicht: Das Streckenlayout des Norisring sieht bestechend einfach aus. „Doch der Kurs ist so eine Art deutsches Monte Carlo“, warnt Andrea Hagenbach, die Porsche-eigene Organisatorin der Rennserie. Und da wiederum gilt der Kommentar von Sebastian Vettel: „Das ist, wie wenn man mit einem Rennwagen durch ein Wohnzimmer fährt.“ Das gilt vor allem für einen Rookie wie Bachler: Wenn zwei Dutzend Carreras mit Tempo 200 wenige hundert Meter nach dem Start auf eine Spitzkehre zurasen, und dort um die Ecke wollen, wird es eng. Und beim ersten Rennen erwischt es ihn prompt in der zweiten Runde: Er demoliert sich seine Front. Kühlwasser sprudelt munter auf den heißen Asphalt und vereitelt weitere Chancen. Während andere aus dem Rennen gefallene Fahrer heulend in der Boxengasse auf Reifenstapel nieder sinken und Teamchef Arkin Aka von Attempo Racing nach dem Ausfall von drei seiner Renner laut schimpfend fast die Kontrollmonitore an der Boxenmauer zertrümmert, bleibt Bachler gefasst. Er setzt sich vorsichtig neben seinen Teamchef Paul Schlotmann von „Tolimit“ auf die Mauer an der Zielgerade und beobachtet konzentriert und ruhig den weiteren Rennverlauf. Ganz Niki Lauda erklärt er sogar in einer nüchternen Analyse seinen Fahrfehller. „Morgen wird’s besser.“

Tatsächlich geht Bachler beim Vorprogramm zum großen DTM-Auflauf deutliche langsamer zur Sache. Radikal geänderte Wetterbedingungen machen den fränkischen Rennsonntag zur Wasserschlacht. Bachler lässt die Meute beim Start ziehen. Doch er kommt letztlich auch in Rutschgefahr – und lernt, wie man mit einem Heckmotor auf der Stelle wenden kann. Trotz dieser Turbulenzen landet er am Ende noch auf Platz acht. „Wenn man im Qualifying Vierter ist, kann man damit wohl nicht ganz zufrieden sein“, meint er selbstkritisch. Oder anders ausgedrückt: Lehrgeld ist eine ziemlich harte Währung.

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