Adolf Weeber kam vor 80 Jahren das erste Mal auf den Weihnachtsmarkt. Um seiner Oma zu helfen. Noch heute kann man bei ihm den von ihm erfundenen blonden Engel kaufen.
Eine Tüte voll Äpfel. Gefüllt mit genau 60 Stück. Die brachte eine Kundin beim Stand von Adolf Weeber und seiner Familie vorbei, weil sie in dieser Zeitung gelesen hatte, dass der Seniorchef seit 60 Jahren auf den Weihnachtsmarkt kommt. Dabei hat er in typisch schwäbischer Manier untertrieben.
So en passant hat er das erzählt, dass er seit 60 Jahren da sei. Selbstständig. Aber tatsächlich ist er 1945 erstmals mit der Oma von Gaisburg hergelaufen. „Ich als fünf Jahre alter Bub in Strohschuhen“, erinnert er sich, „was anderes gab es ja nicht. In dem Jahr war es bitterkalt, und der Schnee ging mir bis zu den Knien. Ich weiß heute noch,wie ich gefroren habe damals.“ Einen Weihnachtsmarkt kann man das nur nennen, weil er im Dezember war.
Mit Zuckerstangen hat vor der Ruine des Alten Schlosses in Stuttgart alles angefangen
„Die Leute haben auf dem Schillerplatz vor allem Gemüse und Obst verkauft, Kartoffel, Äpfel, Sauerkraut, was sie übrig hatten“, sagt Weeber, „wir haben mit Bezugsmarken Zucker beschafft, gebrannt und zu Zuckerstangen geformt.“ Verkauft haben sie das auf einem Klapptisch vor der Ruine des Alten Schlosses, „fast genau da, wo wir heute wieder stehen.“ Also da, wo er 80 Jahre später steht – Glühwein, blonder Engel, Kinderpunsch zapft. Nicht mehr vom Klapptisch aus, schon längst haben die Weebers einen ordentlichen Stand, hübsch geschmückt, mit allem, was dazugehört.
Im Eck hängt ein Luftballon, die 60 prangt darauf. Auch ein Geschenk von Kunden. Den Adolf kennt man. Und wen er dann so da steht, im Gedächtnis kramt und erzählt, entfaltet sich ein schwäbisches Leben. Eines, das viele seiner Generation gelebt haben. Bombennächte, Heimatlosigkeit, Hunger, Fleiß, Mut, Aufschwung, Überfluss.
Aufgewachsen ist er im Osten Stuttgarts, unweit der Gaststätte Friedenau. Der Ururopa war königlicher Ulan in Ludwigsburg, der Großvater und sein Bruder waren bekannt als Schaukel-Weeber und Karussell-Weeber. Der verstorbene Max-Rudi Weeber, seines Zeichens der Wasenwirt, war sein Cousin. Und wie das so üblich ist bei Schaustellern, da müssen alle anpacken. Das lernte er schon viel früher als er sollte. „In einer Bombennacht haben wir alles verloren.“ Der Opa hatte zwei Kinderkarussells mit zwei Orgeln, die standen in Bad Cannstatt. Verbrannt. „Die Wohnung? Zerstört!“, einen Topf konnte die Mutter retten. Es ging nach Reutlingen zu den Großeltern. Auch da wurden sie ausgebombt. „Mein Vater hat dann das Haus mit eigenen Händen wieder aufgebaut. Und der kleine Adolf auf dem Markt Zuckerstangen verkauft. „Wir standen hier, und meine Tante hat nebenan die Trümmer des Alten Schlosses beseitigt.“
Noch heute erinnert er sich lebhaft an sein erstes selbst verdientes 50-Pfennig-Stück. In Tübingen auf dem Markt haben er und seine Brüder ein Kasperletheater betrieben, nach der Währungsreform 1948 zahlten die Kinder den Eintritt in D-Mark. Es ging aufwärts. Doch das Schicksal meinte es nicht gut. der Vater hatte den Krieg überlebt, um 1950 am Wasen bei einem Unfall getötet zu werden. Ein amerikanischer Soldat hatte ihm die Vorfahrt genommen. Drei Jahre später starb der kleine Bruder, ebenfalls bei einem Unfall.
Weihnachtsmarkt, Volksfest, Frühlingsfest – und die Eisdiele Pinguin am Eugensplatz in Stuttgart
Doch für Trauer nahm man sich keine Zeit. Verluste hatten alle erlitten, und alle wollten funktionieren, bloß nicht jammern, Wirtschaftswunder wird gemacht. Gerade hatten sie Boxautos gekauft, als der Vater starb. „Da musste ich anpacken, half ja nichts“, sagt Weeber. Mit einer Mandelbrennerei machte er sich selbstständig, Karussells kamen hinzu. Doch den drei Töchtern wollte er das nicht zumuten, also kaufte er die Witwe Bolte, einen Imbiss, kam Jahrzehnte auf das Volksfest und das Frühlingsfest. Und er kaufte ein Häusle am Eugensplatz und eröffnete die Eisdiele Pinguin.
Und beim Weihnachtsmarkt war er immer. Der früher ganz anders aussah. „Das war eine Marktkromäde“, sagt er. Ein Handelsplatz für Krämer. „Die haben Kurzwaren verkauft, Hornhautpflaster, Pfannen, Körbe, Strickwaren, quasi alles für den täglichen Bedarf.“ An Frau Bold kann er sich erinnern, „die hat Lockenwickler vorgeführt“. Und dann sei immer ein Blinder dagewesen, „der hat ein Apparätle gebastelt, das den Faden in die Nadel gezogen hat.“ Und der Vogeljakob, also das Original. Der Münchner Lorenz Tressenreiter, „der Pfeifen erfunden hat, mit denen man zwitschern konnte wie ein Vogel.“ Eher ein Jahrmarkt denn ein Weihnachtsmarkt. Im Prinzip wie in den Anfängen des Marktes, der ja bis in 17. Jahrhundert zurückreicht.
Getrunken wurde Zimbamberle. „Da haben wir den Trester aus der Mosterei geholt und aufgekocht.“ Bis vor gut 60 Jahren „der Willi Scholpp in seinem Schwarzwaldhäusle als erster Glühwein verkauft hat.“ Und wie das so ist: „Alle haben dann ruckzuck auch Glühwein ausgeschenkt.“ Wobei der Adolf Weeber eine Idee hatte. Und den blonden Engel erfand. Weil er sich an ein altes Hausrezept erinnert hat. „Früher hat man warmen Eierlikör den Schwangeren gegeben, zur Kräftigung. Und ein rohes Ei reingekläppert. Daran habe ich mich erinnert und experimentiert mit Weißwein, Eierlikör und Gewürzen.“ Fertig war der blonde Engel!
Den Genüssen des Lebens war er nie abgeneigt. Das Rauchen allerdings gewöhnte er sich ab. Mit Hilfe „des Viehdoktors vom Schlachthof“. Der setzte ihm einen „Eisenkeil“ nahe des Ohres ein. Und immer wenn Weeber Gelüste auf eine Kippe hatte, fasste er hin. Und ließ das Rauchen sein. Jedes Mal legte er das Geld für die Schachtel weg, bis ich „das Geld für eine S-Klasse hatte“. Ein sehr schwäbischer Weg. Bevor man sich was leistet, muss man leiden.
Ein Schwätzle muss sein – auf den Weihnachtsmarkt in Stuttgart kommt Adolf Weeber immer noch
Seit vier Jahrzehnten hält er das nun durch. Nikotin braucht er nicht mehr. Den Weihnachtsmarkt aber immer noch. Deshalb kommt er immer noch her, ist als erster da, wenn früh am Tag der Glühwein geliefert wird. Später übernehmen dann die Töchter Esther und Kerstin sowie die Enkel, ein Familienbetrieb halt. „Ich steh dann in meinem Eck und halte ein Schwätzle.“ Oder zwei. Viele kommen, um den Adolf zu sehen, einen blonden Engel zu trinken und zu plaudern. Oder um Äpfel vorbeizubringen.