Das Gelände der ehemaligen Tonwarenfabrik Rombold in Unterweissach wird zurzeit für die neue Bebauung vorbereitet. Foto: Gottfried Stoppel

Eine Drogen-Reha neben einer Brauerei? Dieses Vorhaben stört viele Weissacher. Nun soll es einen Infoabend geben.

Weissach - Die Industriebrache in Unterweissach soll ein echtes Schmuckstück werden. Mit Reihen- und Mehrfamilienhäusern, einer Oldtimerschmiede, einem Ärztehaus, einer kleinen Brauerei – und direkt daneben, wie jüngst bekannt wurde, einem Therapiezentrum für Suchtkranke. Die Einrichtung Four Steps will ihre bisherigen drei Standorte, die sich in Schorndorf, Lorch und Fellbach befinden, in einem Neubau zusammenlegen. Dieser soll der neuen Heimbauverordnung entsprechen und unter anderem für jeden Patienten ein Einzelzimmer nebst Nasszelle bieten. Den Bauplatz hofft der Träger von Four Steps, der Verein für Jugendhilfe im Landkreis Böblingen, nun in Weissach gefunden zu haben.

Laut dem Bebauungsplan, den die Gemeinde aufgestellt hat, sind „Einrichtungen, die sozialen Zwecken oder der Gesundheit dienen“, auf dem Gelände zugelassen – damit hatte man seitens der Kommune aber eher ein Ärztehaus im Blick, kein Suchtzentrum. Dagegen regt sich nun im Ort Widerstand: Mehrere Weissacher Bürger haben eine Unterschriftenaktion gestartet. Die Unterzeichner fordern, „das Projekt Reha-Suchtklinik zu stoppen, wir wollen keine derartige Einrichtung in unserer bisher so schönen Gemeinde“. Das Projekt passe nicht in eine Umgebung mit Kinderspielplatz, familienfreundlichem Wohngebiet, Grundschule und und Bildungszentrum. Auch die Nähe zur Brauerei scheint vielen Weissachern nicht zielführend.

Für Four Steps drängt die Zeit – auch in Schorndorf Streit um Standort

Der Bürgermeister Ian Schölzel betrachtet die Sache nüchtern: „Es geht überhaupt nicht darum, ob man etwas gegen Suchtkranke hat oder nicht. Die Rehaklinik deckt sich einfach nicht mit dem, was wir auf dem Rombold-Areal in jahrelanger Arbeit, mit viel Bürgerbeteiligung angestrebt haben.“ Er hat den Verein und den Investor, die Firmengruppe Krause, inzwischen schriftlich gebeten, das Rehazentrum anderswo zu realisieren.

Diskussionen über die Standorte für seine Rehazentren ist man beim Verein für Jugendhilfe gewohnt – „ob in dieser Heftigkeit, weiß ich aber nicht“, räumt die Vorsitzende Maria Stahl ein. Sie und ihre Mitstreiter würden am liebsten sofort mit dem Bau der Einrichtung beginnen, denn die Zeit drängt: Die Deutsche Rentenversicherung hat einen Belegungsstopp verhängt, nachdem sie an Four-Steps-Standorten „schwere bauliche und organisatorische Mängel“ festgestellt hatte.

Zunächst hatte der Verein einen Neubau in Schorndorf angestrebt, doch der liegt derzeit auf Eis: Der Verein will das bislang genutzte Gebäude, eine alte Villa, abreißen und komplett neu bauen, der Gemeinderat hingegen möchte das historische Gebäude erhalten und dem Verein einen kleineren Neubau daneben erlauben. „Die Villa ist der historische Eingang zur Stadt“, sagt Manfred Beier von der Stadt Schorndorf. Doch diese Änderung wäre rund 600 000 Euro teurer. „Es ist aber nicht so, dass wir Four Steps nicht mehr hier haben möchten. Wir hatten über die Jahre hinweg mit der Einrichtung keine Probleme“, beteuert Beier.

Ein Infoabend soll die Wogen glätten

Der Verein hat sich aber nun in Richtung Weissach umorientiert: Hier ließe sich ein Gebäude realisieren, das der Heimbauverordnung entspricht. Drei Stockwerke soll es haben, 56 stationäre und zusätzliche ambulante Behandlungsplätze fassen. Die Patienten könnten mit öffentlichen Verkehrsmitteln anfahren.

Ein Platz irgendwo im Grünen käme nicht in Frage: „Dort könnte ja auch keine Sozialisation stattfinden“, so Maria Stahl. Sie verstehe die Sorgen, die sich die Anwohner machten – hält sie aber für unbegründet: „Wir arbeiten seit zig Jahren in der Suchthilfe, mit Anwohnern gab es noch nie Probleme wegen Übergriffen oder Diebstählen.“ Zum Klientel von Four Steps gehörten Arbeitslose wie Akademiker – „und sie haben doch alle eine Daseinsberechtigung“, sagt sie.

Der Verein für Jugendhilfe setzt nun auf einen Dialog, lädt Kritiker und Befürworter des Vorhabens zu einem Infoabend am Mittwoch, 16.  November, um 19 Uhr in die Gemeindehalle Unterweissach ein. Hoffnung, das Zentrum in Weissach könnte doch noch kommen, hat Maria Stahl trotz des Gegenwinds nach wie vor: „Ohne Hoffnung könnte ich den Job nicht machen.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: