Seit drei Jahren lebt Pénélope Perivolaris gerne in einem Tiny House in Weinstadt. Doch eignet sich dieses Wohnen auf kleinem Raum wirklich für Senioren?
Heimkommen heißt für Pénélope Perivolaris: rauf aufs Sofa, ein Buch in die Hand und rausgucken. Dann sitzt die 71-Jährige mit kurzem Haarschnitt zufrieden in ihrem Tiny House in Weinstadt-Endersbach – 28 Quadratmeter nur für sich. „Nicht immer einfach, aber perfekt für mich!“, sagt sie.
Sie ist Profi im Leben auf kleinem Raum. Ihre Wohnung zuvor in der Stuttgarter Stadtmitte hatte sogar nur 26 Quadratmeter. Doch die Theodor-Heuss-Straße wurde ihr irgendwann zu laut. Nicht die vielen Autos störten sie, sondern die Bässe, die von Clubs und Bars bis in ihre vier Wände wummerten. Irgendwann blieb ihr nur der Rückzug. Oder die Flucht. Je nachdem, wie man es sehen will.
„In die Pampa will ich nicht!“ – Tiny House als Lösung
Doch eine Großstadtpflanze, die von der Wohnung keine zwei Minuten bis auf die Königstraße braucht, lässt sich nicht so einfach verpflanzen. Für Pénélope Perivolaris war klar: „In die Pampa will ich nicht!“ Und sie wollte etwas Eigenes. Aber in Stuttgart? Unbezahlbar. Da kam ihr die Idee mit dem Tiny House.
Seit drei Jahren lebt die Rentnerin nun in ihrem eigenen kleinen Kosmos in Weinstadt-Endersbach. Wenn sie von den Anfängen erzählt, klingt das nach Kraftakt, nicht nach Schöner Wohnen. „Fünf Jahre habe ich gesucht, bis ich einen Platz gefunden habe.“ Noch heute wünscht sie sich, dass mehr Grundstücksbesitzer ihre Flächen für Tiny Houses öffnen – damit andere ihren Wohntraum verwirklichen können.
Pénélope Perivolaris wusste genau, was sie wollte. Eine S-Bahn oder Stadtbahn musste in der Nähe sein – keine Diskussion. „Ich muss in meinem Alter flexibel bleiben. Irgendwann kann ich vielleicht nicht mehr mit dem Auto in die Stadt fahren. Da denkt ein 30-Jähriger nicht unbedingt dran.“
Irgendwann traf sie auf Madeleine Krenzlin, Gründerin und Geschäftsführerin der Schorndorfer Beratungs- und Planungsfirma IndiViva – und setzte mit ihr ihren Wohntraum um. Für Krenzlin ist das Tiny House gerade im Alter eine gute Lösung, etwa wenn das eigene Haus zu groß geworden ist und an die nächste Generation weitergegeben wird. „Dann ziehe man selbst in ein ebenerdiges, auf die individuellen Bedürfnisse zugeschnittenes Häuschen im eigenen Garten“, sagt sie. Und was kostet so ein Haus? „Ein schlüsselfertiges, wohngesundes Tiny House aus Holz mit rund 30 Quadratmetern Wohnfläche beginnt im Rems-Murr-Kreis bei etwa 120.000 Euro – Architektenkosten inklusive“, sagt Krenzlin.
„Man muss improvisieren“ – Geselligkeit im Tiny House
Pénélope Perivolaris wohnt gern in ihrem Minihaus. Gleichzeitig betont sie: „Ich bin nicht darauf fixiert, bis an mein Lebensende hier im Tiny House zu leben.“ Kürzlich kamen drei Freundinnen vorbei – zu eng? Keine Spur. Vier Frauen auf einem Sofa, der einzige Tisch wurde zum Buffet umfunktioniert. „Man muss improvisieren“, sagt sie. „Aber genau das macht’s besonders.“
Improvisieren gehört in einem Tiny House sowieso dazu. Der VW-Bus von Pénélope wird im Winter zum Kleiderschrank für die Sommergarderobe, und der Wäscheständer steht trotz Kälte draußen oder im Schuppen – sonst kriecht die Feuchtigkeit wie ein hartnäckiger Wurm in die Holzwände. Und so schön, die Holzverkleidung im Inneren ist, sie hat ihren Nachteil. „Ich muss jeden Tag staubsaugen, weil das Holz keinen Staub schluckt.“
Aber gibt es im Tiny House auch Vorteile, die besonders für ältere Menschen nützlich sind? Pénélope Perivolaris nickt.„Die Wege sind kurz, der Einkauf ruckzuck im Kühlschrank.“ Mit dem VW-Bus kann sie direkt vor die Terrassentür fahren, um auszuladen. Kochen, duschen, arbeiten – alles auf einem Stockwerk. Einfach praktisch. Aufräumen? Gibt’s kaum etwas. „Und es ist meins, keiner kann mich so schnell rausschmeißen“, sagt sie.
Ein Wunsch bleibt trotzdem offen: Zwei, drei Nachbarn, die ebenfalls in einem Tiny House wohnen und mit ihr eine kleine Gemeinschaft bilden. „Das wäre mein absoluter Traum gewesen.“ Schade findet sie außerdem, dass ihre beiden Töchter samt Partnern und den zwei Enkelkindern nicht alle gleichzeitig bei ihr übernachten können.
Individuelle Einrichtung: Tiny House als kreatives Kunstwerk
Es ist erstaunlich hell im Tiny House. Ein Oberlicht, sieben Fenster und die großzügige Terrassentür lassen Licht ins Haus strömen. Besucher merken sofort: Pénélope Perivolaris hat ein Händchen für Einrichtung. Besonders die Küche ist ein Mini-Kunstwerk – Weinkisten aus aller Welt dienen als Regale. Im Bad steht eine alte Nähmaschine unter dem Waschbecken als Unterschrank. „Bei meiner Einrichtung ist mir wichtig, dass sie individuell ist – das hat sonst keiner“, sagt die Hausherrin.
Geheizt wird ausschließlich mit Strom. Eine Fußbodenheizung wärmt den Boden, Infrarot-Panels an der Decke die Luft in den beiden Räumen. Pénélope Perivolaris war es besonders wichtig, natürliche Baustoffe zu verwenden: Das Tiny House besteht komplett aus Holz, die Wände tragen Kreidefarbe, der Boden ist nur geölt, und selbst die Fenster sind aus Holz. „Und die Fenster gehen nach außen auf – sonst würden sie drinnen den ganzen Platz versperren.“
„Klein, fein, wunderschön – ich liebe es“, sagt Pénélope Perivolaris über ihr Zuhause. Um es lange genießen zu können, hat sie vorgesorgt: Ihre Matratze liegt auf einer eingezogenen Ebene, zu der acht Stufen führen. Wenn der Weg zu ihrem „Schlafloft“, wie sie es liebevoll nennt, irgendwann zu beschwerlich wird, schläft sie einfach auf dem rosafarbenen Sofa – das ist praktischerweise ein Schlafsofa.
Eignet sich ein Tiny House für Senioren – oder ist sie eine Ausnahme? Pénélope Perivolaris lässt sich Zeit mit der Antwort. Dann sagt sie: „Ich bin keine Ausnahme. Das können auch andere Ältere.“ Für sie hat das wenig mit dem Alter zu tun, viel mehr mit dem Typ Mensch. „Wer den ganzen Keller voller Zeugs hat, eignet sich vermutlich nicht.“ Es geht ums Loslassen, sagt sie. Um den Mut, sich von Ballast und Dingen zu trennen, die man jahrelang hortet – egal, ob man sie wirklich braucht.