Selina Reinhart will die weißen Flecken, die über ihren Körper verteilt sind, nicht verstecken. Foto: Roberto Bulgrin

Selina Reinhart lebt seit ihrer Jugend mit der Hautkrankheit Vitiligo. Nun hat es die 46-Jährige aus Weilheim (Kreis Esslingen) als Model zur „Paris Fashion Week“ geschafft. Die Schönheitsideale ihrer Branche sieht sie dennoch kritisch.

Es ist der Olymp in der Welt der Laufstege: die „Paris Fashion Week“. Für die Schau kommen die gefragtesten Models in die französische Hauptstadt, um neue Kollektionen bekannter Luxusmarken vorzustellen. Aktuell ist es wieder soweit. Zum ersten Mal schreitet dabei die Weilheimerin Selina Reinhart über die Pariser „Catwalks“. Der Auftritt dort sei „das Ziel jedes Models“, sagt die 46-Jährige.

 

Reinhart ist ein außergewöhnlicher Fall in einer oft unzugänglichen Branche. Sie lebt seit ihrer Jugend mit der Hautkrankheit Vitiligo. Im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren bildeten sich an ihrem Knie kleine weiße Punkte. „Der Hausarzt sagte damals, das verschwinde in der Pubertät wieder“, erzählt Reinhart. Tat es aber nicht. Stattdessen wurden die Flecken größer und breiteten sich aus, zum Beispiel an den Armen und im Gesicht. Daran änderte auch ein Aufenthalt in einer Tübinger Hautklinik nichts. Reinhart wusste nun: Wahrscheinlich blieben die Flecken für ihr ganzes Leben.

Instagram als Chance

In eine tiefe Krise stürzte die Weilheimerin deshalb aber nicht. Das hing auch mit ihrem Umfeld zusammen. „Ich hatte immer das Glück, einen ganz tollen Freundeskreis zu haben“, sagt Reinhart. In der Schule sei sie aufgrund ihres Aussehens nicht gehänselt, sondern, im Gegenteil, eher behütet worden. Allerdings weiß Reinhart, dass es nicht immer so läuft. Sie sagt: „Inzwischen kenne ich andere Personen mit Vitiligo, die sich gar nicht mehr raustrauen.“

Von einer solchen Zurückgezogenheit ist bei Reinhart keine Spur, sie trägt ihre Flecken offen zur Schau. Vor rund 15 Jahren führte sie ein Unternehmen, das Yoga-Zubehör für Kinder verkaufte. Zur Vermarktung stellte sich die Weilheimerin selbst vor die Kamera – ihre ersten Schritte als Model. Später folgten Castings in der Region, Fotoshootings und schließlich Laufsteg-Auftritte, mit Paris als vorläufigem Höhepunkt.

Mit Blick auf die sozialen Medien ist Selina Reinhart zwiegespalten. Foto: Roberto Bulgrin

Auch auf Instagram ist die zweifache Mutter aktiv. „Ich nutze Social Media sehr gerne, das ist in der Modelbranche wichtig für das Vorankommen“, sagt Reinhart, die inzwischen hauptberuflich als Erzieherin arbeitet. Unter ihrem Instagram-Profil steht der Spruch „Proud To Be Differently Pigmented“ – stolz darauf, anders pigmentiert zu sein. In den sozialen Medien sieht Reinhart eine Chance, ein vielfältigeres Bild unserer Gesellschaft darzustellen. Menschen, die – aus welchem Grund auch immer – nicht den klassischen Schönheitsidealen entsprechen, könnten sich dort ohne große Hürde selbst präsentieren. Sie benötigten dafür kein professionelles Shooting oder gar einen Platz in einem Modemagazin mehr.

Kindergrößen in Paris

Dennoch ist Reinhart mit Blick auf Instagram und Co. zwiegespalten. „Die sozialen Medien können auch sehr zerstörend sein und Persönlichkeiten kaputt machen“, sagt die 46-Jährige. Bestimmte Schönheitsideale und Trends würden sich gerade im digitalen Raum erst so richtig verbreiten. Das erzeuge vor allem auf junge Menschen einen hohen Druck. „Viele denken, sie müssten sich zum Beispiel durch Kosmetik alle Merkmale wegzaubern“, sagt Reinhart. Sie fügt hinzu: „Das ist sehr schade, weil dabei das Individuum untergeht.“

Bei einem Umstyling für eine Fernsehsendung hat sie diese Erfahrung selbst gemacht. Dort wurden ihre weißen Stellen komplett weggeschminkt. „Ich habe mir danach gedacht: Hey, das bin gar nicht ich“, erzählt Reinhart. Sie finde sich selbst viel schöner mit ihren Flecken, die gehörten einfach zu ihrer Persönlichkeit. „Sei so wie du bist, du musst dich nicht verstellen“, rät sie deshalb Menschen, die mit ihrem Aussehen hadern. In weiten Teilen der Gesellschaft habe sich diese Sichtweise aber noch nicht durchgesetzt. Reinhart kritisiert dies und sagt: „Wir bestaunen die Vielfalt der Tierwelt, je unterschiedlichere Farben Chamäleons oder Schmetterlinge haben, desto faszinierender ist es für uns. Wenn es aber um uns geht, dann wünschen wir uns eigentlich, dass alle gleich aussehen.“

Diese Haltung beobachtet Reinhart auch in der Modelwelt. Zwar sei die Branche diverser geworden, man sehe zum Beispiel ab und zu Personen im Rollstuhl. Bei elitären Veranstaltungen wie der „Fashion Week“ gehe es aber weiterhin ziemlich engstirnig zu. Für Paris hat sich Reinhart bei einem Casting der Marke Silbernadel Couture und der Agentur Modelcamp Germany qualifiziert. Die dabei ausgewählten Models seien zunächst von den Pariser Veranstaltern abgelehnt worden, erzählt Reinhart. Der Grund: „Wir entsprechen nicht der Norm.“ In Paris sei „Size Zero“ angesagt, also Kleidergröße 32. „Das ist eine Kindergröße, so sieht heute kaum noch eine Frau aus“, kritisiert Reinhart. Nach langem Hin und Her setzte sich „Silbernadel Couture“ aber durch und durfte nun doch seine eigenen Models mitbringen. Reinhart: „Das ist eine Sensation, wir revolutionieren die Fashion Week.“

Wenn sich die weißen Flecken bilden

Pigmentstörung
 Vitiligo ist eine chronische Hautkrankheit. Sie entsteht dadurch, dass an manchen Stellen des Körpers bestimmte Zellen absterben. Dabei handelt es sich um sogenannte Melanozyte, die für die Farbe der Haut verantwortlich sind. Vitiligo ist deshalb auch als Weißfleckenkrankheit bekannt.

Ursache
 Warum Vitiligo bei manchen Menschen auftritt, ist unbekannt. Vermutet wird, dass die Pigmentstörung mit erblichen Veranlagungen, autoimmunen Erkrankungen oder neurologischen Faktoren zusammenhängen könnte. Eindeutige wissenschaftliche Belege für diese Ursachen gibt es allerdings nicht.

Verbreitung
Etwa 0,5 bis 1 Prozent der Weltbevölkerung leben mit Vitiligo. Die Störung kommt bei beiden Geschlechtern vor. Meistens zeigt sie sich erstmals im Alter zwischen zehn und 30 Jahren. In manchen Fällen verschwinden die Flecken nach einer Weile wieder, in anderen bleiben sie jedoch dauerhaft.