Die Hänge waren unbebaut, und es gab Schnee an Weihnachten: Diese Karte vom Stuttgarter Schlossplatz wurde 1905 verschickt. Foto: Sammlung Wibke Wieczorek

Es begab sich zu einer Zeit, als Stuttgarts Hügel mit Schnee bedeckt waren – und häuserlos. Eine 1905 versandte Karte zeigt den Weihnachtsmann finster auf dem Schlossplatz. Einst war Weihnachtspost mit regionalen Ansichten sehr beliebt.

Stuttgart - Grüße aus dem winterlichen Stuttgart! „Fröhliche Weihnachten“ steht auf der über hundert Jahre alten Karte aus der Sammlung von Wibke Wieczorek. Doch sehr fröhlich sieht der weißbärtige Mann nicht aus, der auf dem zugeschneiten Schlossplatz seiner Arbeit nachgeht. Eher grimmig ist der Blick des Weihnachtsmanns, der einen gut gefüllten Sack trägt, außerdem Trommeln und ein Blechinstrument. Damals war einer der berühmtesten Saisonarbeiter der Menschengeschichte noch zu Fuß unterwegs, ist nicht auf dem Schlitten durch die Lüfte geschwebt.

1905 ist diese großartige Karte vom Schlossplatz „gelaufen“, wie Sammler sagen. Der Musikpavillon stand noch nicht am Rande des Schlossplatzes, sondern zwischen Schloss und Jubiläumssäule. Am Hang wohnte keiner. Und der Schnee war auch nicht geräumt. Hat keiner die Kehrwoche gemacht? Mit der Bebauung von Stuttgarts Hügel ist um 1900 begonnen worden.

Wertvoller als eine Rundmail

Weihnachtsgrüße schenken Freude und zeigen, dass jemand an dich denkt. Mit der guten, alten Post kommen sie vielleicht später an als wenn man diese am Handy wegschickt. Aber gerade in unserer schnellen Zeit werden die Sorgfalt und die Muse geschätzt, die sich jemand nimmt, um ein paar persönliche Zeilen an die Lieben zu schreiben. Dies ist viel wertvoller als eine Rundmail oder WhatsApp-Nachricht, die man an alle Personen seiner Kontaktliste oft viel zu schnell verschickt.

Angefangen hat die Tradition der Weihnachtsgrüße in England Mitte des 19. Jahrhunderts. Sir Henry Cole, ein viktorianischer Gelehrter, beauftragte den Illustrator John Callcot Horsley 1843, eine Weihnachtskarte herzustellen. Er wollte ein religiöses Motiv, das sich leicht reproduzieren ließ und das man rasch, mit einer Widmung versehen, verschicken konnte. Zu den üblichen Ansichten mit Weihnachtsmann, Tannenzweigen und Kerzen gesellten sich Jahre später in Deutschland Karten mit regionaler Note. Oft versendet wurden etwa die Johanneskirche mit dem noch vollständigen Turm am Feuersee.

Bis 1905 gehörte die Rückseite allein der Adresse

Wer zu Weihnachten aus Stuttgart grüßen wollte, war stolz, wenn er Besonderheiten seiner Heimat verschicken konnte. Grußkarten, die vorn beschrieben sind, also auf der Bildseite, sind meist vor 1905 erschienen. Bis zu diesem Jahr gehörte die Rückseite allein der Adresse. Dann wurde die hintere Seite der Postkarte in Deutschland geteilt. Nicht nur alte Weihnachtskarten werden gesammelt - auch gern Weihnachtstüten. Besonders beliebt ist der Weihnachtsmann des 2004 für immer geschlossenen Radio- und Musikhauses Lerche. Möge dieser Sie, liebe Leserinnen und Leser, reichlich beschenken!

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