Vor 140 Jahren entstand der Verein für Gewerbe und Landwirtschaft als Interessenvertretung in einer Zeit des Umbruchs.
Bilder sagen oft mehr als viele Worte. So zeigen die vielen alten Fotos von Geschäften, Fabriken, Werkstätten und Gasthäusern in Weil der Stadt, Merklingen, Münklingen, Hausen und Schafhausen eindrucksvoll, wie vielfältig das Gewerbe schon vor über 100 Jahren in und rund um Weil der Stadt war. Manche der Gewerbetreibenden gibt es noch heute, andere sind längst Geschichte.
Die Aktiven des Gewerbevereins, der jetzt sein 140-jähriges Bestehen feiert, haben diese Fotoschau zusammengestellt. Die Aufnahmen begleiteten den Festakt am Samstag im Klösterle und riefen dabei die lange Geschichte des vielfältigen Gewerbes in der Stadt in Erinnerung, vom Kupferschmied bis zum Schafzüchter, von der Vorhangschienenfabrik bis zur Sägemühle und dem Mini-Lebensmittelladen.
Gegründet wurde der Zusammenschluss im Juli 1884 als Verein für Gewerbe und Landwirtschaft. Eingeladen dazu hatte der Stadtschultheiß Hugo Beyerle, der auch den Vorsitz übernahm. In dieser Zeit war der erste Schub der Industrialisierung bereits vorüber, die ehemalige freie Reichsstadt war seit zwölf Jahren durch die Schwarzwaldbahn von Stuttgart nach Calw an das Umland angebunden, die Wirtschaft befand sich im Aufwind. Das ging auch an den Weiler Handwerkern, Kaufleuten und Landwirten nicht vorüber. Der neu gegründete Verein sollte ihre Interessen vertreten.
Hopfen wurde angebaut
Lange Zeit, bis in die 1930er-Jahre hinein, spielte die Landwirtschaft dort eine bedeutende Rolle, was aus den Vereinsprotokollen noch heute ersichtlich ist. So befassen sich allein drei Versammlungen im Jahr 1905 mit dem Hopfenanbau. Ob die Erhöhung des Mitgliedsbeitrags im Jahr 1901 von einer auf drei Mark auf Widerstand stieß, erläuterte die aktuelle Vorsitzende des Gewerbevereins, Sonia Widmaier, in ihrem historischen Rückblick nicht weiter. Der Verein überstand den Ersten Weltkrieg, ab den 1920er-Jahren engagierte er sich „für den Wiederaufbau und die Einführung moderner Technologien im Handwerk und Handel“, so die Vorsitzende zu dieser ersten Phase der Modernisierung im lokalen Gewerbe.
Ein Weihnachtsmarkt macht den Anfang
Eine Zäsur brachte der Zweite Weltkrieg. Aus diesen Jahren finden sich keine Aufzeichnungen in den Vereinsprotokollen, man schloss sich erst Anfang der 1950er-Jahre wieder zusammen, der Fabrikant Gottlieb Nussbaum übernahm 1953 den Vorsitz. Mit dem folgenden wirtschaftlichen Aufschwung und dem wachsenden Wohlstand erlebte der Einzelhandel ebenfalls einen Boom, so Sonia Widmaier. 1978 organisierte der Gewerbeverein zum ersten Mal einen Weihnachtsmarkt. Viele weitere öffentlichkeitswirksame Aktionen sollten in den folgenden Jahrzehnten bis heute folgen.
Der Gewerbeverein musste seine Mitglieder durch die weltweite Finanzkrise 2008 führen und sich später mit Themen wie der zunehmenden Digitalisierung und dem E-Commerce befassen. Eine der größten Herausforderungen in der jüngeren Vergangenheit sei die Corona-Pandemie gewesen, so Widmaier, in der der Verein seine heute rund 120 Mitglieder aus vielen verschiedenen Bereichen mit Informationen zu verschiedenen Hilfsmöglichkeiten unterstützte.
Jürgen Schirott führt nicht nur in direkter Nachbarschaft zum Rathaus ein alteingesessenes Bekleidungsgeschäft, sondern er war von 2002 bis 2014 Vorsitzender des Gewerbevereins und organisierte laut Sonia Widmaier auch maßgeblich die Jubiläumsfeier. Er überreichte dem Ersten Beigeordneten der Stadt, Jürgen Katz, die Sammlung des Vereinsarchivs mit den Sitzungsprotokollen, die einen Platz im Stadtarchiv bekommen. „Die nächsten Ausgaben werden digital sein“, versprach Jürgen Schirott.
Zu den Geburtstagsgratulanten gehörten neben dem per Video-Botschaft zugeschalteten Landrat Roland Bernhard ebenfalls Friedhelm Brinkmann für den Gemeinderat sowie Vertreter der IHK Region Stuttgart und der Kreishandwerkerschaft Böblingen. Jürgen Katz betonte die enge Zusammenarbeit von Stadt und Verein und die vielen gemeinsamen Aktionen, etwa die Weiler Abendrunde und der Weiler Nachtbummel, das Straßenmusikfestival oder eben der Lukullische Herbst, der am 21. und 22. September wieder als Streetfood- und Livemusikfest auf dem Marktplatz stattfindet. Parallel dazu gibt es erstmals einen „glutenfreien Herbst“, bei dem zwölf Anbieter auf dem Kirchvorplatz glutenfreie Speisen präsentieren.