Foto: Klaus-Henning Damasko

Weinexpertin Natalie Lumpp hat nichts gegen einen Tropfen vom Discounter zum Einstieg.

Stuttgart - Junge Menschen tun Weinkultur längst nicht mehr als angestaubtes Hobby älterer Herren ab. Natalie Lumpp, am morgigen Dienstag beim Weindorf von Stuttgarter Nachrichten und SWR 4 zu Gast, beobachtet seit Jahren, dass immer mehr Mittzwanziger einen guten Tropfen zu schätzen wissen.


Frau Lumpp, wann haben Sie zum ersten Mal Wein probiert?
Darf ich das überhaupt laut sagen? Ich war 13, als ich ganz, ganz gelegentlich bei meinen Eltern mal sachte nippen durfte.

Trotz sachtem Nippen waren die Tropfen im Abgang so vollmundig, dass Ihre Neugier geweckt war?
Ich habe schnell festgestellt, dass jeder Wein jedes Jahr anders schmeckt. Das hat mich fasziniert. Das war aber erst mit 18, als ich mich tatsächlich ernsthaft für Wein zu interessieren begann.

Der Einstieg quasi im Jugendalter hat Ihnen nicht geschadet?
Obwohl ich schon früh weinverrückt war – nein!

Mit Ihrer frühen Vorliebe für Wein waren Sie unter Ihren Altersgenossinnen und Altersgenossen sicher eine Exotin.
Na ja, die anderen sind damals meistens nach Mallorca gefahren, um Partys zu feiern, und ich eben nach Burgund, um Weine zu probieren.

Junge Leute fahren heute vermutlich immer noch eher nach Mallorca als nach Burgund. Wein genießen an sich ist bei Jüngeren dafür beliebter geworden. Das Stuttgarter Weindorf jedenfalls ist schon lange kein reiner Seniorentreff mehr.
Vor 20 Jahren war Wein vor allem für ältere Herren ab einer gewissen gesellschaftlichen Schicht ein Thema. Wenn ich heute Weinproben oder Weinseminare organisiere, kommen viel mehr junge Menschen. Mit 18 wie bei mir ist das vielleicht noch schwierig, einen Zugang zu diesem Thema Wein zu finden, aber mit 25 bis 28 Jahren entdecken viele den Wein für sich. Das Weindorf ist ein guter Indikator für diese Entwicklung.

Beim Weindorf werden 500 verschiedene Weinsorten ausgeschenkt. Seit längerem sind auch hiesige Spitzenerzeuger wie Aldinger aus Fellbach oder Wöhrwag aus Untertürkheim vertreten. Nur deswegen kommen aber keine Mittzwanziger zum Weindorf?
Das erwartet auch niemand. Das Weindorf ist kultig und eine prima Gelegenheit für Jüngere, sich zu treffen.
b> Das Aha-Erlebnis auf dem Stuttgarter Weindorf
Deutschlands größter Flirttreff, wie Oberbürgermeister Wolfgang Schuster findet.
Vielleicht auch das – und nebenbei entdeckt man zufällig das Thema Wein für sich. Mancher hat auf dem Stuttgarter Weindorf sein Aha-Erlebnis dazu.

Mit dem gängigen Vokabular der Weinkenner wie „Noten von Mokka und Schokolade und sanften Beeren im Abgang“ können doch die wenigsten jungen Weintrinker etwas ­anfangen?
Als Studenten beginnen viele mit einem Lambrusco, als Rechtsanwälte oder ­Ingenieure schätzen sie einen kräftigen ­Bordeaux. Am Anfang ist es wichtig, dass man selbstbewusst unterscheidet, welcher Wein einem schmeckt und welcher nicht. Im Übrigen täuschen Sie sich. Junge Leute ­geben sich viel aufgeschlossener, als man denkt. Es sind eher die Älteren, die den Kopf schütteln, wenn von Aromen aller Art die Rede ist.

Wo liegen denn die Vorlieben der Jüngeren?
Jüngere mögen es am liebsten einfach und unkompliziert. Sie orientieren sich international und bevorzugen Weine zum Beispiel aus Australien oder Südafrika.

Ein Trollinger aus Württemberg ist uncool?
Zwischen 20 und 30 mögen viele die fruchtigen Weine. Um einen im Barrique ausgebauten Lemberger genießen zu können, ist später genug Zeit.

Für teure Tropfen wie einen Lemberger aus dem Barrique hat man in jungen Jahren normalerweise nicht das Geld.
Die Gleichung teuer gleich gut oder umgekehrt stimmt so nicht. Sonst bräuchte man uns Weinberater nicht.

Was raten Sie?
Es ist nicht verkehrt, mal einen Wein vom Discounter zu versuchen. Und wer sich auf dem Weindorf ein Viertele leichten Trollinger für 3,80 Euro gönnt, macht nicht grundsätzlich etwas falsch. In einer Gruppe von 20 Leuten trinkt sich so ein Wein vielleicht einfacher. Im kleinen Kreis kann es ja dann etwas Kräftigeres sein, um über die Struktur eines solchen Tropfens zu fachsimpeln. Es kommt auf den Zeitpunkt und auf die ­Gesellschaft an.

Stellen Sie sich vor, jemand um die 30 sagt: Wein mag ich nicht, die schmecken doch eh alle gleich sauer. Ist so jemand für den Weingenuss verloren?
Nein, denn es ist das Normalste der Welt, dass man nicht alles von Anfang an mag. Der Geschmack verändert sich mit dem Alter bei jedem. Das gilt gerade beim Weintrinken. Ich würde so jemandem raten: „Sei offen.“ Ich würde ihm immer wieder mal einen Wein zum Probieren geben, zum Beispiel einen tollen Sauvignon Blanc mit Ananas- und Maracujadüften. Irgendwann lande ich einen Treffer und er sagt: „Wow!“
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