. . . ist angeblich Mariah Careys Popsong „All I Want for Christmas Is You“. Hat denn wirklich niemand Lust, mal etwas neues zu hören?
Pünktlich um Mitternacht an jedem 1. November, wenn in den USA mehr oder weniger offiziell die Weihnachtszeit beginnt, meldet sich Mariah Carey im Internet und startet ihr „Defrosting“. Und sobald dieses „Auftauprogramm“ der selbst ernannten „Queen of Christmas“ vollzogen ist, gibt es in den folgenden zwei Monaten west-weltweit vermutlich keinen einzigen sicheren Aufenthaltsort mehr, an dem man vor ihrem Meisterstück „All I Want For Christmas Is You“ noch sicher wäre. Der Song, so fröhlich, so gut gelaunt, so zuckersüß, so supermelodisch, kriecht wirklich in jede Ritze unseres vorweihnachtlichen Daseins, ist allgegenwärtig und inzwischen ein mindestens so starkes Synonym fürs Fest wie Tannenbaum und Glühweintreff.
Seit 1994 ein Hit
Auch in der dritten Dezemberwoche führt „All I Want For Christmas“ die Hitlisten in Deutschland, Österreich, der Schweiz und den USA wieder an. In Deutschland hat das Stück, das Careys stimmliche Qualitäten geschickt mit einem lockeren, an die Motown-Ära erinnernden Soul-Sound verbindet, gerade den Allzeitrekord für die meisten Wochen auf Platz eins geknackt: 22 Wochen sind es (Stand 10. Dezember), eine mehr als „Komet“ von Apache 207 und Udo Lindenberg und gewiss noch nicht das Ende der Fahnenstange.
Der Song, 1994 erstmals auf Mariah Careys „Merry Christmas“-Album veröffentlicht, war seinerzeit zwar auch schon ein Hit. Aber dass mal so etwas wie ein Jahrtausendsong aus ihm werden würde, konnte erst mal keiner ahnen. Heute beschert „All I Want For Christmas“ der Sängerin und (zusammen mit Walter Afanasieff) Autorin Carey pro Weihnachtssaison geschätzte 10 Millionen US-Dollar an Einnahmen.
Auch bei Brenda Lee in Nashville klingelt alljährlich neben dem Bescherungsglöckchen auch die Kasse. Lee war 13 Jahre jung, ihre Stimme aber gefühlt bereits doppelt so alt, als sie 1958 den Song „Rockin‘ Around The Christmas Tree“ aufnahm. Lee, die gerade 81 geworden ist und sich bester Gesundheit erfreut, war ein Kinderstar jener Zeit. Sie sang Rockabilly, Country, Rock und Pop, trat 1962 im Hamburger Star-Club auf (Vorband waren – The Beatles!), wurde später zu einer Art amerikanischen Edith Piaf, ist seit 2002 in der Rock and Roll Hall of Fame – und seit Dezember 2023 die älteste Person, die je an der Spitze der US-amerikanischen Billboard-Charts stand.
Auch dieses Jahr ist der Song, der auch im Filmklassiker „Kevin – Allein zu Haus“ zu Ruhm und Ehren kam, wieder ganz vorne dabei, momentan Platz drei in den USA und Österreich, Platz vier in Deutschland und der Schweiz. „Für mich ist das vollkommenen surreal und ein echtes Rätsel“, sagt Brenda Lee. „Aber ich liebe Rätsel.“
Weil wir diese Songs hören, hören wir sie noch öfter
Ein Rätsel ist die erdrückende Dominanz von Weihnachtssongs ab Mitte November bis Ende Dezember nicht nur für Brenda Lee. Viele wundern sich, wie es denn sein kann, dass auch dieses Jahr wieder nur vorweihnachtliche Lieder die Pop-Charts bevölkern, sieht man mal von Taylor Swifts „Fate Of Ophelia“ ab. Und warum sind es überhaupt immer nur dieselben? Was für eine Monokultur! „Last Christmas“ von Wham! zählt natürlich auch dazu, „Merry Christmas Everyone“ von Shakin‘ Stevens, „Jingle Bell Rock“ von Bobby Helms, Andy Williams mit „It’s The Most Wonderful Time Of The Year“ oder auch John Lennon und Yoko Ono mit „Happy Xmas (War Is Over)“.
Die knappe Antwort auf das Phänomen: Streaming. Früher musste man ein Lied noch aktiv auf Tonträger kaufen, wenn man es jederzeit hören und nicht aufs Radio hoffen wollte. Heute kommt die Musik ganz persönlich auf die digitalen Geräte der Wahl, über Streamingunternehmen wie allen voran Spotify. Man muss überhaupt nichts mehr tun, höchstens noch auf eine der unzähligen „Christmas“-Playlisten klicken. Der Algorithmus erledigt den Rest. Er killt das Unerwartete, das Überraschende, erst recht das Schräge. Und reiht lieber einen der seit Jahrzehnten bewährten und beliebten Songs an den nächsten. Die absurde Schlussfolgerung: Weil wir diese Songs hören, hören wir sie noch öfter und noch mehr.
Da der Algorithmus natürlich nicht bloß schnöde Mathematik ist, sondern so etwas wie unser aller digitaler Psychiater, weiß er natürlich auch, was wir Weihnachten wollen: Nämlich das, was wir schon kennen und was uns seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, ein wohliges, warmes, positives, insbesondere auch nostalgisches Gefühl bereitet. Und deshalb sind die erfolgreichsten Songs, übrigens auch die deutschsprachigen wie Rolf Zuckowskis „In der Weihnachtsbäckerei“, dreißig, vierzig, irgendwann wahrscheinlich hundert Jahre alt. Klar, „Last Christmas“ von Wham! (mit George Michael) wurde schon bei der Erstveröffentlichung 1984 ein Hit, auch dank vielleicht eines der besten Videos aller Zeiten. Das alljährliche Charts-Ritual der üblichen Verdächtigen lässt sich aber erst seit etwa 2017 beobachten, parallel zum Triumphzug des Streaming. Zum ersten Mal auf Platz eins in Deutschland war „All I Want For Christmas“ 2019 – ein Vierteljahrhundert nach seiner Veröffentlichung.
Neu-Aufnahme in diesen Jingle-Bells-Kreis zu finden, ist nicht unmöglich, aber auch nicht einfach. Michael Bublé gelang es 2011 mit seinem Album „Christmas“ ein modernes Standardwerk zu etablieren, das sich tief vor den Croonern der ganz alten Frank-Sinatra-Schule verbeugt und mit „It’s Beginning To Look A Lot Like Christmas“ seit 2019 auch einen Streaming-Favoriten enthält.
Auf den Zug der erfolgreichen Weihnachtssongs wollen viele aufspringen
Auch Kelly Clarkson mit „Wrapped In Red“ und der Single „Underneath The Tree“ (2013), Ariana Grande mit „Christmas & Chill / „Santa Tell Me“ (2015) oder Sia mit dem Hit „Snowman“ (2017) haben ihre Füße in der Tür der Weihnachtsradio-Klassiker. Hierzulande war es Sarah Connor, die 2022 mit „Not So Silent Night“ ein wirklich originelles und lustiges Weihnachtsalbum rausbrachte. Auch „Weihnachten“ von Helene Fischer (2015) zählt für viele zum Kanon, allerdings weniger auf den Streaminglisten.
Dieses Jahr sticht insbesondere eine Nummer aus der etwas fahlen Masse der Neuanwärtersongs heraus, und das ist die herrlich verrückte, ganz leicht an Countrypop und ganz stark an die Village People angelehnte neue Single „XMAS“ von Kylie Minogue aus dem aufgepeppten 2015er-Album „Kylie Christmas (Fully Wrapped)“. Wer drei Minuten Lebenszeit sinnvoll füllen möchte, möge sich im Netz Kylies Auftritt beim „Capital’s Jingle Bell Ball“ aus der Londoner O2-Arena anschauen. Wer dann noch nicht im Weihnachtsfieber steckt, ist vermutlich ohnehin immun dagegen.
Bleibt nur noch eine Frage ungeklärt: Wieso macht Taylor Swift eigentlich kein Weihnachtsalbum? Es gibt zwar schon eins mit sechs Songs aus dem Jahr 2007, sogar mit einer Coverversion von „Last Christmas“. Doch aus welchem Grund auch immer ist „The Taylor Swift Holiday Collection“ nie ein großer Erfolg gewesen. Wartet hier womöglich jemand auf eine günstige Gelegenheit? Unser Tipp: ein starkes Taylor Swift Weihnachtsalbum im Herbst 2026. Dann gehört dem Superstar endgültig das ganze Charts-Jahr. Und womöglich kommt es zum ultimativen Showdown mit der anderen „Queen of Christmas“.