Bleibt alles hängen: In diesem Weinberg bei Winnenden können die Trauben zu nichts mehr gebraucht werden, erklärt Karl-Heinz Eckstein. Foto:  

Württembergs Sondersorte hat den Winzern in diesem Jahr viel Arbeit beschert – und war am Ende für manche ein Totalausfall. In Zukunft wird es wohl immer weniger Trollinger geben. Das könnte auch eine Chance für den leichten Rotwein sein.

Den Trollinger hätte Karl-Heinz Eckstein dieses Jahr hängen lassen können. So machen es einige seiner Kollegen in der Lage Himmelreich bei Winnenden im Remstal. Den Anblick konnte der 72-Jährige aber nicht ertragen: „Dann denken die Leute, was für ein fauler Winzer!“ Also schnitt er die Trauben ab, warf sie auf den Boden und ließ den Enkel mit dem Rasenmäher drüberfahren. „So einen miserablen Herbst habe ich noch nie erlebt“, sagt Karl-Heinz Eckstein über die 59. Lese in seinem Leben. Im Trollinger ist nämlich der Wurm drin: Die Kirschessigfliege machte sich über die Trauben her, um dort ihren Nachwuchs abzulegen. Danach sind sie unbrauchbar für die Weinzubereitung. „Jetzt können wir nur noch halbe Viertele trinken“, sagt Karl-Heinz Eckstein, der Mitglied bei der Remstalkellerei ist. Allerdings wird der natürliche Schwund des Weins nicht überall als Problem gesehen.

 

Erst viel Mühe beim Spritzen, dann bei der Lese

„Es war ein sehr intensives Jahr“, lautet die Bilanz von Hermann Morast vom Weinbauverband Württemberg. Während die Qualität der weißen Trauben unter den Weingärtnern für Entzücken sorgt, hat der Trollinger ihnen vor allem viel Arbeit beschert. In den heißen Monaten Juni und Juli musste gegen den Mehltau-Pilz gespritzt werden. Im August kam viel Regen und schließlich wieder Hitze: Die Beeren wurden groß, ihre dünne Haut platzte auf, oder die Kirschessigfliege pikste ein Loch hinein. „Die Winzer hatten Mühe, die Pflanze gesund zu halten“, erklärt der Verbandsgeschäftsführer. Bei der Lese hatten sie dann wieder Mühe: Vollernter können bei Kirschessigfliegenbefall nicht eingesetzt werden, die Trauben mussten von Hand geerntet und die befallenen oder fauligen Beeren aussortiert werden.

Mit rund einem Viertel weniger Ertrag beim Trollinger rechnet Justin Kircher in diesem Jahr. „Es ist ein Weißweinjahrgang“, sagt auch der Vorstandsvorsitzende der Genossenschaftskellerei Heilbronn. Der Trollinger habe den Weingärtnern hingegen „alles abverlangt“, bestätigt er. Von den 1400 Hektar von Deutschlands größter Genossenschaft ist immerhin ein Fünftel mit der württembergischen Spezialsorte bestockt. Die Heilbronner halten weiterhin daran fest, Justin Kircher vermeldet nur „eine leichte Reduktion“ der Rebfläche. Früher zahlten die Wengerter mit dem Massenträger Trollinger ihre Häusle ab – heute zahlen sie oft drauf.

Die Anbaufläche ist um mehrere hundert Hektar geschrumpft

In der Statistik für ganz Württemberg spiegelt sich diese Entwicklung wider: Seit dem Jahr 2005 ist die mit Trollinger bestockte Rebfläche von 2510 auf 1900 Hektar zurückgegangen. „Nach den Erfahrungen in diesem Jahr ist zu erwarten, dass sich der Trend fortsetzt, möglicherweise noch beschleunigt“, prognostiziert Jürgen Sturm, der Referatsleiter Rebenzüchtung von der Weinsberger Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau. Es ist eine Kehrtwende: Zwischen den Jahren 1964 und 2002 nahm die Anbaufläche laut dem Statistischen Bundesamt von 1600 Hektar auf 2600 Hektar zu. Inzwischen hat der Riesling längst den Trollinger als Leitrebsorte abgelöst.

Karl-Heinz Eckstein hat diesen Herbst wenig geschlafen. Acht Tage vor der Trollinger-Lese sahen die Trauben „noch so schön“ aus, der Ertrag wäre „traumhaft“ gewesen. Doch die Kirschessigfliege war fleißiger als im Jahr 2014, als der bisher größte Befall vermeldet wurde. Dabei hatte ein Kollege ein neues Mess- und Warngerät installiert, das auf die Sekunde genau die Spritztermine gegen Peronospora und Mehltau meldete – vergeblich. Ein anderer Kollege, der aus seinem Weinberg normalerweise 1300 Kilogramm Trollinger herausholt, hätte nur noch 600 Kilogramm retten können, und statt eineinhalb Stunden benötigte er dafür fünf. „Man weiß genau, dass man nichts mehr verdient“, erklärt Karl-Heinz Eckstein. Seine Frau nannte den einen Hektar, den er noch selbst bewirtschaftete, „ein teures Hobby“. Er hat die Fläche nun verpachtet.

Der Klimawandel macht dem Trollinger zu schaffen

„Der Trollinger ist der absolute Verlierer in 2023“, bestätigt Markus Bruker. Für den Biowinzer aus dem Bottwartal (Kreis Ludwigsburg) wird es „jedes Jahr ambitionierter, Weinbau zu betreiben, weil die Witterung immer mehr verrückt spielt“. Sein Verlust beim Trollinger hält sich mit 15 Prozent in Grenzen, überhaupt hat er die Sorte gerodet und bewirtschaftet nur noch 30 Ar von ehemals 3,5 Hektar Anbaufläche für Trollinger. „Man muss andere Rebsorten pflanzen, um weniger Probleme zu haben“, sagt der 48-Jährige. Der Trollinger gehört für ihn aufgrund des Klimawandels zu den problematischen Sorten, Lemberger, Merlot, Chardonnay und Riesling seien auch dieses Jahr dagegen kerngesund.

Dass in seiner Kellerei bis zu 40 Prozent weniger Trollinger abgeliefert wurden als üblich, findet Christoph Kern gar nicht so tragisch. „Der letzte Jahrgang war groß, das gleicht sich aus“, sagt der Juniorchef des Remstaler Familienbetriebs. Was er bekommen habe, sei dafür von hoher Qualität. Für ihn und Markus Bruker ist es eine natürliche Marktbereinigung. Die Sorte gibt Christoph Kern trotzdem nicht auf: „Er kommt wieder“, ist er sich sicher. „Man muss nur etwas Gescheites daraus machen“, ergänzt Markus Bruker. Für Hermann Morast ist der Trollinger sogar eine Trendsorte, weil er weniger Alkohol als andere Rotweine hat. „Jede Region ist froh, wenn sie eine eigene Rebsorte hat“, sagt Justin Kirchner von den Heilbronner Weingärtnern.