Sammler können nicht nur Unmengen in Wein, sondern auch in Gläser investieren. Die Präsidentin der Sommelierunion Deutschland, Yvonne Heistermann, aber sagt, dass man auch mit weniger mehr Genuss haben kann.
Auf Instagram sind gelegentlich Bilder von Influencern zu sehen, die Wein direkt aus der Flasche trinken. Kann man mit einer Art Rock-’n‘-Roll-Geste ja mal machen, aber: Grundsätzlich ist es nicht nur eine Frage des Stils, sondern auch des Genusses, den Wein in einer angemessenen Form zu sich zu nehmen – aus einem guten Glas also. Der Qualität und Quantität sind dabei keine Grenzen nach oben gesetzt. Namhafte Hersteller bieten sogar für jede Rebsorte ein eigenes Glas an. Das kann bedeuten, dass man im Schrank ein Dutzend verschiedener Gläser stehen hat. Und da man Wein nicht nur allein trinkt, kann das mal zwei, vier, sechs oder acht bedeuten, dass man eine Menge Lagerraum für jede Gelegenheit braucht.
Radikale Reduzierung: eins für alles
Aber so weit muss man gar nicht gehen. Ganz radikal verschlankt kann man mit einer einzigen Glassorte auskommen, sagt auch Yvonne Heistermann. Die Karlsruherin ist seit Juni dieses Jahres Präsidentin der Sommelierunion Deutschland e. V., das heißt, die Dozentin, IHK-Prüferin und Weinbotschafterin steht einem Fachverband mit knapp 1400 Weinprofis vor. „Was jeder zu Hause haben sollte, ist das sogenannte Allrounder- oder Degustationsglas“, so Heistermann. „Theoretisch und praktisch kann man aus diesem Glas alle Weine, sogar Champagner, Cava oder Sekt genießen.“ Schließlich wird es auch auf Messen, bei Weinproben und in Wettbewerben eingesetzt, weil es mit seinem mäßigen Bauch, seiner schmalen Wand und der sich verjüngenden Form viel zulässt beziehungsweise möglich macht. Einige Sommeliers schwören dabei auf das Gabriel-Glas, das es in maschineller und handgefertigter Version gibt.
Eins für Bordeaux, eins für Burgunder – dann sind es schon drei
Dennoch empfiehlt Yvonne Heistermann, die zu Hause ein überschaubares Sortiment an Weingläsern hat, mindestens noch zwei Klassiker im Schrank zu haben. Im Bordeauxglas mit seinem mittleren Glasbauch „können nicht nur Bordeauxweine serviert werden, sondern alle Rotweine mit einer ähnlichen Struktur“. Zum Beispiel Chianti, Weine aus Übersee mit einem Anteil von Cabernet Sauvignon, Malbec oder Merlot sowie Weine aus Südfrankreich, so die Expertin. „Ergänzt man seine Auswahl noch mit einem Burgunderglas, ist man bestens ausgestattet.“ Aus diesem lassen sich wie der Name schon sagt Rotweine aus dem Burgund, aber ebenso deutsche Spätburgunder oder Lemberger genießen. „Auch kraftvolle Weißweine aus den Rebsorten Chardonnay oder Grauer Burgunder eventuell mit einem Hauch von Barrique zeigen sich in diesem Glas besonders ausdrucksvoll“, weiß Heistermann.
Mit speziellen Gläsern für Schaum- und Weißweine landet man bei fünf
Und dann könnte man das Sortiment noch mit einem Schaumweinglas ergänzen, womit wir schon fast bei einer anderen klassischen Rechnung sind, die ohne Universalglas in der Summe fünf als Ergebnis hat: zwei für Rot (Bordeaux und Burgunder), zwei für Weiß (Chardonnay und Riesling), und eines für Champagner oder Sekt. Grundsätzlich gilt: Je kräftiger ein Wein ist, desto mehr verlangt er nach einem großvolumigen (Bordeaux-)Glas. Elegantere Weine hingegen können in einem (Burgund-)Glas mit dickem Bauch besser zur Geltung kommen. Ähnliches kann man bei Weißweingläsern sagen, die etwas kleiner sind, damit der Wein nicht zu schnell warm wird, wobei gilt: Weißweine kann man auch aus einem Rotweinglas trinken, umgekehrt ist das nicht zu empfehlen.
Der Wein soll atmen können, Champagner aber nicht zu viel
Das alles hängt mit dem Luftkontakt, dem „Atmen“ des Weines und einem Wechselspiel zusammen. Auf einem breiteren Oberflächenspiegel können sich die Aromen besser entfalten – aber auch schneller verfliegen. Das gilt ebenso für Champagner, der in einer schlanken Sektflöte eingesperrt ist, sich in einer Champagnerschale aber leicht verflüchtigt. Deswegen hat auch das ideale Champagnerglas einen Bauch und einen sich nach oben verjüngendem Kamin, der das Aroma an der Nase verdichtet. Die Dünnwandigkeit des Glases und dessen Rand verstärken die Geruchs- und Geschmackswahrnehmung. „Je filigraner das Glas, desto besser kann der Wein auf die Zunge fließen“, sagt Yvonne Heistermann. Außerdem halten dünne Gläser die Temperatur besser, was auch für eine kleine Auswahl an mundgeblasenen spricht. Aber gute, maschinell hergestellte Kristallgläser, deren Oberfläche dichter ist als die von einfachen dicken Gläsern, tun es auch. So oder so – und wenn sie laut Hersteller noch so „spülmaschinenfest“ sind: Wer lange ungetrübte Freude mit seinen Gläsern haben möchte, der spült sie lieber von Hand.
Und wer am Weinabend lange Freude haben will: Vor allem in vielen amerikanischen Filmen greift zwar die Weinpranke um sich beziehungsweise um den Kelch – richtige Weingläser aber (ja, es gibt auch edle Tumbler …) haben einen Stiel, und der ist zum Anfassen da. Wenn aber so ein Weinglas den ganzen Abend über mit fettigen Fingern am Bauch gepackt wird, möge man es sich bitte mal anschauen. Es sieht aus wie die … Und noch was zum Bauch: Schlussendlich ist beim Thema Wein nicht die Frage, ob das Glas halb voll oder halb leer ist – es sollte nach dem Einschenken nur zu einem Drittel gefüllt sein. Eben bis dahin, wo der Bauch am dicksten ist und sich der Wein am besten entfalten kann.
Die drei wichtigsten Qualitätsstufen
Normalglas
Weingläser aus einfachem Kalk-Natron-Glas, das auch für Flaschen oder Fenster verwendet wird, sind am günstigsten. Die Dicke, Oberfläche und der häufig wulstige Rand dieser Pressgläser sind allerdings dem Weingenuss kaum förderlich.
Kristallglas
Ein Anteil von mindestens zehn Prozent Metalloxide (z. B. Quarzsand und Kalzium-Carbonat) sorgt für eine brillantere Oberfläche. Kristallgläser sind dünner, aber dennoch weniger zerbrechlich und haben einen schönen Klang.
Mundgeblasen
Handgemachte oder mundgeblasene Gläser sind Unikate, die hauchdünn und deswegen sehr empfindlich sein können. Sie fühlen sich seidiger an – und ermöglichen einen perfekten Trinkfluss auf die Zunge.
Serie
Unsere neue Wein-Serie erscheint wöchentlich mit mehreren Teilen. mri