Weindorf-Treff La Le Lu, der Mann im Mond hört zu

Von Frank Rothfuss 

So einschläfernd war der Weindorf-Treff von SWR 4 und Stuttgarter Nachrichten noch nie. Dornröschen ist eine blutige Anfängerin gegen jene Runde, die sich am Mittwoch eingefunden hatte.

Stuttgart - Man wusste nicht so recht, wie man das einschätzen soll. War das ein Versprechen oder eine Drohung? Moderator Tom Hörner sagte, er werde noch singen. Musik war drin in diesem Weindorf-Treff in der Laube der Alten Kanzlei, und das beflügelte ihn offensichtlich. Doch dazu kommen wir später. Frei nach dem Motto: „Wo man singt, da lass Dich nieder, schlechte Politiker kennen keine Lieder“, war die Reihe an der Landtagsabgeordneten Brigitte Lösch. Obwohl mit Chorerfahrung bei den Spitzenbergspatzen in Kuchen ausgestattet, zog sie es vor zu reden, nicht zu singen.

Aufgewachsen als Tochter eines SPD-Gemeinderats in Geislingen kandidierte sie selbst mit 27 Jahren für den Gemeinderat. Warum das denn?, wollte Moderatorin Diana Hörger wissen. „Eigentlich wollte ich nicht, ich hatte genug zu tun“, erinnert sich Lösch, „aber man hat mir gesagt: Du bist doch die, die immer alles weiß und an allem herumnörgelt. Also mach’s besser.“ Wir halten fest: Besserwisser und Bruddler taugen zum Politiker. So gesehen könnte jeder Schwabe aber ganz locker den Ministerpräsident geben. Apropos Kretschmann. Was passiert eigentlich, wenn er Bundespräsident wird? Kommt dann der Özdemir? Ein bisschen viel der Spekulationen sei das, findet Lösch: „Wir brauchen keine Bundesvorsitzenden und Oberbürgermeister, wir kriegen das auch aus dem Landtag hin.“ Man darf gespannt sein, welche neuen Töne man da noch aus Tübingen zu hören bekommt.

Nur Anastasios war für sie da

Eine Expertin in Sachen Tönen ist auch die Musikkabarettistin Inez Martinez. Nein, sie wurde nicht in Madrid geboren, sondern in Hessen als Ines Füldner. Als kleines Mädchen zog sie an den Neckarstrand – und plötzlich fehlten ihr die Töne. Sie verstand kein Wort, „und nur Anastasios aus Thessaloniki kümmerte sich um mich“. Doch in der dritten Klasse sprach sie schon perfekt Schwäbisch, und, o Wunder, „ich wurde dann auch zu den Kindergeburtstagen eingeladen“. Mittlerweile ist sie perfekt integriert, wie sie sogleich bewies mit ihrer Geschichte über Schwangeren-Yoga im Stuttgarter Westen, die man besser aber nur im Stuttgarter Osten spielt. Einst bescheinigte man ihr in einem Schorndorfer Studio, wo man sie zur Rock-Sängerin machen wollte, „diese Stimme klingt nach Schlager“. Das war aber nicht das Ende vom Lied. Die Kariere mit Honey Pie begann, dann reizte sie die Comedy und auch von „40 Zuschauern im Theaterhaus“ ließ sie sich nicht entmutigen. Heute sind die Säle voll, doch festlegen auf ein Genre will sie sich weiterhin nicht. Zudem betreut sie seit 20 Jahren ihren Wunderbaren Frauenchor.

Auch Tenor Daniel Kluge von der Staatsoper Stuttgart leitet einen Chor. Den Männerchor in Rohrdorf. „Im tiefsten Schwarzwald“, wie er sagt. Dort ticken die Kuckucksuhren anders. Auf ein gemeinsames Konzert von Männerchor und Frauenchor angesprochen, sagt er: „Unmöglich! Meine Männer wollen das nicht. Die glauben, Frauen können nicht singen.“ Seine Meinung ist das nicht.

Bei vier Frauen zu Hause wäre das auch tollkühn. Er ist der Meinung: „Jeder kann singen!“ Die Musik war am Anfang, „und schon immer hat der, der in den dunklen Keller ging, gesungen und gepfiffen“. Man muss sich das also so vorstellen: Der Rulaman wollte sich ein Bier holen, ging die Stufen in den Eiskeller hinab, als plötzlich die Fackel ausging. Also fing er an zu pfeifen, um die Säbelzahntiger zu vertreiben.

Der Tenor singt den VfB zum Sieg

Dank der Evolution wurde daraus die „Bildnis-Arie“ von Mozart. „Dies Bildnis ist bezaubernd schön, wie noch kein Auge je gesehen“, sang Kluge. Weil Tamino jemand zum Anschmachten brauchte, sah er die Weinkönigin Mara Walz an. Was hat er da nur angerichtet? Alle Zukünftigen müssen sich nun an dieser Serenade messen lassen. Wobei Kluge nicht nur Liebeslieder singen kann, der VfB-Fan schmettert auch Fangesänge und verhilft dem VfB so in die Operliga. Er ist wohl auch der einzige, der sich über den Abstieg freut: „Ich habe dienstags frei“, sagte er, „und muss jetzt Montagabends meine Stimme nicht schonen.“ Am Mittwochabend musste er aber noch mal ran. Sie erinnern sich? Die große Klappe von Tom Hörner. Weil er nur ein Lied kannte, sangen alle: „La Le Lu, nur der Mann im Mond schaut zu“. Stille kehrte ein. Das Weindorf schlief.

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