Rainer Steidl vor dem künftigen Wildbienenparadies auf dem Hohen­asperg Foto: factum/Granville

Die historischen Trockenmauern auf dem Hohenasperg hat schon Albrecht Dürer vor 500 Jahren gezeichnet. Nun sind sie saniert – und Wildbienen sollen sich auf dem Berg bei Asperg ansiedeln.

Asperg - Rainer Steidl steht auf dem Hohenas­perg inmitten von Weinstöcken. Droben auf dem Berg ruht die historische Festung, hinter deren Mauern schon im 18. Jahrhundert der rebellische Dichter Christian Friedrich Daniel Schubart schmoren musste. Doch Rainer Steidls Aufmerksamkeit gilt an diesem sonnigen Wintertag weder dem Gefängniskrankenhaus noch drunten der Stadt Asperg und dem Nebel in den Tälern – er erfreut sich an den Trockenmauern.

Es sind Natursteine, so kunstvoll aufeinandergeschichtet, dass sie eine stabile Konstruktion ergeben. So, wie es seit Jahrhunderten auf dem Hohenasperg Tradition ist, um den Weinreben am Südhang die optimale Öchslezahl zu verschaffen. Seit 2009 werden die Mauern wieder auf Vordermann gebracht, aufwendig in Handarbeit – Rainer Steidl ist Leitender Ingenieur beim Heilbronner Landratsamt, das ebenfalls für Flurbereinigung im Kreis Ludwigsburg zuständig ist. Flurbereinigung? Geht es da nicht um Zusammenlegung von Feldern oder neue Ordnung in alten Ortskernen? Rainer Steidl nickt: Ja, das macht er auch. Doch auf dem Hohenasperg geht es um etwas weit Anspruchsvolleres: Die Trockenmauern, die teils eingestürzt waren oder durchlöchert, werden in einem riesigen Projekt von Land, Kreis und Kommune wieder instand gesetzt. Und das auf 272 Grundstücken von 72 Eigentümern.

Verhandlung mit 72 Grundstückseigentümern

„Alles freiwillig“, betont der 41-Jährige, „wir haben den Eigentümern nur ein Angebot gemacht.“ Eines, dass man eigentlich kaum ablehnen konnte. Spezialisierte Baufirmen haben die Mauern neu zusammengesetzt oder stabilisiert, Beton oder Metallstreben in den Berg getrieben, so dass nun alles auch optisch seiner historischen Bedeutung gerecht wird. Winzer haben wieder Weinstöcke gesetzt, wo vorher alles verwildert war. Gut 6,5 Millionen Euro wird der Wiederaufbau am Ende, also in etwa einem Jahr, gekostet haben, ein Meisterwerk der Kommunalpolitiker, die viele Finanziers gewinnen konnten. Etwa die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die 50 000 Euro lockergemacht hat – und dies am Donnerstag mit einer symbolischen Plakette an einer sanierten Trockenmauer auch öffentlich kundgetan hat.

„Wenn wir bei einem 400-Meter-Lauf wären, sind wir nun auf den letzten 50 Metern“, sagt Rainer Steidl und ist schon ein wenig stolz auf das Erreichte. Kultivierte Stöcke für den Rebensaft statt wilder Büsche, instand gesetzte Spazierwege für die Touristen, Auffahrten für die Maschinen der Winzer: Der Berg lebt und wird belebt.

Ein Paradies für Bienen und Eidechsen

Doch es gibt noch ein großes Areal auf dem Hohenasperg, das von Dornen und Brombeeren überrankt ist. Rainer Steidl läuft schnellen Schrittes eine schmale Steintreppe in die Steillagen und steht bei einem Pavillon mit Jugendstilelementen, der dem Ludwigsburger Unternehmer Max Maier gehört. Steidls Blick schweift nach rechts auf das überwucherte Gelände. „Hier haben wir noch einige Jahre zu tun“, sagt der Ingenieur. Dort soll nichts weniger als ein Wildbienenparadies entstehen. Und auch eines für Mauereidechsen, vielleicht sogar für den einen oder anderen Vogel. 30 000 Euro hat der Landkreis dafür lockergemacht, die überwachsenen Trockenmauern freizulegen – und später die Pflege übernommen. Und das Land kauft die notwendigen Grundstücke für das Wildbienenparadies auf.

Die 30 000 Euro haben bei den Haushaltsberatungen des Kreistags bei so manchem sparsamen Kreisrat von CDU und Freien Wählern Stirnrunzeln verursacht. So viel Geld für ein Wildbienenparadies? Das klingt nach Juchtenkäfer oder Fein­staub-Mooswand, nach einer Posse und Geldverschwendung. „Ich verstehe das Land nicht“, sagte etwa Hans Schmid (CDU), ehedem Baubürgermeister in Ludwigsburg. Warum müsse der Landkreis zahlen? „Wir haben doch einen grünen Ministerpräsidenten und einen grünen Umweltminister“, fügte Hans Schmid noch hinzu. Doch der grüne Ex-Fraktionschef Peter-Michael Valet ließ sich nicht provozieren. Und der Landrat Rainer Haas, dem die Steillagen und Trockenmauern bekanntlich sehr am Herzen liegen, verwies auf das viele Geld vom Land für die Sanierung: „Das würden wir heute so nie wieder bekommen.“

Politposse um 30 000 Euro

Der Vergleich mit dem Kupferstich des Hohenaspergs von Albrecht Dürer, der 1519 die Belagerung der Festung festgehalten und die Trockenmauern bereits skizziert hat, beruhigte die Gemüter – das Geld wurde dann doch einstimmig freigegeben. Und so darf Rainer Steidl, den der politische Schlachtenlärm als Fachmann zum Glück nicht zu interessieren braucht, das Wildbienenparadies vom Frühjahr an gestalten. Pflanzen werden angesiedelt, es gibt Rückzugsräume für die Tiere, ein Biotop auf dem einzigartigen Berg, der umgeben ist von den Siedlungen und Häusern der Kommunen Tamm und Asperg und des Ludwigsburger Stadtteils Eglosheim.

Ein Biotop in dicht besiedeltem Raum, isoliert und einzigartig. Vom kleinen Pavillon aus den halben Berg hinweg dürfen sie toben und kriechen, die Reptilien und Insekten. Auch ein Ausgleich für das Land der Weinreben. Kultur und Natur, Mensch und Tier leben in Eintracht nebeneinander.

Das kostet übrigens summa summarum noch einmal 500 000 Euro – und wenn es nicht gepflegt würde, wären die alles überwuchernden Brombeeren bald wieder dominant und würden alle Tierchen vertreiben. So kann er beginnen, der letzte Teil der Verschönerung des Bergs. Albrecht Dürer, wenn er heute noch lebte, würde auf seinem Kupferstich keine Schlacht mehr abbilden, sondern die Harmonie von Natur und Winzern, eine Oase der Entspannung inmitten des Lärms der Zivilisation.

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