Weinkolumne Lesestoff Kernig

Von Kathrin Haasis 

Wer ist schon Wengerter, wenn er Weinfactum sein kann? Aber in Bad Cannstatt wird guter Wein gemacht. Foto: Weinfactum
Wer ist schon Wengerter, wenn er Weinfactum sein kann? Aber in Bad Cannstatt wird guter Wein gemacht. Foto: Weinfactum

Wer ist schon Wengerter, wenn er Weinfactum sein kann? Aber in Bad Cannstatt wird guter Wein gemacht, wie unsere Weinrunde berichtet.

Stuttgart - Genossenschaft klingt wohl zu sehr nach Kommunismus und zu wenig nach gutem Geschmack. Deshalb haben viele Kooperativen in Württemberg längst diesen Namen abgelegt. Weinmanufaktur Untertürkheim nennen sie sich beispielsweise stattdessen, Collegium Wir­temberg oder Bottwartaler Winzer. Denn Wengerter sind sie auch längst nicht mehr, höchstens noch Weingärtner.

Diese Berufsbezeichnung galt vor rund 15 Jahren noch als fortschrittlich: die Cannstatter legten sie sich im Jahr 2003 zu und strichen dafür die Genossenschaft vom Etikett. Der Gemeinschaftsbetrieb entwickelt sich ständig weiter, dieses Jahr wurde er erneut von der Fachzeitschrift „Weinwirtschaft“ unter 59 Genossenschaften zur zweitbesten von Deutschland gewählt. Den Preis nahmen die Kameraden aber unter neuem Namen entgegen: Die Cannstatter sind jetzt zum Weinfactum mutiert, diese Bezeichnung soll ihre kernige, authentische, anpackende und Fakten schaffende Art ausdrücken.

Zum Imagewandel passt die in diesem Jahr neu kreierte Linie „frisch & fruchtig“. Auf dem Etikett steht nur ein Buchstabe – s wie süß beim Rosé, f wie frisch bei der Weißweincuvée sowie w wie wild beim Rotwein. Die Mischung aus Lemberger und Spätburgunder bietet tatsächlich viel Wildheit für wenig Geld: viel Holz, viele Tannine, viel Leder, als ob ein Südfranzose im Glas wär. Das hat weniger mit dem überkommenen Begriff Genossenschaft zu tun, sondern mehr mit gutem Geschmack.

Das Urteil der StZ-Weinrunde: Harald Beck Das ist ein Überfall auf die Geschmacksnerven. Interessant auf jeden Fall, aber ob mir die grundlegende Restsüße zusammen mit der ansonsten kräftigen Aromafülle behagt, da bin ich mir nicht so sicher. Etwas zahmer ging’s für mich auch.

Holger Gayer Das ist tatsächlich ein ziemlich wildes Teil: kräftige Nase, danach auch kräftiger Geschmack, fast ein wenig scharf und im Abgang dagegen ziemlich süß. So ganz weiß der Wein noch nicht, was er will. Aber spannend ist er, keine Frage.