Die Wengerter würden die Hohe Halde gerne wieder bewirtschaften. Foto: Maira Schmidt

Die Wengerter aus Rohracker wollen die Hohe Halde gerne wieder bewirtschaften. Die städtische Führungsriege ist uneins, wie es mit dem Steilhang weitergeht.

Rohracker - Das beschauliche Rohracker gehört in aller Regel nicht zu den Orten, an denen sich die großen politischen Auseinandersetzungen der Landeshauptstadt entzünden. Wie ein Steilhang am äußersten Rand des Stadtteils zum Politikum wird, erlebt jetzt jedoch die örtliche Weingärtnergenossenschaft.

Es geht um die Hohe Halde, die älteste beurkundete Weinbaulage im Stadtteil. Nur noch wenige Parzellen sind mit Reben bepflanzt, die restliche Fläche verwildert. Die Wengerter würden den Steilhang gerne wieder bewirtschaften. Sie wollen die bereits der Stadt gehörenden Grundstücke pachten und würden es begrüßen, wenn die Verwaltung auch die restliche Fläche kauft. Um eine Bewirtschaftung zu ermöglichen, müsste die Stadt die Trockenmauern richten und einen Fußweg zum Fahrweg ausbauen. Unterstützt werden die Wengerter aus Rohracker von der SPD und den Grünen. Die Gemeinderatsfraktionen haben in der Vergangenheit bereits entsprechende Anträge gestellt.

Es geht um die Zukunft des Weinbaus in Rohracker

Die städtische Führungsriege ist allerdings uneins darüber, wie es mit dem Steilhang weitergeht. Ursprünglich sollte es in der jüngsten Sitzung des Ausschuss für Wirtschaft und Wohnen um die „Zukunft des Weinbaus in Rohracker“ gehen. Kurz vor dem Sitzungstermin verschwand das Thema jedoch von der Tagesordnung. Eine vom Ersten Bürgermeister Michael Föll unterzeichnete und für die Sitzung vorbereitete Mitteilungsvorlage zeigt, dass die Verwaltung vor hatte, die von den Wengertern gewünschte Wiederbewirtschaftung abzulehnen. „Nach wie vor ist die Verwaltung der Auffassung, dass in der Jaiserklinge (Hohe Halde) eine weinbauliche Nutzung nicht in Betracht kommt“, heißt es dort.

„Mit dem Inhalt dieser Vorlage sind wir nicht einverstanden“, sagt der SPD-Stadtrat Manfred Kanzleiter. Man arbeite an einem neuen Antrag. Dem neuen Oberbürgermeister Fritz Kuhn scheint der Inhalt des Schriftstücks auch nicht gefallen zu haben. Nach Informationen unserer Redaktion ließ der OB den Tagesordnungspunkt zu Gunsten einer neuen verwaltungsinternen Abstimmung absetzen.

Dass die Diskussion um die Hohe Halde solche politischen Wogen schlagen würde, hätten die Wengerter in Rohracker nicht gedacht. Sie wollen sich auch nicht in die politische Auseinandersetzung einmischen. Schließlich sind sie keine Politiker, sondern Wengerter, und genau deshalb kämpfen sie für die Reaktivierung der Steillage. „Wir sind die zweitkleinste Genossenschaft in ganz Württemberg“, sagt der Wengerter Markus Wegst. Eine Fläche von gerade mal sechs Hektar würden sie noch bewirtschaften. Wenn die noch kleiner werde, bestünde die Gefahr, dass sie ihren Kelterbetrieb aufgeben müssten. „Das rechnet sich nicht mehr“, sagt Wegst. Es geht also in gewisser Weise tatsächlich um die Zukunft des Weinbaus in Rohracker.

Die Wengerter in Rohracker wollen sich vergrößern

Beim Gedanken an den nicht genutzten Hang am Ortsausgang in Richtung Frauenkopf kommt Wegst ins Schwärmen. Ein neuer Weinberg, auf dem man neue Weinsorten anbauen könnte, das sei etwas Besonderes in Rohracker. Die jungen Wengerter müssten meist die seit Jahren brach liegenden Flächen ihrer Vorgänger übernehmen, die mit alten Rebsorten und Drahtanlangen oft einer Ruine glichen.

Die Wengerter in Rohracker wollen sich vergrößern und das ist, wie es der Grünen-Stadtrat Peter Pätzold formuliert eine „echte Chance“ für Stuttgart als „Großstadt zwischen Wald und Reben“. Diese Kulturlandschaft zu erhalten, ist das Ziel der Wengerter. Laut Wegst könnte das Vorhaben beispielhaft für andere Steillagen sein. Die Wengerter haben sich dazu bereit erklärt, auf der Hohen Halde Bio-Weinbau zu betreiben. Die Genossenschaft biete für ein solches Projekt „die richtige Struktur“, sagt Wegst. Viele Mitglieder würden nebenberuflich als Wengerter arbeiten, für sie stünden keine wirtschaftlichen Interessen im Vordergrund. Für die Stadt würde sich das Vorhaben aber durchaus rechnen. „Wir bewirtschaften die Fläche umsonst“, sagt Wegst. Die Stadt müsste nur einmal Geld investieren, anschließend würde sie von den Wengertern sogar eine Pacht bekommen. Außerdem betont Wegst, dass es die Verwaltung auch Geld koste, wenn sie die Hohe Halde nur als Biotop nutze. Um die dortige Pflanzen- und Tierwelt zu erhalten, könne man die Fläche nicht sich selbst überlassen. Sie müsse dauerhaft gepflegt und die Trockenmauern erhalten werden.

Die in der Vorlage genannte Summe von rund 700 000 Euro für die Reaktivierung hält der Wengerter für zu hoch. Seine Genossenschaft stelle keine Maximalforderungen. Wegst hätte sich gewünscht, dass die Stadt mit den Wengertern spricht; gemeinsam hätte man möglicherweise einen Kompromiss gefunden. Doch wer weiß, vielleicht meldet sich die Verwaltung noch bei der Genossenschaft. Entschieden wird erst in den Haushaltsberatungen und bis dahin sind noch einige Monate Zeit.

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