Anke Fercho in ihrem Strohstüble in Schorndorf-Weiler Foto: Gottfried Stoppel

Anke Fercho bastelt Weihnachtsschmuck aus Stroh. Ihre aufwendige Handarbeit made in Schorndorf-Weiler ist in ganz Deutschland gefragt.

Allerorten blinkt und glitzert es, grellfarbene Christbaumkugeln leuchten in den Regalen und tausende Lichter erstrahlen an den Häusern. Eigentlich will Stroh so gar nicht zur modernen Weihnachtszeit passen. Ein Abfallprodukt der Ernte, Einstreu im Stall, spröde und stupfelig – und doch näher dran an Heiligabend als alles andere. Zumindest, wenn man an die Weihnachtsgeschichte glaubt. „Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge“, so steht es in der Bibel geschrieben. Auf Stroh wurde das kleine Jesuskind gebettet.

Die Sterne leuchten ohne Strom

Ob Stroh wohl deswegen so ein eigenes Leuchten besitzt? Auf jeden Fall scheint der Weihnachtsschmuck, den Anke Fercho aus getrockneten Halmen herstellt, auch ohne Elektrizität zu strahlen. „Manchmal lege ich einfach nur einige kleine Sterne auf eine dunkle Decke und zünde ein paar Kerzen an. Dieses Spiel des Lichtes mit dem Stroh schafft eine ganz wunderbare Stimmung“, erzählt die 59-Jährige und verrät gleichzeitig, dass dieses Leuchten zum Teil an dem besonderen Material liegt, das sie für ihre Kunstwerke verwendet: „Ich kann nicht einfach aufs Feld gehen und mir dort die Halme holen – diese haben zu viele Knoten. Mein Stroh kommt aus China, wo es extra angebaut wird. Zudem ist es leicht gebleicht und glänzt deswegen.“

Daheim in ihrem Strohstüble zeigt sie, was sie aus den etwa zehn Zentimeter großen Halmen so alles fertigt: An der Wand hängen Sterne mit einem Durchmesser von mehr als einem halben Meter. In diese sind Gräser, Ähren oder getrocknete Hortensien eingearbeitet. Sie hat Morgensterne im Programm, die einen Schweif aus Gräsern und kleineren Sternen hinter sich herziehen – oder Feuerwerkssterne, die an der Fensterscheibe in alle Richtungen zu explodieren scheinen. Wie lange sie für solche Exemplare braucht? „Das kann ich gar nicht so genau sagen. Ich mache meistens einzelne Bestandteile und setze sie irgendwann zusammen“, sagt Anke Fercho, die in dem Schorndorfer Teilort Weiler lebt. Ihre kleinsten Sterne, die kann sie inzwischen abends auf dem Sofa basteln: „Dann habe ich eine Schale auf meinem Schoß und schnipple so vor mich hin.“

Im Prinzip führt Anke Fercho eine Familientradition weiter. Sie ist mit den Strohsternen aufgewachsen, die ihre Mutter als Heimarbeiterin für eine Winterbacher Firma hergestellt hat. Als Anke Fercho vor etlichen Jahren arbeitslos wurde, ließ sie sich von ihrer Mutter die Technik zeigen. „Ich arbeite gerne mit den Händen, das ist einfach meins. Und das Material mag ich auch.“ Übungssache ist vor allem das Knoten und Binden. Da das Stroh in feuchtem Zustand verarbeitet wird, muss Fercho den Faden stark anziehen. Sonst ist dieser zu locker, wenn das Stroh wieder trocken ist. „Das Tolle an Stroh ist, dass es dann genau in dieser Position bleibt.“

Die Musikengel haben Nerven gekostet

Deswegen kann sie auch Figuren daraus binden – wie die Musikengel, die sie dieses Jahr neu entwickelt hat und sie so manchen Nerv gekostet haben. Die kleinen Strohgeschöpfe spielen Panflöte, Cello, Harfe oder Geige. Jede kleine Saite, jede Flügelspitze, jeden Bogen und jedes Flötenrohr hat sie selbst geschnitten oder gebunden. „Das ist extrem aufwendig, da habe ich ganz schön viel Geduld gebraucht.“

Trotzdem möchte sie ihre Strohkunst nicht missen. Obwohl sie inzwischen wieder eine Arbeitsstelle gefunden hat, macht sie mit ihrem Weihnachtsschmuck weiter. Und der wird immer gefragter. „Dieses Jahr war es sehr intensiv“, erzählt sie. Um noch alle Bestellungen aus ganz Deutschland abarbeiten zu können, hat sie anderthalb Wochen vor Heiligabend beschlossen, nur noch das zu verkaufen, was bereits fertig in den Schachteln liegt. Wie viele Sterne sie in den vergangenen zwölf Monaten herstellt hat, kann sie kaum beziffern – in die tausende wird es gehen. „Dann gönne ich mir eine Weihnachtspause, bevor es im Januar wieder weiter geht.“ Nach Weihnachten ist schließlich vor Weihnachten.

Wer alles auf Strohsterne steht? „Auf den Ausstellungen bleiben sehr oft Kinder fasziniert davor stehen. Auch meine Enkel fragen ständig, wann wir mal wieder Strohsterne basteln.“ Und es seien auffallend viele Männer, die sich für ihre Handarbeiten interessieren – „die sind einfach von der Technik begeistert.“ Die ältere Generation greife zu, weil der Weihnachtsschmuck sie an frühere Zeiten erinnere, der jüngeren gefalle der Retrocharme. Nur die Jahrgänge dazwischen täten sich manchmal schwer. „Die mussten oft im Kindergarten oder in der Schule Strohsterne basteln und mögen sie deswegen nicht so gerne“, sagt Anke Fercho und lächelt. Sie selbst hat auch nach der letzten abgearbeiteten Bestellung noch nicht genug: „Sehen kann ich meine Sterne immer.“

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