Sonnenschein und Müller-Thurgau: So macht die Lese den Erntehelfern in den Esslinger Weinbergen Freude. Foto: Roberto Bulgrin

In den Esslinger Steillagen hat in den vergangenen Tagen die Lese begonnen. Wie Qualität und Menge des Rebensaftes ausfallen werden, bleibt abzuwarten.

Esslingen - Das wird ein total aufregender Herbst“, sagt Achim Jahn am Mittwochmorgen am Rande seines Weinbergs an der Neckarhalde. Aufregend mit Blick auf die diesjährige Ernte: Wie der Wengerter und Vorstandsvorsitzende der Weingärtner Esslingen erklärt, ist offen, wie Quantität und Qualität der Ausbeute ausfallen werden.

 

Aufgrund des durchwachsenen Wetters im Frühjahr und Sommer sind die Weintrauben dieser Tage längst nicht so reif, wie zur gleichen Zeit im Vorjahr, als bereits in der ersten Septemberhälfte mit der Lese begonnen werden konnte. Für einen guten Wein wollen die Esslinger Winzer der Frucht also möglichst noch etwas Zeit an der Rebe geben – blicken zugleich aber besorgt gen Himmel. „Wenn es wieder zu regnen beginnt und nachts warm bleibt, wäre das kontraproduktiv. Dann wäre Fäulnis an der Traube ein Problem“, sagt Jahn. Auch die hohe Sporenlast lässt Furcht vor Pilzkrankheiten aufkommen, ebenso die Kirschessigfliege, die bevorzugt rote Rebsorten befällt.

Hohe Feuchtigkeit macht Schwierigkeiten

Schon in den vergangenen Monaten waren die Weinbauern angesichts der hohen Feuchtigkeit bei der Rebpflege gefordert, wie Achim Jahn schildert. So galt es, gegen Pilzbefall wie Mehltau gezielt zu spritzen. Besonders in den Terrassenlagen sei der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, wenn auch moderat, allerdings keine Freude. Es sei auch einiges bereits kaputt gegangen – wie groß der Ausfall am Ende sei, sei aber schwer einzuschätzen. Die Spanne im Weinbau bewege sich ohnehin immer zwischen 15 Prozent über oder unter dem Durchschnitt. Und jedes Jahr gebe es Schwierigkeiten, auf die man sich einstellen müsse. So sei die Natur eben. Jahn nimmt es einigermaßen gelassen: Der vergleichsweise üppige Niederschlag in diesem Jahr mindere zwar vielleicht den Ertrag, sei aber gut für die Böden.

Um sich den veränderten Klimabedingungen anzupassen und weniger Pflanzenschutz einsetzen zu müssen, erproben die Weinbauern seit einigen Jahren auch neue, pilzwiderstandsfähige Sorten. „Allerdings haben wir dabei Rückschläge erlebt“, sagt der Winzer. So habe sich die Rebsorte Cabernet Carbon zwar als widerstandsfähig gegen Pilzbefall erwiesen, allerdings in der gewählten Lage kaum Ertrag gebracht. Einige Weinberge seien daraufhin wieder gerodet worden. Hoffnungen setzt man nun auf die neue weiße Rebsorte Sauvignac, deren Stöcke allerdings erst in den nächsten Jahren Ertrag bringen werden.

Gute Chancen auf einen guten Weißwein

Alle Voraussetzungen für einen guten Weißwein bringen dagegen die Müller-Thurgau-Trauben mit, die in dieser Woche von Achim Jahn und seinen etwa 15 Helfern geerntet wurden. Er ist sehr zufrieden mit dem derzeitigen Wetter. Kälte in der Nacht und Trockenheit am Tag – das sei hervorragend für die Aromaausbildung. „Das ergibt einen fruchtigen Weißwein, für den wir bekannt sind“, freut sich der 49-Jährige. Und bei der Lese, die von Hand erfolgt, sorgt der Sonnenschein sichtlich für gute Laune. In Jahns Betrieb – er entstammt einer alteingesessenen Wengerterfamilie – helfen nur Verwandte und Freunde bei der Ernte mit. „Da muss man es hübsch machen, wir essen nach der Arbeit gemeinsam. Das macht es für alle schöner.“

Schon vor dem Müller-Thurgau waren vergangene Woche in Jahns Weinbergen Acolon-Trauben gelesen worden – ein Rotwein und der „Esslinger Italiener“, wie der Weingärtner-Vorsitzende sagt. Am Samstag wollen die Weinbauern einen kleinen Anteil an Weißburgundertrauben zur Verwendung für Sekt ernten. Kommende Woche folge der Dornfelder und eine geringe Menge Muskateller für das Saftschorle-Produkt „Beerensprizz“. Vier oder fünf Wochen werde die Lese noch dauern, sagt Achim Jahn.

Man hoffe, sie soweit wie möglich hinauszögern zu können, damit die Beeren noch weiter reifen. Auf der anderen Seite seien die Weinbauern immer auf der Hut vor Fäule, Pilzkrankheiten, Kirschessigfliege und Co. „Wir müssen den richtigen Moment für die Ernte erwischen.“ Sollten die Tage sonnig und trocken und die Nächte kühl bleiben, so steht nach Erfahrung von Achim Jahn einem guten Weinjahrgang nichts entgegen. „Ich freue mich auf unsere Weißweine.“

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