Angela Roloff verkauft seit 20 Jahren Süßwaren auf dem Weihnachtsmarkt in Stuttgart. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Seit 20 Jahren macht Angela Roloff mit ihrem Süßwarenstand Halt auf dem Stuttgarter Weihnachtsmarkt: So meistert sie ihr Leben zwischen Lebkuchen, Schokofrüchten und dem ständigen Unterwegssein.

Stuttgart - Mit aufmerksamem Blick schaut Angela Roloff zwischen den Lebkuchenherzen an ihrem Süßwarenstand hindurch. Während sie von vorne funkeln, drehen die Backwaren ihr die dunkle Seite zu. Die ohne Zuckergussschrift und Glitzerperlen. Denn zwischen Erdnüssen, Tannenzweigen und der trocken vor sich hin ratternden Mandelmaschine ist die Schaustellerin für die Menschen, die über den Weihnachtsmarkt schlendern, meist unsichtbar.

Dabei ist Angela Roloff schon seit 20 Jahren hier. Während der vier Wochen langen Weihnachtsmarktsaison verlässt sie ihre Wohnung jeden Tag um halb neun, eineinhalb Stunden später gießt sie bereits geschmolzene Pralinenschokolade über die ersten Bananen und Ananas. Heute laufen die Besucher nur vereinzelt an ihrem Stand vorbei. Der Morgen ist mild, die Mittagspause, die den ersten großen Schwung an Menschen über den Weihnachtsmarkt weht, noch in weiter Ferne. Wo es die Gemüsehobeln gebe, fragt eine Frau mit dunkelbrauner Strickmütze fahrig durch den schweren Geruch von Zucker und Schokolade. Angela Roloff überlegt keine Sekunde: „Rechts hinten.“ In ihrem selbst gewählten Territorium kennt sie sich aus.

Schon als Kind ist die Stuttgarterin immer auf Achse

Bereits nach der mittleren Reife machte sich die 52-Jährige selbständig und begann, mit einem Mandelwagen über Volksfeste und Märkte im Südwesten zu ziehen. Mal Tübingen, mal Vaihingen an der Enz, dann wieder Ulm oder Freiburg – ein Leben im ständigen Zwischenstopp. Daran, aus der Familientradition auszubrechen – schon Roloffs Urgroßmutter verdiente ihren Lebensunterhalt als Schaustellerin – dachte sie dabei nie. „Für mich war immer klar: Wenn ich mit der Schule fertig bin, will ich nach Hause.“ Und das war für sie keine Stadt, keine Wohnung. Zuhause war Überall zwischen Zuckerwatte und Schokofrüchten.

Schon als Kind spielten Roloff und ihre Schwester auf dem Boden der elterlichen Buden. Damit sie als Schaustellernachwuchs nicht jede Woche vor einer anderen Klasse stehen und die Neuen sein mussten, steckten ihre Eltern sie schließlich in eine Klosterschule in Günzburg, in der die Nonnen sich „englische Fräulein“ nannten und sie ansahen wie Exoten. „Viele Leute wissen ja nicht, wie unser Leben aussieht. Natürlich sind wir da erstmal Sonderlinge“, meint Roloff, die sich heute gerne an die Internatszeit erinnert. An den Wochenenden nahmen Mutter und Vater die beiden Geschwister mit zu sich in den Wohnwagen. „Ein festes Zuhause habe ich nie vermisst. Wir waren ja mit unseren Eltern zusammen.“

Zum Anker im Schaustellerleben wird die Familie

Noch heute ist die Familie der zentrale Ankerpunkt in Angela Roloffs Leben. Während der Weihnachtsmarktzeit steht ihre Schwester mit Süßigkeiten am Marktplatz, daneben verkauft deren Tochter Kräuterbonbons. Ihren eigenen Süßwarenstand betreibt Roloff gemeinsam mit ihrer 72-jährigen Mutter. Die beiden stehen sich nahe. Angela Roloff ist nicht verheiratet, ihre Mutter seit über 20 Jahren Witwe. In Ludwigsburg wohnen beide nah beieinander, an Weihnachten trifft sich die ganze Familie bei Roloffs Schwester in Schwieberdingen. „Die muss dann auch kochen“, witzelt die Schaustellerin. Für Hausarbeit und Festvorbereitungen bleibt ihr nämlich kaum Zeit. „An Heiligabend bauen wir erst ab, Geschenke einzukaufen ist da vorher schwer.“

Die Vorweihnachtstage verbringt sie stattdessen in ihrem 8 Quadratmeter großen Süßwarenstand. Es ist die letzte Station für dieses Jahr, doch eine richtige Pause vom Schaustellerleben hat Roloff nur zwischen Neujahr und dem Stuttgarter Frühlingsfest, danach startet die neue Saison. Leben könne sie von ihrem Beruf zwar noch vergleichsweise gut, doch wie für alle Mittelstandsbetriebe sei es auch für sie in den letzten Jahren schwieriger geworden, erzählt Roloff: „Man hat hohe Fixkosten, Stellplätze und Versicherungen sind teuer und das Geschäft ist stark wetterabhängig. Aber was solls: Tauschen will ich trotzdem nicht.“

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