Qualität im Glas ist das Mittel der Fellbacher Weingärtner gegen den Preisdruck. Foto: dpa

Die Rabattschlachten im Einzelhandel werden auch für die Fellbacher Weingärtner zunehmend zum Problem. Noch hilft es, sich durch herausragende Qualität von der Konkurrenz abzusetzen. Die Umsatzerlöse sind 2017 dennoch deutlich eingebrochen.

Fellbach - Die verheerende Frostnacht vom 20. April 2017 steckt den Wengertern unterm Kappelberg noch ein Jahr nach dem unverhofften Temperatursturz tief in den Knochen. Ernteeinbußen von gut einem Drittel im Vergleich zum Durchschnittsertrag haben nicht nur die Flaschenreserve im Keller der Genossenschaft schmelzen lassen. Viele Mitglieds-betriebe bekommen den Verlust auch empfindlich im eigenen Geldbeutel zu spüren. Weil sich die Schäden in den Rebhängen unterschiedlich verteilten, mussten einzelne Weinerzeuger gut die Hälfte der üb-lichen Lesemenge in den Wind schreiben.

Wetterkapriolen bereiten den Weingärtner Sorgen

„Die Frostnacht wird ähnlich wie der extreme Hagelschlag vom 5. Juni 2000 im kollektiven Gedächtnis bleiben“, erinnerte der Vorstandsvorsitzende Thomas Seibold bei der Generalversammlung der Fellbacher Weingärtner am Dienstag an das für viele vom Weinbau lebende Familien einschneidende Naturereignis – nicht ohne bei der Sitzung im Paul-Gerhardt-Haus zu betonen, dass widrige Wetterkapriolen inzwischen eigentlich nicht die größte Sorge der Erzeuger sind.

Im Gegenteil: Mehr Kopfzerbrechen als der Unbill der Natur bereitet den Fell- bacher Weingärtnern, ihre Produkte auch zu auskömmlichen Preisen an die Kundschaft zu bringen. „Das Wohl und Wehe entscheidet sich für unsere Betriebe nicht vorrangig im Weinberg, sondern am Markt – und da werden die Herausforderungen größer und größer“, drückt es Thomas Seibold aus. Die Konkurrenz im Supermarktregal bekommt auch der Wein vom Kappelberg durchaus zu spüren.

Wohl wahr: Die Umsatzerlöse sind laut dem bei den Fellbacher Weingärtnern für die Finanzen zuständigen Geschäftsführer Friedrich Benz im vergangenen Jahr um gut 400 000 Euro eingebrochen, verkauft hat die lokale Genossenschaft noch Wein im Wert von 6,3 Millionen Euro. Schuld an der Entwicklung sind aus Sicht der Wengerter vor allem die Rabattschlachten im Lebensmittel-Einzelhandel – und die Weigerung der Fellbacher, ihre Ware ebenfalls zu Schleuderpreisen zu verkaufen. „Der Preiskampf ist in vollem Gange und hat mittlerweile auch das Dreiviertel-Liter-Segment erreicht. Entziehen können wir uns dem nur, wenn wir auch weiterhin herausragende Qualitäten liefern“, betont der Vorstandsvorsitzende Thomas Seibold.

Die Bemühungen um den Direktverkauf zahlen sich aus

Bisher geht diese Marschroute auch auf: Trotz der rückläufigen Absatzmenge hat sich der Durchschnittserlös pro Liter um immerhin sieben Cent auf 4,41 Euro erhöht. Möglich gemacht wird diese Entwicklung nicht nur durch den guten Ruf, den sich die Fellbacher Weingärtner mit der oft genug preisgekrönten Arbeit des Kellerteams um Werner Seibold erworben haben. Auch die Bemühungen um den Direkt-verkauf zahlen sich aus. Begünstigt durch die Lage im Ballungsraum und den Kappelberg als Ausflugsziel ist der unmittelbare Kontakt zum Kunden nach wie vor die wichtigste Absatz-Säule. Nötig für die Überzeugungsarbeit ist allerdings auch eine beachtliche Zahl von Veranstaltungen: Auch im vergangenen Jahr organisierten Mitglieder und Mitarbeiter insgesamt 318 Weinproben und Kellerführungen, um die Kunden auf den Geschmack zu bringen – fast jeden Tag fand auch 2017 ein Termin zur Verkaufsförderung statt.

Trotz des Frosts reichen die Reserven bei Weißwein etwa 15 Monate

Auch das führt dazu, dass Fellbach bei den Traubengeldern für die Mitglieder regelmäßig mit an der Spitze liegt – auch wenn der für 2017 kalkulierte Auszahlungsbetrag von knapp drei Millionen Euro bei den Erzeugern keine Freudensprünge auslösen dürfte. Die von einzelnen Mitgliedern am Dienstag durchaus gestellte Frage nach neuen Strategien bei der Vermarktung hat die Genossenschaft zumindest teilweise bereits beantwortet. Im Frühjahr präsentierten die Weingärtner ihre überarbeiteten Etiketten. Die neue Optik soll den Produkten vom Kappelberg helfen, sich im Regal von der Konkurrenz aus aller Welt abzuheben – und stößt bei der Kundschaft offenbar auf sehr positive Resonanz. Auch bei Verbrauchermessen wollen die Weingärtner mehr als bisher die Werbetrommel für sich rühren – das entsprechende Budget wurde laut Thomas Seibold erhöht. Dritter Punkt ist aus seiner Sicht eine „zielführende Sortenpolitik“ – dass die Weingärtner auf den Trend zum Sauvignon blanc reagiert haben oder auf den bei jungem und weiblichen Publikum beliebten Muskattrollinger setzen, war wirtschaftlich kein Fehler. Lieferfähig ist die Genossenschaft – trotz des Frosts reichen die Reserven bei Weißwein etwa 15 Monate, bei roten Sorten sind knapp zwei Jahre auf Lager. „Wir müssen schauen“, sagt Seibold, „dass wir Wein verkaufen“.

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