Maria Fernandez verkauft auf dem Markt Dubai-Schokolade. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Man kann ihr nicht entkommen. Auch auf dem Weihnachtsmarkt ist die Dubai-Schokolade allgegenwärtig. Ob als Tafel, auf dem heißen Kakao oder dem Crêpe. Der Preis? Die Umweltschäden? Offenbar alles egal.

Was für eine Bescherung. Für die Schausteller – und die Umwelt. Die Hysterie um die Dubai-Schokolade hat den Stuttgarter Weihnachtsmarkt erreicht und sorgt bei allen, die Süßwaren verkaufen für glänzende Augen und klingelnde Kassen.

 

Notwendige Zutaten: eine Legende und soziale Netzwerke Bei Maria Fernandez auf dem Schlossplatz gibt es Pralinen und Dubai-Schokolade. Aus Holland, und eigens für sie und ihren Mann gefertigte Tafeln aus einer belgischen Schoko-Manufaktur. Die ist aber gerade ausverkauft. 80 Gramm kosten 9 Euro, 140 Gramm 15 Euro und 220 Gramm 20 Euro. Ob es das wert ist? Nun, es wird gekauft.

Mark Roschmann mit Erdbeeren im Schokomantel, obendrauf Topping à la Dubai. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Es ist ein Lehrstück in Sachen Kapitalismus. Es braucht eine Legende. Die schwangere Chocolatiere aus Dubai, die eine Mischung aus Pistaziencreme, Engelshaar und Sesam erfindet. Ob das stimmt? Egal, die Geschichte ist gut. Und es folgt die Kampagne via sozialer Netzwerke, die alles ins Rollen bringt. Und zack, alle Welt glaubt plötzlich, sie braucht Dubai-Schokolade. Die Kinder von Maria Fernandez hatten die Videos gesehen, und schnell war ihr klar, das muss man an der Chocolaterie Marie auf dem Schlossplatz anbieten. „Mal sind es Schuhe, mal sind es Taschen, jetzt ist es Schokolade“, sagt sie. Eine Aufregung zur rechten Zeit für sie und die anderen Schausteller, die auf den Namen der Stadt in den Vereinigen Arabischen Emiraten setzen. Ein Geschäft, das man sich nicht entgehen lässt. So streuen sie Pistazien auf die heiße Schokolade. Oder verkaufen Crêpes und Waffeln im „Dubai-Style“.

Rote Wurst im Dubai-Style? So wie Maverick und Gina Dreßen. Bei ihnen kostet die Waffel mit Pistazie obendrauf 7,50 Euro, ansonsten zahlt man 6 Euro für die Waffel, wenn sie belegt ist. „Läuft“, sagt Maverick Dreßen nur und grinst. Bei Claudia Weeber ist das Werbeschild gerade weggeräumt. Der Crêpes im Dubai-Style ist aus. Sie braucht Nachschub, das Pistazienmus ist alle. Beim Großhändler gibt es keines mehr, aber der Rewe hat angeblich welches. Auch nicht gerade billig. Aber die Kundschaft zahlt ja auch 8 Euro. Das sind drei Euro mehr als für die beschwipste Variante mit Amaretto, Eierlikör oder Grand Marnier. Claudia Weeber hat schon überlegt, ob sie rote Wurst im Dubai-Style anbieten soll. Das wäre wahrscheinlich der ultimative Test, ob man wirklich alles verkaufen kann, wenn es nur gut genug beworben wird.

Exotik als Verkaufsschlager Man denke zwei Jahre zurück. Da war sich ganz Deutschland einig, dass es völlig ungehörig sei, dass eine Fußball-WM im „Verbrecherstaat“ Katar stattfindet. Da stand die ganze Region für Sklavenhaltung und Unterdrückung von Schwulen und Frauen. Und nun? Da steht Dubai für Geschichten aus tausendundeiner Nacht und für Aladdin. „Exotik verkauft sich“, sagt Mark Roschmann. Er peppt die Erdbeere im Schokomantel mit dem Pistazienmix auf. Bei einem Bäcker hat er sich schlau gemacht und bei einem kurdischen Restaurant in Bad Cannstatt. „Ich wollte es dann schon richtig machen“, sagt er. Sie rühren die Mischung selbst an, allerdings nicht auf Vorrat. Am Montagabend war am frühen Abend alles weg, da musste er Kunden enttäuschen. Aber bei 110 Euro für ein Kilogramm Pistazienmus, wie Maria Fernandez erzählt, will man nicht zu viel produzieren und es dann wegwerfen.

Claudia Weeber verkauft Crêpes im Dubai-Style. Foto: Lichtgut//Leif Piechowski

Wie bei den teuren Zimtschnecken sind es vor allem junge Leute, die Dubai-Schokolade kaufen. „Teenies und Menschen bis 30“ seien seine Kunden, sagt Roschmann. Die Älteren kaufen bei ihm Ananas-Zartbitter und bei Fernandez Pralinen. Inflation? Alles wird teurer? Man muss den Gürtel enger schnallen? Ein Stückchen Dubai-Schokolade geht offenbar trotzdem. Ähnlich widersprüchlich ist, dass es die angeblich sich so sehr um die Umwelt sorgende Generation ist, die zerstampfte Pistazien liebt.

Pistazien sind „Wasserschlucker“ Ähnlich wie Avocados und Mandeln sind Pistazien „ Säufer“. Sie brauchen sehr viel Wasser zum Wachsen, je nach Region für ein Kilogramm von 5000 bis 11 000 Liter, fünfmal so viel wie für Erdnüsse, 30-mal soviel wie Tomaten. Und das in ohnehin dürstenden Gegenden wie dem Iran und Kalifornien.

Eine Dubai-Waffel aus dem Hause Dreßen Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Doch der Bohei um die Schokolade aus Dubai ist schon wieder am Abebben, glaubt Roschmann: „Der große Hype ist vorbei.“ Es gibt sie sogar schon beim Discounter. Die Exklusivität ist dahin und für viele damit das Besondere. Doch für die Schausteller kam die Hysterie nach den bitteren Corona-Jahren zur rechten Zeit. Bescherung – schon weit vor Weihnachten.