Die Weinmacher der Hessigheimer Manufaktur Exnicrum wollen den Weinbau in den Steillagen am Neckar retten – einige Eindrücke von ihrer Weißburgunder-Lese am Käsberg.
Auch von unten ist es ein beeindruckender Anblick: Hoch oben das markant an der Hangkante aufragende Lorbeergebüsch unter der Käsbergkanzel. Direkt drunter fällt das am Steilhang klebende „Königshäusle“, das Prachtwengerthäusle des Weinguts Herzog von Württemberg, ins Auge. Und direkt vor der Nase sorgen die gefühlt senkrecht nach oben führenden Steintreppen zwischen den schmalen Weinbergterrassen fast für alpine Verhältnisse. Hinter uns tuckert ein Frachter friedlich neckaraufwärts in Richtung Mundelsheim. Und der Treppeneinstieg am untersten Wengertmäuerle liegt so dicht an der Landstraße gen Hessigheim, dass schon dort rein verkehrstechnisch einige Vorsicht geboten ist. Wir sind im Steillagenwengert der Weinmanufaktur Exnicrum – der Weißburgunder dort muss in den Keller.
Geplatzte Beeren kommen weg
„Hier sieht man schon, dass der Regen gestern und heute Auswirkungen hat“, sagt Fabian Alber. Ein kleiner Riss zeigt sich an einzelnen Beeren, die niederschlagsbedingt am Aufplatzen sind. Noch keine Fäule, konstatiert der Wengerter, die betroffenen einzelnen Beeren werden trotzdem entfernt. „Wir machen sehr viel in Handarbeit“, sagt der Weinmacher und Hotelier, der seine Winzerausbildung unter anderem im Remstal bei Jochen Beurer gemacht hat. Kein Wunder, dass kaum Maschinerie zum Einsatz kommt, denn der Betrieb Exnicrum konzentriert sich auf Steillagen in der Neckarschleife. Und auf Weinsorten, die dort angesichts der sich wandelnden klimatischen Bedingungen auch in Zukunft nicht nur anständig reif werden, sondern auch zu einem auskömmlichen Preis vermarktbar sind. „95 Grad Oechsle“, ruft derweil Unternehmer und Exnicrum-Mitinhaber Herbert Müller eine Terrasse tiefer, „das ist perfekt“.
Fabian Alber und Herbert Müller sind die beiden Geschäftspartner, die hinter dem Anfang 2021 so richtig durchgestarteten Gesamtprojekt Exnicrum samt Weinmanufaktur, Vinothek und Boutiquehotel mit Weinterrasse stecken. „Wir wollen den Jahrhunderte alten Weinbergterrassen durch innovativen Weinbau eine neue Zukunft geben“, haben die beiden zum persönlichen professionellen Leitsatz erhoben. Schließlich sei die Kulturlandschaft in höchster Gefahr, „und am Trollinger wird zu wenig verdient“. Der Name Exnicrum? Klare Sache, grinst Müller zum Vorschlag fachkundiger Beratern aus höchsten gastronomischen und juristischen Gefilden in Berlin, „wir haben hier überall auch eine römische Geschichte“. Ex Nigrum also – vom Neckar.
Der Lesetermin wird zweimal verschoben
Es ist eine kleine Lesemannschaft, die sich zum wegen zu viel Nässe vom Himmel gleich zweimal verschobenen Lesetermin am Käsberg aufgemacht hat. Der Weißburgunder sei nur eine kleine Parzelle, erklärt Fabian Alber, deshalb hat es auch noch gereicht, dass nach morgendlichen Regengüsse die fünfköpfige Truppe am Nachmittag ab Vier bei Sonnenschein zur Tat schreitet. „Wir lesen ohnehin nicht jeden Tag“, sagt der Wengerter und Kellermeister, der nach seiner Ausbildung erst einmal ausgiebig Erfahrungen gesammelt hat in renommierten Betrieben in Österreich, USA und Neuseeland, bevor er – zunächst als Kellermeister im Weingut Faschian – in Hessigheim heimisch geworden ist.
Im weinbautechnischen Hier und Jetzt freuen sich die beiden Freunde vermarktbarer Steillagenweine über eine Topqualität beim Weißburgunder und zugleich eine ordentliche Menge, die in der Regel ohnehin auf eine Ausbeute von maximal 50 Kilogramm reduziert ist. „Es ist überraschend, wie prall die Trauben trotz der Trockenheit sind“, sagt Alber. Und auch in den höher gelegenen Trassenabschnitten, wo der Merlot steht, sieht es – zumindest bisher – sehr ordentlich aus. Rund 80 Grad Öchsle ist da das aktuelle Mostgewicht – auch das verspricht optimale Werte für die in knapp zwei Wochen anstehende Lese dort.
Der in Württemberg seit einigen Jahren verstärkt angebaute Merlot passt in das Sortenschema, das man sich bei Exnicrum für die wirtschaftlich und klimatisch funktionierende Steillagenzukunft vorgenommen hat. „Der Anbau bisher nicht möglicher mediterraner Rebsorten ist unsere Herausforderung“, sagt Herbert Müller. Hierzulande fänden diese Rebsorten inzwischen eine neue Heimat mit perfektem Terroir und eben auch mit der notwendigen Erfahrung im Kellerausbau. „Wir verstehen uns als innovative Pioniere einer Renaissance des Steillagenanbaus in historischen Top-Lagen.“ Das Ganze ist nebenbei auch Teil des Steillagenprojektes Consortium Montis Casei. In dieser „Käsberggesellschaft“ haben sich Weinliebhaber als Investoren der Erhaltung der Kulturlandschaft der terrassierten Steillagen am Neckar verschrieben und es den Weinmachern von Exnicrum ermöglicht, weitere Terrassenweinberge zu erwerben, die sonst womöglich aufgegeben worden wären. Es gehe dabei darum herauszufinden, welche hochwertigen Rebsorten auf den Muschelkalkterrassen gedeihen, sagt Herbert Müller beim Plausch am Fuß des Käsbergs. „Unsere Weine aus internationalen Sorten sind prädestiniert für harmonische Cuvées, die wir zusammen mit André kreieren, dem Chefsommelier des Berliner Zweisterne-Restaurants Tim Raue.“
Investoren ermöglichen den Kauf von Steillagenweinbergen
Zu den weißen Sorten gehören bei dem, was für Exnicrum am Käsberg und am Hessigheimer Wurmberg wächst, neben dem Weißen Burgunder der in Galizien kultivierte Albarino. Bei den Rotweinen sind es die internationalen Rebsorten Merlot, Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Syrah, Sangiovese und Tempranillo. Und die diesjährige Lese, sagt Fabian Alber quasi als Schlusswort zum nachmittäglichen Kurzeinsatz am Käsberg, ist – mit extrem gutem Ergebnis – Mitte September bereits zu gut 50 Prozent erledigt.