Aurelia Zimmermann hat ein Buch veröffentlicht: In über 40 Geschichten erzählen Jakobsweg-Wanderer von Begegnungen, die die Vielfalt des Pilgerns verdeutlichen – manchmal lustig, manchmal traurig.
Weil im Schönbuch - Körperliche Grenzerfahrungen, unbewältigte Geschehnisse aus der Vergangenheit und vermeintlich Fremde, die zu Gleichgesinnten, gar Freunden werden: Aurelia Zimmermann hat schon unzählige Geschichten von Pilgern des Jakobsweges gehört. Es waren so viele, dass sie sich irgendwann dachte: „Eigentlich müsste man das aufschreiben.“ Und genau das tat die Weil im Schönbucherin, nachdem sie im vergangenen Jahr in Rente gegangen war.
Gemeinsam mit ihrer guten Freundin Heike Auel, die auch begeisterte Camino-Pilgerin und zudem auf das Lektorieren spezialisiert ist, ging sie das Projekt „Pilger und Hospitaleros“ an. „Irgendwann war es ein Selbstläufer“, erzählt Aurelia Zimmermann. Viele Mitglieder des Pilgervereins „Vltreia e.V.“ (gesprochen „Ultreia“), in dem sie und ihr Mann Rudi seit vielen Jahren tätig sind, haben ihre Erlebnisse beigesteuert. Es seien aber auch Bekannte auf sie zugekommen mit den Worten: „Ich habe eine Freundin, die was schreiben kann.“ Im April dieses Jahres seien es schließlich so viele Geschichten gewesen, dass sie einen Einsendestopp verhängen mussten.
„Mehr Aufwand als gedacht“
Insgesamt 35 Leute waren ehrenamtlich mit an der Produktion des Buches beteiligt und haben Illustrationen, Texte, Fotos, Bildbearbeitung und Beratung beigesteuert. „Das hat mir großen Spaß gemacht, war aber viel mehr Aufwand als gedacht“, sagt Aurelia Zimmermann schmunzelnd und ergänzt: „Oft ging eine einzelne Geschichte fünf- oder sechsmal zwischen dem Autor und dem Lektorat hin und her“. Der Leser solle Spaß daran haben, galt als die Maxime des Projekts. „Wir haben eine schöne Mischung aus 40 Geschichten – Erlebnisse von echten Menschen“, sagt die Diplom-Mathematikerin. Seitdem das Buch Ende Juli im Handel erschienen ist, sei das Feedback „begeistert“ ausgefallen – oft auch „nachdenklich oder rührend“, berichtet die 64-Jährige.
Ein schöner Nebeneffekt des Buchprojekts: „Man wächst als Verein stärker zusammen“, ist sie überzeugt. Der Stuttgarter Jakobusverein „Vltreia e.V.“, der in diesem Jahr sein 30-jähriges Bestehen feiert, zählt aktuell 80 Mitglieder. Neben der Tätigkeit als Verein in Deutschland, der an Informationsveranstaltungen und Pilger-Stammtischen teilnimmt, zeichnet ihn insbesondere aus, dass er seit 20 Jahren eine Pilgerherberge im spanischen La Faba betreibt.
Direkt beim ersten Mal 800 Kilometer gegangen
Dem Vereinsgründer sei beim Pilgern „ein Geistesblitz“ gekommen, erzählt Aurelia Zimmermann. Danach wandelte er das alte Pfarrhaus in dem 16-Einwohner-Dorf am spanischen Jakobsweg in eine Herberge mit gut 60 Betten um. Zimmermanns Ehemann Rudi, der zweiter Vorsitzender des Jakobusvereins ist, ist jedes Jahr nicht nur als Pilger, sondern auch als „Hospitalero“ in La Faba tätig. Dann steht er den Pilgern mit Rat und Tat zur Seite, hält die Herberge mit anderen Freiwilligen in Schuss und macht diese bis zum Ende des Jahres „winterfest“.
Im Jahr 2009 begann für Aurelia Zimmermann und ihren Mann die Liebe zum Camino: Sie gingen zum ersten Mal den Jakobsweg. „Ich wollte das schon immer machen, dann kam Hape Kerkelings Buch, und unsere Tochter entschloss sich, zu gehen – dann stand es für uns fest“. Ihr zuliebe sei ihr Mann die ganzen 800 Kilometer mitgegangen. „Seitdem ist er viel begeisterter als ich“, erzählt die 64-Jährige und lacht.
„Viele wollen ihre Trauer verarbeiten“
Doch die zusätzliche Arbeit als Hospitalera traue sie sich selbst emotional nicht ganz zu: „Man hört viele Geschichten – auch traurige“, berichtet die zweifache Mutter. Die Menschen würden den Camino zwar aus unterschiedlichen Gründen pilgern; aus sportlichen, als günstige Urlaubsalternative oder viele auch zum Ende des Arbeitslebens hin. Es gäbe aber auch einige, die ihn gehen, um ihre Trauer zu verarbeiten.
In beinahe jedem, der den Weg pilgere, löst die – mitunter extreme – Erfahrung etwas aus, erzählt die 64-Jährige aus Weil im Schönbuch. Viele Paare, die den Camino zusammen beginnen, kämen getrennt am Ziel an. Doch nicht so bei Aurelia Zimmermann und ihrem Mann, die den Weg seit 2009 unzählige Male in unterschiedlichen Etappen gegangen sind: „Wir harmonieren mehr als zu Hause“, erzählt sie schmunzelnd. Grund dafür sei „weniger Reibung“, da die Tätigkeiten auf Schlafen, Essen und Gehen reduziert werden.
Aurelia Zimmermanns bewegendste Geschichte
Eine Geschichte, die Aurelia Zimmermann nie vergessen wird, ereignete sich an einem „schrecklich heißen“ Tag auf dem Jakobsweg: „Der Weg ging sieben Kilometer geradeaus und nahm kein Ende.“ Plötzlich sei ein junger Mann zu ihr gekommen, um ihr eine frische Orange zu schenken. „Dieser Fremde hat die Orange so lange getragen und dann mir geschenkt. So ein schönes Geschenk hat mir noch niemand gemacht“, sagt die 64-Jährige.
Seitdem sie das Buch „Pilger und Hospitaleros“ veröffentlicht hat, werde sie noch öfter gefragt, warum sie denn den Weg eigentlich gehe, erzählt Aurelia Zimmermann. „Ich würde sagen: Der Weg hat mich gerufen“, hat sie eine stimmige Antwort für sich gefunden.