Highlife beim Job als Grundschullehrer: Denis Link genießt die Ruhe im Weinberg. Das Weinmachen hat er sich im Selbststudium beigebracht. Foto: Wenmanafaktur

Auch im Weinbau kann man klein anfangen: Immer mehr Mikroweingüter mischen die Württemberger Weinszene auf. Der Nebenerwerbswengerter ist zwar ein altes Phänomen im Land, aber nun geht es um Selbstverwirklichung und Landschaftspflege.

Mit zwei Typen lässt sich der Mikrowinzer leicht erklären: Felix Velte ist vom Fach und Denis Link ein Autodidakt. Beide pflegen einige Ar Reben im Feierabend und machen ihren eigenen Wein. „Ich will mich dem Wettbewerb stellen“, sagt der 32 Jahre alte Felix Velte, der als Kellermeister in einem Weingut angestellt ist. Von seinem Opa übernahm er den Weinberg, die Trauben lieferte er nicht mehr in der Genossenschaft ab. „Ich bin leidenschaftlicher Weinliebhaber“, sagt der knapp 20 Jahre ältere Denis Link, der als Grundschullehrer arbeitet und in dessen Garage Riesling und Grauburgunder in Edelstahltanks reifen. Der Nebenerwerbs-Wengerter ist zwar ein altes Phänomen in Württemberg, aber neue Versionen davon mischen die Weinszene auf. Rund um Stuttgart, im Remstal und am Schönbuch füllen sie inzwischen die Lücken in der Landschaft.

 

Über ein Verkaufsschild zum Weinberg gekommen

„Ich habe mich spontan verliebt“, sagt Claudia Schmucker-Arold. beim Spaziergehen stieß sie auf das Schild „Weinberg zu verkaufen“. Sie schlug zu, ohne sich im Weinbau auszukennen. Sie hat in der Pharmaindustrie gearbeitet, war in der Herrenberger Weinhandlung ihrer Familie tätig und bot Catering an. Jetzt betreibt sie mit ihrem Bekannten Ulrich Frizlen, Geschäftsführer einer Kanzlei für Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung, das Weingut Müneck im Ammertal. Der 65-Jährige hatte in der Lage Breitenholzer Hinterhalde unbesehen ebenfalls einen Weinberg gekauft. „Es wäre doch schön, eigenen Rotwein zu haben“, hatten die Familien immer wieder gedacht. Pilzwiderstandsfähige Sorten pflanzten sie, Schafe übernehmen bei ihnen die Bodenbearbeitung, die Bio-Zertifizierung läuft. Aus 50 Reben sind mittlerweile 2000 geworden, ein ganzer Hektar. Und wahrscheinlich wird ihnen noch mehr Fläche „zuwachsen“. Auch ein uraltes Bauernhaus mit Gewölbekeller legten sie sich in dem Ort zu. „Es soll mehr sein als ein Hobby“, sagt die 63-Jährige, „uns geht es um den Erhalt der Kulturlandschaft.“

Eine Enklave für Mikroweingüter in Stuttgart

In den Weinbergen unterhalb vom Schönbuch finden sich mehrere Quereinsteiger. Thomas Speer, der frühere Sindelfinger Leiter des Grünflächenamts, gehört ebenfalls dazu. Im Remstal haben Marcell Eck und seine Frau Heike Simmerlein ein Parade-Mikroweingut aufgebaut: Sie wollte eine Streuobstwiese, er Reben und durch Zufall kam beides zusammen. Mittlerweile werden ihnen immer wieder weitere Weinberge angeboten. Auch in Stuttgart gibt es Enklaven für Mikroweingüter. Am Schimmelhüttenweg in Degerloch sind sogar zehn Stück davon zu finden – und mit Kilian Kreis die zweite Generation an Mikrowinzern. Der 30-Jährige hat die Reben von seinem Vater Bernd Kreis übernommen. „Es ist cool, den Wein nicht nur von der Konsumentenseite her zu erleben“, sagt der Weinhändler.

Oft wird der Wein im Kollektiv gemacht

Für das Weingut Edenberg und Tal haben sich gleich fünf anderweitig berufstätige Freunde zusammengetan, die 1,3 Hektar beackern. „Der Herstellungsprozess macht viel Spaß“, erklärt Nico Dittrich sein Engagement bei der Sache. Die Trauben für den Rotwein treten sie tatsächlich mit den Füßen für die Maischegärung. Das Ziel sei nicht, damit Geld zu verdienen, sondern „gute Weine zu kreieren“. Stuttgarts erste solidarische Weinwirtschaft von Theresa und Florian Wachter setzt ebenfalls auf die Gemeinschaft, um den Weinberg im Cannstatter Zuckerle zu pflegen. Ähnlich funktioniert das Prinzip der Ökologischen Gemeinschaft Naturwein, die in Münster eine Steillage übernommen hat, damit sie nicht verfällt.

Nebenher noch Chef im eigenen Keller

Als Grundschullehrer hat Denis Link „Highlife bei der Arbeit“. In seinem Weinberg zwischen Bietigheim und Besigheim genießt er die Ruhe und die Idylle. Im Selbststudium hat er sich das Weinmachen beigebracht. Er betreibt biologischen Pflanzenschutz, will „die Natur in die Flasche bringen“. Viel schwerer als den Wein herzustellen, findet er es, seine 300 Flaschen pro Jahrgang unter die Leute zu bringen. Für seinen Betrieb hat er sich das Wortspiel Weinmanafaktur ausgedacht. „Zwischen Hobby und Geschäft“ ordnet Felix Velte sein Mikroweingut ein. Neben seinen Haupterwerb beim Weingut Fried Baumgärtner wollte er noch „Chef im eigenen Keller“ sein. Und für die Restaurierung seines Terrassenweinbergs bei Ingersheim bekam er einen Kulturlandschaftspreis.

Weinberge zu finden, ist kein Problem

Jakob Bittner und Paul Kauber drücken mit dem Namen für ihren Nebenerwerb aus, worum es ihnen geht: „Hang zum Alkohol“ nennen sie ihren Minibetrieb mit 20 Ar im Remstal. „Es ist ein reines Spaßprojekt“, sagt Jakob Bittner, der als Kellermeister bei Hans-Peter Wöhrwag schafft, „da kann ich mich austoben.“ Aus Äpfeln von den Streuobstwiesen seiner Eltern im Kochertal produziert er außerdem einen Cidre. Marcel Schweikart hat ebenfalls die Tradition seiner Familie aufgegriffen: Neben seinem Teilzeitjob beim Weingut der Stadt Stuttgart kümmert er sich bereits um zwei Hektar Weinberge bio-dynamisch in Schnait und Beutelsbach. „Ich mache es, um mich selbst zu verwirklichen“, sagt der Winzermeister. Flächen zu bekommen sei kein Problem, weil es den Genossenschaften momentan wirtschaftlich nicht so gut gehe. In Bönnigheim führt Tobias Schifferer noch vor, dass es sich von einem Mikroweingut auch leben lässt: Er bewirtschaftet ebenfalls zwei Hektar in Vollzeit.