Die Erdbeersaison hat in Deutschland begonnen, wenn die Erdbeeren in gräulichen Papierkartons verkauft werden, und sie endet nie, weil es den Erdbeer-Secco gibt. Foto: /Kathrin Haasis

Rund drei Monate dauert die Erdbeersaison nur. Wie sich der Rest des Jahres ohne die roten Früchte überleben lässt? Swen Seemann hat für Abhilfe gesorgt: Der Bio-Landwirt lässt einen Teil seiner Ernte zu einem Erdbeer-Secco verarbeiten.

In der Obst- und Gemüseabteilung eines Supermarktes verliert man leicht die Orientierung. Ist es Frühling, Sommer, Herbst oder Winter? Keine Ahnung, denn das Angebot ist fast immer gleich: Tomaten, Auberginen, Zucchini und Brokkoli, Orangen, Äpfel und Tafeltrauben. Es lässt sich auch nicht mehr eindeutig sagen, wann die Spargelzeit anfängt. Nur bei der Erdbeere bin ich mir ziemlich sicher, dass ich den wirklichen Saisonstart erkenne: Wenn die Plastikschälchen durch die gräulichen aus Altpapier abgelöst werden, sind die Früchte in Deutschland reif. Bis Anfang August dauert das Fest, bis die Papierbehälter wieder verschwinden.

Mit ein paar Gefrierbeuteln wappne ich mich immer für die erdbeerlose Zeit. Wenn es gut läuft, sogar mit einigen Gläsern selbst gekochter Marmelade. Im Unverpacktladen Schüttgut im Stuttgarter Westen bin ich kürzlich noch auf eine dritte Variante gestoßen: den Erdbeer-Secco vom Biohof Seemann in Eberdingen. Seit drei Generationen baut die Familie Erdbeeren in Bioland-Qualität an. „Wie können wir unsere Früchte das ganze Jahr über anbieten?“, fragten sich Swen und Simone Seemann vor einigen Jahren. Ein Ergebnis ihrer Überlegungen war die Marmeladenmarke Fruchtix – und ein anderes der Fruchtsecco. Einige Versuche waren nötig, bis ihnen das Ergebnis schmeckte. Es sollte nämlich kein Bonbon werden.

Als Grundlage dient Erdbeerwein

Ein Winzer in der Pfalz macht dafür aus ihren Erdbeeren zunächst einen Wein, der anschließend verperlt wird. Dafür dürfen die Früchte weder überreif noch verdorben sein, sondern müssen von bester Qualität sein. Und das zeigt auch das Ergebnis: Nach purer Erdbeere duftet und schmeckt der Secco, der statt Süße eine frische Säure bietet. „Spätestens mit seinem männlichen Abgang überzeugt er“, finden die Seemanns und meinen damit den trockenen Ausbau. Eisgekühlt soll der Erdbeer-Secco getrunken werden, lautet die Empfehlung. Das passt zwar nicht in den Winter und macht im Sommer mehr Spaß. Für gute Laune an einem tristen Januartag sorgt dieses rosafarbene Getränk aber sicherlich, um die Wartezeit auf die Erdbeerschalen aus Altpapier zu verkürzen.

Das Urteil der Weinrunde: 

Holger Gayer Die Nase erinnert an frisch eingekochte Erdbeermarmelade, im Mund wird’s dann spritzig und lebendig. Eine gute Alternative zum Aperitif.

Michael Weier Der Weinliebhaber an sich erschrickt beim Anblick zunächst, muss sich dann aber verneigen. Pure Erdbeere, klar, aber auch herrlich erfrischend. Toll!

Harald Beck Genau, das Etikett hat etwas Bedrohliches an sich, und die Erdbeere ist mir bei allem frischen Prickeln deutlich zu aufdringlich.

Erdbeer Semi-Secco, 7,50 Euro, Biohof Seemann, Schillerhöhe 1, Eberdingen, Telefon 0 70 42 / 75 98, www.biohof-seemann.de