Gemeinsam für ein gutes Image der Stadt: Christoph Kern, Bärbel Mohrmann, David Buchar, Nikita Gorbunov und Michael Wilhelmer (v. li) Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

So jung kommen wir nicht mehr zusammen, prostet man sich auf dem Weindorf zum Wohle der Stadt zu. Vieles ist beim Alten, und doch soll alles ein bisschen anders sein.

Stuttgart - Biologisch betrachtet werden wir zwar immer älter, aber egal: Alle wollen, alles soll jünger werden. Auch das Weindorf mal wieder. Ein erster Schritt ist 2017 schon getan: Der langjährige Pro-Stuttgart-Geschäftsführer Axel Grau ist mit 67 Jahren in den Ruhestand gegangen, Nachfolgerin ist Bärbel Mohrmann. Da man bei Frauen ab einem gewissen Alter nicht über ihr Alter spricht, kann man nur sagen: Sie ist jünger. Und setzt auf die sozialen Netzwerke. Auf der Facebook-Seite des Weindorfs tut sich zwar noch nicht so wahnsinnig viel, aber immerhin laufen auf Instagram Fotos mit Hashtags wie „#stuttgarterweindorf #Kollegen #binfrohdasseseuchgibt“ ein.

Zehn Jahre war Mohrmann Protokollchefin der Stadt, und wie meinte der Erste Bürgermeister Michael Föll? Man habe „auf eine Ablöse in dreistelliger Millionenhöhe verzichtet“. Ja, die Eröffnung des 41. Stuttgarter Weindorfs war schon eine launige Angelegenheit. Und wenn man den Faktor Zeit, der beim Altern eine gewisse Rolle spielt, als Maßstab nimmt, war sie nur halb so alt beziehungsweise doppelt so jung wie frühere Ausgaben: Nach einer Dreiviertelstunde war der offizielle Teil schlagartig vorbei! Auch der musikalische Rahmen war jünger als früher. Mit dem Trio Acoustic Groove und Songs wie „Heart of Gold“ ist man nun programmtechnisch eher bei SWR1 anstatt bei SWR4 mit den Dixie-Krachern von einst angekommen.

Weindorf hat sich weniger verändert als Sommerfest

Also: Wie jung ist man auf dem Weindorf? „Man ist immer so jung, wie man sich fühlt“, sagte die CDU-Bundestagsabgeordnete Karin Maag. Und ihr Kollege Stefan Kaufmann über die Gesamtausrichtung der Veranstaltung: „Das Weindorf hat sich nicht so sehr verändert wie das Sommerfest und das Lichterfest“. Zum Guten, zum Schlechten? Auf Nachfrage blieb er bei einer wertfreien Meinung.

Was gibt es sonst Neues? Weil Alexander Harsch seine Laube aus Altersgründen aufgeben musste, hat sich die Zaißerei nach gegenüber mit der Vis-à-vis-Laube „für ein jüngeres Publiukm“ vergrößert. Auf den ersten Blick kann man sagen: Ja, das Holz ist heller dort. Michael Wilhelmer, der auf allen großen Festen vertreten ist, sagt übers Weindorf: „Es ist und bleibt unser Fest“, womit er uns alle meint. „Hier hat der Vierteleschlotzer, der sein Schmalzbrot isst, genau so Platz“ – wie, na, sagen wir die Partygeneration, die sich im Bermudadreieck des Schillerplatzes verlustiert und schaut, ob ein bisschen mehr geht im zwischenmenschlichen Bereich.

Neckarkarpfen und Rosensteingänsle haben einen Rösslekopf

Auch die Familie Wilhelmer hat was Neues. In ihrer Stäffelesrutscherlaube gibt es ein jüngeres Abteil: die Kessellaube mit ihrer Kesselliebe, der „urbanen Weinlinie“ der Kellerei Wilhelm Kern. Bei deren Präsentation durften die Poertry-Slammer David Buchar und Nikita Gorbunov schon mal einen raushauen und sich so für eine noch jüngere Weindorferöffnung empfehlen? Jedenfalls: Die Edition Kesselliebe ist ein Projekt des Jungwinzers Christoph Kern, 30, der nach Bachelor in Geisenheim, Master in München und Auslandspraktika in Südtirol und Neuseeland wieder zurück im elterlichen Betrieb ist. Sechs Weine aus den Lagen Stuttgarter Weinsteige, Cannstatter Zuckerle und Cannstatter Berg sind sechs Fabelwesen zugeordnet, zum Beispiel Neckarkarpfen und Rosensteingänsle, die alle einen Pferdekopf haben.

Da musste Bärbel Mohrmann ganz schön schlucken, „was der Grafiker mit ,meinem‘ Rössle gemacht hat“. Aber sie ist begeistert von der Kesselliebe, weil die Stadt nach all dem Feinstaub, Großbaustellen und hohen Mieten wieder ein bisschen mehr positives Image braucht. Dafür ist auch Timo Saier zuständig, der neue Leiter des städtischen Weinguts. Semsakrebsler Ade, her mit moderneren Weinen, auf deren Flaschen das originale Rössle tanzt. Gelegentlich steht Saier selbst am Infostand und bietet die Weindorf Sonderedition zum Verkauf an. Bei der Eröffnung fanden die drei Sorten reißenden Absatz – vor allem, weil sie dank der „ordentlichen“ Finanzlage der Stadt, so Kämmerer Föll, kostenlos ausgeschenkt wurden.

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