Weindorf-Treff Die Hauptrolle in einem Stummfilm

Von Frank Rothfuss 

Und in die Stille fällt ein Schuss. Nun gut, es waren nur die Glocken der Stiftskirche. Aber auch so ging es beim Weindorf-Treff von SWR 4 und Stuttgarter Nachrichten dramatisch zu. Es tagte die Kriminalrunde.

Stuttgart - Die Welt kann so einfach sein. Die Guten fangen die Bösen, und wenn man ein Viertele vor sich stehen hat, scheinen die Zeitenläufe und all das Kuddelmuddel weit entfernt. Doch der „Tatort“ endet nach 90 Minuten, und auch beim Weindorf schaut die wirkliche Welt hin und wieder vorbei. Am Dienstagabend war der Stuttgarter Kripochef Rüdiger Winter beim Weindorf-Treff in der Laube der Alten Kanzlei zu Gast. Sein Alltag ist spannend, fröhlich und grausig. Ganz so wie ein guter Film.

Oder nicht, Herr Fred Breinersdorfer? Der Autor muss es ja wirklich wissen. Drehbücher für gut 75 Filme hat er geschrieben, für den Oscar war er nominiert für „Sophie Scholl“. Doch der Beruf ist keinesfalls ein ewiges Frohlocken. Im Drehbuch für „Anne Frank“ fuhrwerkten so viele Leute rum, dass „der Film total in die Hose ging“, erzählte er den Moderatoren Diana Hörger und Tom Hörner. Ob man deshalb töten könnte? Da entlastet das Schreiben, Breinersdorfer lässt morden. Und hinterher Schimanski und Borowski die Auswüchse seiner Fantasie aufräumen.

Dabei ist er eigentlich Anwalt. Als Strafverteidiger reüssierte er nicht. Den Mandanten habe das notwendige Vertrauen in ihn gefehlt. Dafür klagte er Studenten an die Unis. Tausende Ärzte verdanken ihm ihre Kariere. So wie jener Gefäßchirurg aus Esslingen, den er kürzlich traf, und der bekundete, wenn er Probleme mit der Halsschlagader bekäme, soll er zu ihm kommen.

Fred Breinersdorfer wollte in den Bundestag

Ein rechter Rotwein hilft da aber auch. Barolo würde Alt-Kanzler Gerhard Schröder empfehlen. Für den machte sich Breinersdorfer bei der Bundestagswahl 1994 stark, er trat in Stuttgart für die SPD an. Doch, doch, die gab’s damals noch. Die Wähler schickten ihn nicht nach Berlin, jetzt ist er freiwillig dort und schreibt Drehbücher auch für den „Tatort“.

Nun haben die Dramen im Fernsehen mit den Dramen im wirklichen Leben wenig zu tun. Und wer den ganzen Tag mit Mord und Totschlag befasst ist, braucht das nicht auch noch am Feierabend. Kripochef Rüdiger Winter meidet den „Tatort“. Immerhin, die „Rosenheim-Cops“ schaut er sich an, der Kulisse wegen. Die Alpen sind seine liebsten Krimi-Darsteller. Wenngleich er auch zuhause mit den Klischees konfrontiert wird. Seine Frau, offenbar mit gutem Humor gesegnet, rufe ihn hin und wieder an, wenn er mal wieder tagelang im Büro sitze und sage: „Die 90 Minuten sind um, der Fall ist gelöst, du kannst heimkommen!“

Doch die Arbeit der Polizei hat natürlich nichts mit einem Film gemein. Die wäre auch viel zu langweilig fürs Fernsehen. Winter: „In einer Sonderkommission arbeiten 30 bis 40 Spezialisten.“ Mit ungewissem Ausgang. Und nicht zwei sonderliche bis geniale Kommissare, die Sprüche klopfen und nebenbei dafür sorgen, „dass die Welt wieder in Ordnung ist“, wie Breinersdorfer sagt.

Aber das ist sie eben nicht. Weder für die Angehörigen der Opfer, noch für die Polizisten. Eine Sonderkommission „ermittelt oft Wochen und Monate“, freie Tage oder gar Urlaub sind da eine Rarität. Kein Wunder, dass den Lebenden mitunter das Verständnis fehlt, wenn die Toten wichtiger sind. Winter: „Ich habe Kollegen, die sind dreimal geschieden.“ Zumal man das Erlebte mit sich herumschleppt. Winter: „Man darf das nicht zu nah an sich heranlassen.“ Einfach gesagt, aber schwer umzusetzen, wie er aus eigener Erfahrung weiß. „Ich war einmal bei einer Obduktion eines kleinen Mädchens. Sie war im gleichen Alter wie meine Tochter. Das geht ihnen natürlich nahe.“ Man sieht ihm an, dieses Bild hat er immer noch im Kopf.

Die Goldene Contenance 2016 für Michael Matting

Übermenschen, die gibt es auch bei der Polizei nicht. Der „Landesschau“-Moderator Michael Matting hatte ebenfalls den „Tatort“-Ermittler im Kopf, als er sich in den Revieren des Landes auf Spurensuche für seine Reihe „Kommissare Südwest“ begab. Er stellte fest: „Die waren alle völlig normal“, sagte er, „extrem sachlich.“ Er zeigt die Polizeiarbeit wie sie wirklich ist. Eine wahre Berühmtheit geworden ist er allerdings durch eine Panne. Besser gesagt, durch die gelassene Art und Weise, wie er eine Sendung voller Pannen moderierte. Nach der Flut im Fränkischen stand er morgens im Studio in Stuttgart und wartete auf eine Live-Schalte nach Braunsbach. Jenem Ort, der unter Schlamm und Geröll begraben worden war. „Da ging alles schief“, erinnert sich Matting. Der Film kam, der Ton fehlte. Der Film kam erneut, der Ton fehlte wieder. Dann meldete sich der Reporter aus Braunsbach, der stand einfach da und sagte nichts. So ging das endlose vier Minuten. Für seine Souveränität während dieses Stummfilms verliehen ihm die Kollegen von „Übermedien“ „die Goldene Contenance 2016 für stoisches Weitermoderieren am Abgrund einer Sendeapokalypse“. Man darf vermuten, das ihn seine Liebe zum VfB zum Stoiker gemacht hat. Ein Auto besitzt er auch keines, er schult also seit jeher an der S-Bahn seine Nerven.

Für Winter muss auch keiner den Wagen vorfahren, er fährt Bus und Bahn und Rad. Und das so hingebungsvoll, dass er mit Freunden in 24 Stunden die 500 Kilometer von Trondheim nach Oslo in Norwegen radelte. In strömendem Regen. Das ist nun wahrlich durchgeknallter als die Polizei erlaubt.

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