Nur fünf Hektar bebauen die Mitglieder der WG Rohracker. 40 000 Liter Wein haben sie 2018 gekeltert. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Die Weingärtnergenossenschaft Rohracker ist die zweitälteste in Stuttgart und die kleinste in der Region. Es sind noch immer gleich viele Mitglieder wie zur Gründung– und doch hat sich vieles verändert im Vergleich zu früher.

Stuttgart - Als die Weingärtnergenossenschaft (WG) Rohracker im Jahr 1919 gegründet wurde, geschah dies aus wirtschaftlichen Überlegungen heraus. Die Wengerter hatten zuvor keine Möglichkeit, ihren Wein nach dem Keltern weiter zu verwerten. Der Most wurde von Weineinkäufern aufgekauft, die ihn dann ihrerseits ausbauten, abfüllten und schließlich veräußerten. Erst die Gründung der WG Rohracker eröffnete schließlich die Möglichkeit, gemeinschaftlich Wein herzustellen, das fertige Produkt zu vermarkten und dadurch die Stellung der Weingärtner zu stärken. In diesem Jahr feiert die WG Rohracker ihren 100. Geburtstag, damit ist sie die zweitälteste der fünf Weingärtnergenossenschaften in Stuttgart. Das Jubiläum wird am kommenden Samstag in der eigenen Kelter mit einer festlichen Weinprobe begangen, die 160 Tickets sind mittlerweile ausverkauft.

Heute baut keines der Mitglieder den Wein hauptberuflich an

Seit der Anfangszeit im frühen 20. Jahrhundert hat sich einiges geändert für die Rohracker Weingärtner. Heute baut keines der 30 Mitglieder seinen Wein hauptberuflich an. Stattdessen besteht die WG Rohracker aus Elektrotechnikern, Juristen und Managern, die als Hobby einen eigenen kleinen Wengert unterhalten. Fünf Hektar Weinberg bebauen sie insgesamt, im vergangenen Jahr haben sie 40 000 Liter Wein gekeltert. Es ist die kleinste Weingärtnergenossenschaft in der Region. Dabei ist die Anzahl der Mitglieder noch die gleiche wie zur Gründung. Nur die Größe der Betriebe hat abgenommen. Jeder von ihnen ist selbst für die Pflege seines Grundstücks verantwortlich, die Genossenschaft koordiniert jedoch zwischen ihren Mitgliedern und berät sie.

Im Herbst, wenn der Wein gelesen wird, bringen die Wengerter die Ernte zur Kelter der WG in Rohracker. Durch einen Schlauch werden die Früchte wie mit einem Staubsauger eingesaugt, automatisch von ihren Stielen befreit und dann gewogen. Dabei wird auch der Oechslegrad bestimmt, also wieviel Zucker die Früchte enthalten. Das ist wichtig für die Qualität des Weins, nach der sich der Preis richtet, den die Mitglieder von der Genossenschaft pro Kilo Weintrauben bezahlt bekommen.

In ihr Hobby investieren sie viel Handarbeit

Am Ende steht für die Hobby-Wengerter in der Regel eine schwarze Null. In ihr Hobby investieren sie viel Handarbeit. Die ist in den Weinbergen in Rohracker ist auch heute noch angesagt. Wie früher sind diese von Trockenmauern durchzogen. Auf solchen Weinbergen mit ihren Terrassen haben keine großen Weinbaumaschinen Platz.

Bei der Ernte sind die Hobby-Wengerter daher auf die Hilfe von Freunden und Bekannten angewiesen, die für ein Mittagessen bei der Weinlese mit anpacken. Viele von ihnen kommen Jahr für Jahr wieder, weil ihnen die Arbeit auf dem Weinberg so viel Spaß macht, für einige bedeutet diese Tätigkeit sogar den Einstieg in ein neues Hobby. Denn: Die Anzahl der Quereinsteiger unter den Weingärtnern, die keinen Weinberg geerbt haben, nimmt weiter zu. Für sie organisiert die WG Rohracker zusammen mit der Volkshochschule Stuttgart einen Wengerter-Jahreskurs. In diesem bebauen die Teilnehmer ein Jahr lang einen Übungs-Weinberg in Rohracker, bevor sie den Wein ernten – und sich der eine oder andere dann einen eigenen Wengert zulegt.

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