Fast 50 000 Menschen verfolgen den Umzug durch die Altstadt. Foto: factum/Granville

Gegen das kalte Wetter hilft beim großen Fastnetsumzug durch die Weiler Altstadt nur Mitschunkeln, Mitlachen und Mittrinken.

Weil der Stadt - Als Bürgermeister von Weil der Stadt muss man vor allem zwei Sachen können: sich selbst nicht so ernst nehmen und ordentlich was vertragen. Legt man die diesjährige Weiler Fasnet zugrunde, dann ist Thilo Schreiber ein wirklich würdiger Schultes. Nach seinem Auftritt als „Wilde Hilde“ in der narreten Gemeinderatssitzung – selbst AHA-Präsident Michel Borger hatte Schreiber erst auf den dritten Blick erkannt – gibt er beim großen Weiler Umzug den Johannes Kepler. Mit blonder Pagenkopf-Perücke, Mütze und aufgemalten Kinnbart war Schreiber auch diesmal schwer zu erkennen.

Was den zweiten Punkt angeht – da kennen die Weiler Narren keine Gnade. Keine Fußgruppe geht an der Ehrentribüne vorbei, ohne dem Schultes einen einzuschenken. Ein Schnäpschen in Ehren kann schließlich keiner verwehren. Und Alkoholisches in kleinen Flaschen gibt’s obendrauf. Ob Schreiber an diesem Tag noch stehenden Fußes nach Hause kommen würde? „Ich habe da so meine Taktik. Ich gebe vieles einfach weiter“, erklärt er mit einem Augenzwinkern. Während des über zweistündigen Umzugs mit 67 Gruppen, darunter 17 Wagen, durch die Weiler Altstadt, tut das ein oder andere Promille sicher gut gegen kalte Füße und Finger. Doch die zahlreichen Guggenmusikgruppen, Fanfarenzüge und Blaskapellen lassen die rund 50 000 Zuschauer spätestens nach einer halben Stunde kräftig mitstampfen. Schon allein, um gefrorene Zehen wieder aufzutauen. Auch die Lachmuskeln werden kräftig strapaziert.

Den Hingucker des Tages liefert dabei Conchita Wurst – und das gleich in dutzendfacher Ausführung. Ob Männlein oder Weiblein, sie alle tragen schicke Kleider, lange schwarze Haare und natürlich Bart. „Eigentlich sollte der Wagen das Motto ‚Bauer sucht Sau’ tragen. Aber dann haben unsere Wagenbauer diese Riesenwurst gezaubert. Ab da war uns klar, da muss die Conchita drauf“, erzählt Sabine Sauer. Sie lebt zwar seit sechs Jahren in Niedersachsen, doch zur Fasnet kommt sie jedes Jahr zurück nach Weil.

Mit viel Liebe zum Detail ist auch der Wagen des „Narrencamps“ gestaltet – inklusive Dschungelprüfungen. Sonja Zietlow (alias Rainer Wohlgemuth), Dirk Bach (Thomas Hanke) und Dr. Bob (Fritz Oehlschläger) servieren unter anderem pürierte Kotzfrucht (Kiwi mit Umdrehung), Känguru-Penisse (Schweineschwänzchen) und Fischaugen (Litschis mit Kirschen).

Hauptaugenmerk beim Weiler Umzug liegt natürlich auch auf den politisch gehaltenen Wagen. Etwa, wenn sich die Narren auf dem Reeperbahn-Wagen etwas mehr Kultur und Leben in der Stadt wünschen. Natürlich darf auch die Hermann-Hesse-Bahn nicht fehlen – aber nur mit Endstation in Weil und umgetauft in Johannes-Kepler-Bahn. „Ohne Kepler wüssten wir heute vielleicht nicht einmal, wo Calw liegt“, scherzt Dieter Ölschläger, langjähriger Zunftmeister und Moderator des Umzugs. Die Calwer Narren, die ebenfalls mit ihren Gruppen zu Gast sind, nehmen es gelassen. „Schade, dass ihr euren Landrat daheim gelassen habt. Wir hätten ihn gern begrüßt. Und dann die Bahnstrecke zu Fuß heimgehen lassen“, kommentiert Ölschläger. „Aber unsere Freundschaft mit den Calwer Narren trübt das nicht.“ Stattdessen servieren die Weiler aus der „Ess-Bahn“ dem Publikum Schwarzwälder Kirschtorte.

Da wird auch dem „Kepler“ Schreiber wieder warm. Seine Figur ist gut gewählt. Immerhin ist das berühmteste Kind der Stadt auch erklärtes Zugpferd, vor allem für die Touristen, auf die man in Massen hofft in der Stadt. Ein Wagen präsentiert sogleich den ersten Kepler-Fan-Shop. Auch Dieter Ölschläger kann sich einen Seitenhieb in Richtung Schultes nicht verkneifen: „Ja, der Herr Bürgermeister ist ja heute selbst als Kepler unterwegs. Auch wenn er noch nicht so berühmt ist. Aber das kann ja noch werden.“ Thilo Schreiber nimmt es mit Humor – und einem Schnaps.

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