Den Weinfreunden der Region sind bisher vor allem der Stettener Pulvermächer und der Fellbacher Lämmler ein Begriff. Doch auch bei Weinstadt wachsen Trauben auf Top-Niveau.
Der Hang ist steil, der Boden karg. Auf den ersten Blick gibt es nicht viel, was die Rebhänge am Großheppacher Steingrüble von anderen Weinbergen im Remstal unterscheidet. Und doch scheinen direkt unterhalb der beliebten Aussichtsplattform auf der Luitenbacher Höhe ganz besondere Tropfen zu reifen.
Irgendwas muss jedenfalls dran sein an der Einzellage am Rand des Weinstädter Teilorts. Denn mit Wein aus dem Steingrüble in Großheppach ist jetzt gleich zwei Spitzen-Weingütern aus dem Remstal das Kunststück geglückt, bei bundesweiten Wettbewerben des renommierten Fachmagazins Falstaff auf dem ersten Platz zu landen.
Das Weingut Bernhard Ellwanger aus Großheppach sicherte sich bei der Riesling Feinherb Trophy 2026 mit einem 2024 gekelterten Kabinett-Riesling aus dem Steingrüble den Sprung aufs Siegertreppchen – punktgleich mit dem renommierten Weingut Dr. Loosen von der Mosel. Die Jury sah in dem Tropfen einen „modernen und charakterstarken Vertreter feinherber Rieslinge“ und vergab stattliche 94 Punkte.
Die Falstaff-Redaktion betitelte den spontanvergorenen Siegerwein aus der Rebenstraße 9 sogar als „eine Sensation“ – zumal sich der Alkoholgehalt mit gerade mal 10,0 Volumenprozent in Grenzen hält. Auch preislich bewegt sich das Fläschchen mit 8,90 Euro auf einem die Trinkfreude steigernden Niveau. Wer Wein mit moderater Säure und einer gewissen Restsüße schätzt, kann da nicht viel falsch machen – und wird mit einem lebhaften Riesling mit Aromen von Pfirsich und Aprikose belohnt.
Gleich zwei Nachbar-Weingüter stehen bei Falstaff auf dem Siegertreppchen
Doch der Erfolg für Weinmacher Sven Ellwanger und seine Schwester Yvonne ist nur die eine Auszeichnung, die in Weinstadt mit stolzgeschwellter Brust vermerkt werden dürfte. Denn auch das Weingut Leon Gold – nur gut einen Kilometer weiter im Weiler Gundelsbach beheimatet – steht bei einem Falstaff-Wettbewerb auf dem Siegertreppchen.
Bei der Weißburgunder Trophy 2026 sicherte sich Gold mit einem ebenfalls 2024 in den Keller gebrachten Tropfen den ersten Platz. Der Weinmacher erreicht in einem hochkarätigen Teilnehmerfeld aus allen führenden deutschen Anbaugebieten herausragende 95+ Punkte. Laut Falstaff vermag es der Siegerwein, aus den verschiedensten Stilmustern der Rebsorte einen Aspekt aufzugreifen und „daraus ein Ganzes von packendem Appeal zu schaffen“.
Der Clou: Auch die Trauben für den Weißburgunder aus Gundelsbach wachsen im Großheppacher Steingrüble. Das macht die Falstaff-Auszeichnung zu einem Doppelerfolg für den Standort – und wirft die Frage auf, was die Einzellage denn so besonders macht. Zeigt sich in den Premium-Platzierungen vor allem die individuelle Handschrift der beiden erfolgreichen Weinmacher? Oder treffen die ausgezeichneten Tropfen, beide übrigens von ökologisch wirtschaftenden Betrieben erzeugt, geschmacklich eher zufällig den Nerv der Zeit?
Für Werner Bader vom Verein Remstal-Tourismus liegt die Frage nach dem besonderen Charakter der beiden Steingrüble-Weine auf der Hand: Aus seiner Sicht stehen die ausgezeichneten Tropfen exemplarisch für die mineralisch geprägten, strukturierten Weine des Remstals. „Die kargen Böden und die besondere Exposition verleihen den Weinen eine markante Spannung, Ausdrucksstärke und Langlebigkeit“, schwärmt der Geschäftsführer vom außergewöhnlichen Potenzial dieser Einzellage.
Für Bader unterstreicht der Doppelerfolg vor allem den Facettenreichtum des Weins aus dem Remstal: Dass sowohl ein feinherber Riesling als auch ein trockener Weißburgunder auf höchstem Niveau überzeugen, sei ein Beleg für die Vielfalt. „Während Ellwanger auf eine gewachsene Familientradition und langjährige Erfahrung in der qualitätsorientierten Weinbereitung baut, bringt Leon Gold die Dynamik einer jungen Generation ein“, spricht Bader von frischen Impulsen – und sieht im Steingrüble einen Standort, der für Finesse, Eleganz und Tiefe steht.
Der steinige Untergrund ist wohl noch wichtiger als der Temperatureffekt
Nun wissen altgediente Wengerter, dass der Buntmergel im Untergrund als exzellenter Wärmespeicher gilt – und den Trauben beim Reifeprozess sozusagen einen Extra-Boost beschert. Weinmacher Sven Ellwanger bestätigt, dass das Terroir beim Steingrüble eine gewichtige Rolle spielt. Allerdings misst er der Kargheit des Bodens fast mehr Bedeutung bei als dem Temperatureffekt.
In der Wanne, der unmittelbar ans Steingrüble angrenzenden Nachbarlage, sei es übers Jahr gesehen deutlich wärmer. Und ein steiniger Untergrund tut aus seiner Sicht ohnehin gut: „Wenn die Reben ein bisschen kämpfen müssen, wird auch der Wein besser“, sagt er auf die Frage nach der Mineralität.
Den Weinfreunden in der Region dürfte es jedenfalls recht sein, wenn zu Renommier-Lagen wie dem Fellbacher Lämmler, dem Stettener Pulvermächer oder auch dem Altenberg in Schnait künftig auch das Großheppacher Steingrüble gezählt wird. Dass der Erfolg keine Eintagsfliege bleibt, dafür wollen die Weinmacher sorgen. „Wir“, sagt Sven Ellwanger, „sind unglaublich stolz auf diesen Riesling.“