Der Gospel-Pop-Chor Weissach und Friolzheim ist begeistert und begeistert. Foto: factum/Weise

Flacht und Weissach feiern den Reformationstag am Mittwoch mit der Nacht der offenen Türen. Und weckt bei der „Church Night“ bei Besuchern eine neue Begeisterung für das Kirchengeschehen – ganz ohne Halloween-Bräuche.

Weissach - Eine volle Kirche zum Reformationsfest wünscht sich so mancher evangelischer Pfarrer am 31. Oktober. Schließlich hat an diesem Tag vor genau 495 Jahren Martin Luther seine berühmten Thesen an die Kirche von Wittenberg gepinnt, und somit den protestantischen Glauben begründet. Und siehe da, fast ein halbes Jahrtausend später drängten sich in Weissach über 600 Menschen in die Strudelbachhalle, um mit dem feierlichen Gottesdienst die lange Nacht der offenen Türen zu beginnen. Auch wenn sich das Martin Luther seinerzeit vielleicht noch etwas anders vorgestellt hat.

Unter dem Motto „Der Morgen kann warten“ luden sechs Kirchengemeinden und die CVJM-Gruppen beide Orte zu einer langen, bunten Kulturnacht ein. „Die Gemeinde Flacht feiert auf diese Art schon zum vierten Mal den Reformationstag, allerdings beteiligt sich Weissach in diesem Jahr zum ersten Mal“, erzählt Thomas Hermann, einer der Organisatoren aus dem CVJM Flacht. Nach dem Gottesdienst zog es die Besucher zu den offenen Türen in Flacht und Weissach, die ein vielfältiges Programm boten. Kerzenschein und entspannte Stimmung ließen die Besucher in eine Atmosphäre eintauchen, die den Alltag ganz schnell vergessen ließ.

In der evangelischen Kirche in Flacht war der Ursprung des Reformationstages besonders gut zu spüren. Luther trifft Gospel, hieß es da, mit Musik und Texten zur Reformation sang der Gospel-Pop-Chor Weissach & Friolzheim nachdenkliche Lieder und sanfte Pop-Balladen. Die 95 Thesen zeitgemäß vertont, sozusagen.

Aber es gab auch historische Fakten in Prosa. Im Backhaus wurden heiße Flammkuchen für die knurrenden Mägen angeboten, bevor sich die Besucher weiter auf den Weg machten, um im Flachter Rathaus amüsante und nachdenkliche Kurzfilme sehen zu können. Das Heimathaus in Flacht öffnete ebenfalls, mit der Jubiläumsausstellung „100 Jahre CVJM Flacht“, besonders weit seine Türen. Im evangelischen Gemeindehaus unterhielten die beiden Pfarrer Peter Schaal-Ahlers und Søren Schwesig, alias „Die Vorletzten“, das Publikum mit einer komödiantischen Reise in die Welt der Herzkranzgefäße.

Wer dann nicht in der dunklen Nacht von der einen in die andere Gemeinde laufen, oder das eigene Auto nehmen wollte, konnte mit dem kostenlosen Bus-Pendel-Verkehr der Firma Wöhr-Tours bequem seinen Weg fortsetzen.

In Weissach gab es weitere Attraktionen. So öffnete das „Projekthaus Flacht“ mit einer Cocktail- und Kaffeebar seine Türen. Musikalisch untermalt wurde der Zwischenstopp dort von der „Carla Oehmd Jazz Group“. In der evangelischen Kirche spielte das Balalaika – Ensemble „Tschakir“ geistliche und stille Weisen aus dem alten Russland. Zur Märchenstunde mit Ingrid Nowara konnten sich die Gäste im Herrenhaus niederlassen, oder im Keller von Theo Morlok der resoluten schwäbischen Hausfrau Erna Schwätzele bei ihrem Spaziergang durch die württembergische Geschichte zu hören.

Auch in der evangelisch-methodistischen Kirche ging es humorvoll zu. Matthias Jungermann zeigte mit „Radieschenfieber“, wie lecker die Bibel ist. Vor der Tür boten der CVJM Weissach und die methodistische Kirchengemeinde Leckeres vom Grill an. Aber auch die Katholischen Kirche wollte nicht fernab stehen, wenn es ihr auch nicht um die Reformation gegangen sein dürfe. Bei Kerzenschein und leiser Musik konnten sich hier die Besucher ihren ganz eigenen Gedanken hingeben und fernab der alltäglichen Hektik einmal zur Ruhe kommen.

Die stille, friedliche Atmosphäre, geprägt durch den Grundgedanken des Reformationsfestes, war für die meisten Besucher beeindruckend und beruhigend zugleich. „Es ist doch schön zu sehen, dass alle Kirchen gemeinsam etwas veranstalten. Für die Öffentlichkeit und nicht nur für Insider der Kirche“, schwärmet Michael Kehler, der Bezirks-Laienführer der evangelisch-methodistischen Gemeinde.

Vom keltischen Brauch Halloween war an diesem Abend übrigens keine Rede. In der pietistischen Hochburg Weissach kam keiner der Gästein einer für Halloween üblichen Verkleidung, und auch auf den Straßen in Weissach und Flacht waren kaum Bonbons oder Süßigkeitenjäger unterwegs. Im Gegenteil, ein paar Jugendliche, die ebenfalls die Nacht der offenen Türen besuchten, behaupteten gar stramm: „Halloween ist nichts anders als Erpressung, für uns daher überhaupt keine Alternative.“

Wie dem auch sei, gegen 24 Uhr trafen sich die Besucher und Veranstalter noch einmal an der Strudelbachhalle, um einen besinnlichen Abschluss mit Nachtgedanken zu haben, bevor sich die Türen der Gotteshäuser wieder schlossen.

Für Matthias Huttner, einer der Organisatoren, war es eine „sehr gelungen Veranstaltung“, die viel positives Echo erzeugt habe. Er freut sich darüber, dass Weissach und Flacht gemeinsam gezeigt haben, was zwei Orte auf die Beine stellen können: „Es ist toll, wie viel Schwung und Elan eine einzige Idee hervorrufen kann.“

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