Die drei Kandidaten für die Nachfolge von Hans-Josef Straub. Foto: factum/Bach

In Weil der Stadt ist der Andrang groß am Freitagabend bei der Kandidatenvorstellung in der Sporthalle des Johannes-Kepler-Gymnasiums, und die Erwartungshaltung ebenso. Die Bewerber haben sich von Bürgermeister Hans-Josef Straub (SPD) distanziert.

Weil der Stadt - Die offizielle Kandidatenvorstellung ist der Höhepunkt eines jeden Bürgermeisterwahlkampfes: Wer hier eine gute Figur macht, verbessert seine Wahlchancen erheblich. Oder eben auch umgekehrt. In Weil der Stadt ist der Andrang groß am Freitagabend in der Sporthalle des Johannes-Kepler-Gymnasiums, und die Erwartungshaltung ebenso. Nach 24 Jahren steht eine Zäsur an. Die drei Bewerber haben sich mehr oder weniger vom noch amtierenden Bürgermeister Hans-Josef Straub (SPD) distanziert.

Dies gilt vor allem für Thilo Schreiber, den 46-jährigen Bürgermeister aus Loßburg im Schwarzwald. Sein Credo „Ich bin der Mann von außen, ich will alle an einen Tisch bringen“ hat er fast ebenso oft wiederholt wie den Satz „Weil der Stadt hat mehr Potenzial“. Gleichzeitig hält der langjährige Rathauschef Abstand zu Straub: Ein kurzer Gruß, wenige Begrüßungsworte, mehr wechseln die beiden Schultheißen nicht an diesem Abend.

Thilo Schreiber wahrt Distanz zu Straub

Ob Absicht oder nicht, es scheint zur Strategie Schreibers zu passen. Er hält eine routinierte Rede, in der er recht schonungslos die Defizite auflistet. „Wenn ich die Haushaltsbücher lese, glaube ich, dass sich die Einnahmen bei den Gewerbe- und Einkommenssteuern steigern lassen“, sagt er. Die Wirtschaft brauche einen Ansprechpartner und verlässliche Zusagen, das wolle er selbst übernehmen. Auch die Weiler Streitkultur nimmt Schreiber aufs Korn: „Es gab heftige Auseinandersetzungen. Über Jahre wurde gegeneinander gefochten, leider auch persönlich.“ Die Stadt habe einen Teil ihres inneren Zusammenhalts eingebüßt, neues Vertrauen müsse erst wieder wachsen.

Schreiber macht dazu konkrete Vorschläge: Er will wieder einen Ersten Bürgermeister, der wie früher im Merklinger Rathaus seinen Amtssitz hat. Er kann sich auch vorstellen, Stadtwerke zu gründen, um Steuern zu sparen, will einen Ältestenrat im Stadtparlament etablieren. Am Ende setzt er eine optimistische Botschaft: „Die Stadt wird sich spürbar und sichtbar nach vorne entwickeln, sie wird ihren Stellenwert wieder steigern. Das müssen wir gemeinsam tun.“

Ganz anders tritt Marc Kwiatkowski auf, der 43-jährige Krankenkassenmanager, der seit elf Jahren in der Keplerstadt wohnt. Er redet im Gegensatz zu Schreiber etwas mehr mit Straub, bevor er die Bühne betritt. Kwiatkowski setzt sein persönliches Engagement als Bürger gegen die Politikerfahrung des Favoriten.

Marc Kwiatkowski wirkt nervös

Etwas nervös mit einigen Versprechern beginnt er seine Rede, indem er sich zu „dieser wunderschönen Stadt“ bekennt: „Ich habe mich wegen der Vereine, der Fasnet, der Schulen und der Lebensqualität für Weil der Stadt entschieden.“ Doch auch er spricht Defizite offen an. Manche Dinge kämen nicht voran, die Bürger organisierten Widerstand gegen Entscheidungen. „Wir brauchen eine vertrauensvolle, offene Kultur, müssen auf Augenhöhe miteinander sprechen.“ Er wolle die Zwergschulen erhalten, nicht bei der Kinderbetreuung sparen, das Pflegeheim kleinteiliger organisieren.

Fast jede Einrichtung hat der in mehreren Vereinen organisierte Kwiatkowski schon besucht, das merkt man. Auch er übt Kritik: „Meine schrecklichste Erfahrung war, als ein Bekannter am Marktplatz gesagt hat Weil der Stadt sieht aus wie aufgegeben.“ Für ihn sei die Bürgermeisterwahl nicht nur ein Karrieresprungbrett, er wolle gestalten.

Dann tritt Roman Beyerle auf. Im Gegensatz zu den Vorrednern in Jeans und mit legerem Hemd. „So, ich begrüße Sie auch mal“, sagt der gelernte Koch, dessen Familie seit zehn Generationen in Weil der Stadt lebe. Immer wieder erntet er Lacher für solche Sätze: „Bürgermeister ist ja kein Ausbildungsberuf. Da kann ich es auch.“ Oder mit dem Vorschlag, wie im Mittelalter wieder Hopfen im Umland anzubauen: „Wenn wir das Geld für den Ideenwettbewerb dort investiert hätten, gäbe es vielleicht schon das erste Weil-der-Städter Bier.“

Roman Beyerle will ein Weiler Bier

Aber Beyerle betont, dass seine Kandidatur ernst gemeint sei. „Vielleicht braucht unsere Stadt jetzt ja unkonventionelle Lösungen“, sagt er. Die Gastronomie der Stadt liege darnieder, die historischen Gebäude verschwänden hinter Autos.

Schließlich haben die Bürger das Wort. Und das kann manchmal aufschlussreich sein. Marc Kwiatkowski muss auf die Frage eines Behinderten, wie er für mehr Inklusion sorgen will, bekennen: „Diese Frage hat mir in den fünf Monaten Wahlkampf noch niemand gestellt. Das ist eigentlich schade.“ Spannend wird es auch beim Jugendhaus Kloster. Thilo Schreiber hat in seiner Rede vorgeschlagen, dieses in die Bahnhofstraße zu verlagern. Dies hat der Vorstand des Jugendhausvereins mitbekommen und ist spontan in die Sporthalle gekommen. „Wollen Sie den Umzug auch gegen den Willen der Jugendlichen?“, fragt die Gruppe um den Vorsitzenden Yannick Conchy.

Schreiber rudert zurück: „Ich will euch nicht raushaben, ich will mit euch diskutieren.“ Die Steilvorlage nützen die anderen Bewerber. „Kloster ist Kult, und Kloster muss bleiben“, sagt Marc Kwiatkowski, und erhält dafür Beifall. Und Roman Beyerle erzählt von den wilden Zeiten, die er im „Kloster“ schon erlebt hat. Am nächsten Tag räumt Schreiber ein, hier „einseitig informiert“ worden zu sein, und will seine Haltung heute Abend bei der Versammlung in Merklingen korrigieren.

Einer ist an diesem Abend nur für Regularien zuständig: Hans-Josef Straub. Man sieht ihm aber an, dass er zu so mancher Kritik aber gerne etwas gesagt hätte.

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