Weindorf-Treff „Haben gesehen, was Fans sehen wollen: Tore.“

Von Michael Deufel 

Weindorf-Treff: Robin Dutt und Eduardo Garcia waren zu Gast bei den Stuttgarter Nachrichten und SWR 4.

Stuttgart - Eine solche Klatsche wirkt nach. 1:6 hat der VfB Stuttgart am Sonntag beim FC Bayern München verloren – das bedarf der Aufarbeitung, auch zwei Tage danach beim Weindorf-Treff von Stuttgarter Nachrichten (StN) und SWR 4, erst recht wenn dabei Robin Dutt und Eduardo Garcia am Tisch sitzen. Die Moderatoren Tom Hörner (StN) und Knut Bauer (SWR 4) halten sich nicht mit Vorgeplänkel auf. Der neue Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) sowie der Unternehmer und Fußball-Sponsor sollen erzählen, wo und wie sie diese krachende Niederlage miterlebt haben.

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Eduardo Garcia hat im Flugzeug gesessen, als ihn die Nachricht vom 1:2-Rückstand des VfB erreichte: Wenn aus zwei noch sechs Gegentore werden, „dann ist das eben Fußball“, sagt der Chef des Molkereiunternehmens Gazi, in der vorigen Saison noch Trikotsponsor beim VfB. Dass das Firmenlogo am Sonntag nicht auf den Spielertrikots gestanden hat, war ihm nicht ganz unrecht.

Robin Dutt hat in der Allianz-Arena in München gesessen. Mit seinem Ex-Club Bayer Leverkusen ging er einmal 1:7 gegen den FC Barcelona ein. Nicht unerfahren mit hohen Niederlagen, hat ihn trotzdem kein Déjà-vu-Erlebnis ereilt: „Wir haben gesehen, was Fans sehen wollen: Tore.“

Das Publikum beim Weindorf-Treff wartet vergeblich auf ein Lamento getroffener schwäbischer Fußballseelen. Stattdessen der Blick nach vorn. Man müsse „so eine Niederlage als Chance begreifen“. Und dann eine für den VfB nicht unwichtige Erkenntnis: Eine Niederlage in einem K.O.-Spiel der Champions League sei nicht zu reparieren, eine Punktspielpleite sehr wohl.

Rasch erhält das Gespräch in der Laube der Alten Kanzlei eine wirklich ernste Note. Denn VfB-Fans sind zwar über die Jahre leidgeprüft, aber ein 1:6 bei den Bayern zu verzeihen, dürfte vielen schwer fallen. Auswüchse wie jüngst in Köln, wo ein Profi nach Morddrohungen aus Angst seinen Vertrag aufgelöst hat, seien aber inakzeptabel, so Dutt und Garcia übereinstimmend. „Wir dürfen hier nicht wegschauen, zum Sport gehört beides, Sieg und Niederlage“, sagt Robin Dutt. „Zusammen verlieren ist Teil des täglichen Lebens“, sagt Eduardo Garcia.

Die beiden Gäste beim Weindorf-Treff liegen nicht nur in Fragen sportlicher Fairness auf einer Linie. Sie verbindet auch mehr als ihre gemeinsame Vergangenheit bei den Stuttgarter Kickers, die Dutt vor Jahren trainiert hat und Garcia bis heute finanziell unterstützt. Auch ihrer beiden Erfolgsgeschichten weisen Parallelen auf. Beide begannen bescheiden: Eduardo Garcia hat nach seinem Studium der Wirtschaftswissenschaften mit 25 Jahren sein Unternehmen gegründet und nach einer Marktnische gesucht. „Früher habe ich alkoholfreies Bier nach Saudi-Arabien exportiert und dort Schafskäse aus Bulgarien entdeckt“, sagt Garcia. Die Marktnische war gefunden. Heute gehört dem gebürtiger Stuttgarter und nach eigenem Bekunden Urschwaben mit spanischen Wurzeln Europas größter Hersteller von türkischen Molkereiprodukte. Gekickt hat Garcia auch mal in der C-Jugend des VfB. Doch die Begeisterung über das Hobby war in seiner Familie überschaubar.

Robin Dutt brachte er es bis zum Verbandliga-Fußballer beim FV Zuffenhausen. Die große Fußballbühne hat er erst als Trainer betreten. Moderator Hörner, selbst erklärter Fußball-Laie, vermutet einen Widerspruch und einen Nachteil, „wenn man es mit einer Diva wie Michael Ballack zu tun bekommt“. Dutts Konter: „Ein guter Jockey muss kein gutes Pferd gewesen sein, um zu gewinnen.“

Zum Thema Stars ist der DFB-Funktionär ganz Diplomat: Egal ob Bezirksliga oder Champions League, Spieler über 30, die zehn Jahre einen Stammplatz hatten, stellt die Reservebank nicht zufrieden – „weil sie alle Fußball spielen wollen“. Einziger Unterschied: die mediale Aufmerksamkeit.

Garcia hat Dutts Karriere bis zum DFB-Sportdirektor offenbar nicht überrascht. Schon bei den Kickers habe er Jugendteams akribisch analysiert. Dann merkt die Laube auf, als Garcia folgenden Satz sagt: „Robin Dutt ist für mich der kommende Bundestrainer, wenn Joachim Löw aufhört.“ Dutt widersprich selbstredend sofort. Was Löw geleistet habe sei „her-vor-ragend“, er möge noch lange Bundestrainer bleiben.

Zum Weindorf-Treff gehören nicht nur wuchtige Aussagen sondern – logisch – eine Verkostung, genauer eine Blindverkostung. Beide Gäste schlagen sich wacker, mit Vorteilen für Robin Dutt , der den Trollinger sofort erkennt. Eduardo Garcia schmeckt hingegen keinen Unterschied zwischen seiner Gazi-Buttermilch und einem Konkurrenzprodukt aus dem Allgäu. Ist aber nicht so schlimm wie ein 1:6 bei den Bayern.

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