Was hat ein Foodtruck in Fellbach mit einer Seniorin aus Hessen zu tun? Das Leben der Betreiberin des mobilen Essensangebotes wäre wohl ganz anders verlaufen. Eine besondere Geschichte, die nicht nur jetzt zu Weihnachten zu Herzen geht.
Fellbach - Es gibt viele Geschichten von Flucht und Vertreibung, von Krieg, Abschiebung, von zerbrochenen Familien – und von Menschen, die einen steten Kampf gegen die Folgen führen. Und dann gibt es Menschen wie Oma Elisabeth aus dem hessischen Bad Sooden-Allendorf. Mit einem Herz, das so groß war, dass es noch Jahre nach ihrem Tod bis nach Fellbach leuchtet. Wer den Foodtruck besuchte, der bis vor Kurzem an der Pauluskirche stand, erlebte Betreiber, deren Leben ohne jene Oma wohl anders aussähe.
Elisabeth F. führte eine Pension, war katholisch und Kirchgängerin. Sie strickte gerne und mochte es ordentlich. Sie hätte sich darüber ärgern können, dass in der Nähe ihres Hauses Asylbewerber einzogen, damals Anfang der 1990er-Jahre – ein ganzes Haus voller wild zusammengewürfelter Menschen, die aus unterschiedlichen Ländern nach Deutschland gekommen waren.
Oma Eli schenkt Schokolade – und vor allem Zeit
Aber das tat sie nicht. Ganz im Gegenteil. Oma Elisabeth schenkte den Kindern aus dem Heim gern Schokolade. Das kam überaus gut an. Die erfahrenen Kinder nahmen die Neuankömmlinge in dem Heim regelmäßig in den Schlepptau: Da müsst ihr unbedingt mitkommen. Und Elisabeth F. sagte dann zur Begrüßung: „So, ihr seid also die Neuen! Ihr dürft gern Oma zu mir sagen.“
Auf diese Weise kam ein kleines Mädchen aus Ostanatolien namens Ayse unvermittelt nicht nur zu Süßem, sondern auch zu einer neuen Oma in Bad Sooden-Allendorf. Wenn Ayşe Bulut heute von ihrem Leben erzählt, mehr als 30 Jahre nach ihrer Ankunft in Deutschland, dann fängt alles mit Oma Eli an, wie die Kinder sagten. Denn die schenkte nicht nur Schokolade, sondern vor allem Zeit.
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Jeden Nachmittag machte sie mit den Kindern Hausaufgaben. Fast alle Kinder aus dem Heim, sagt Ayşe Bulut, machten auf dem Weg von der Schule zum Heim bei Oma Eli Halt. „Kinder, ihr müsst gut Deutsch lernen“, schärfte sie ihren Schützlingen ein. Dazu gab es Kuchen und Kekse. Manchmal so viel, dass sie zuhause nichts mehr essen konnten. Und zu Weihnachten, Ostern und zum Geburtstag schenkte Oma Eli ihnen selbst gestrickte Pullover und selbst genähte Kleider. Per Würfel wurde entschieden, wer was bekommt, damit es keinen Streit gab.
Irgendwann nahm Oma Eli Ayşe und die anderen Kinder mit in die Kirche. Das hatten sich die Kinder gewünscht. Sie wollten wissen, was das für Lieder waren, die die Oma zuhause sang. „Wir saßen in der Kirchenbank und haben laut mitgesungen, obwohl wir keinen Ton getroffen haben“, erinnert sich Ayşe Bulut. Ihr Augen glänzen, wenn sie daran zurückdenkt. Oma Eli hat sie vertraut gemacht mit dem Land, das sie heute ihre Heimat nennt. Aus dem kleinen Mädchen von damals ist inzwischen eine resolute und erfolgreiche Frau geworden, die ihre eigenen Wege geht. Sie arbeitet als stellvertretende Pflegedienstleiterin beim ambulanten Pflegedienst „Anna Haag mobil“ in Bad Cannstatt. Abzusehen war das nicht. Die Familie wäre 13 Jahre nach ihrer Ankunft in Deutschland beinahe abgeschoben worden, tauchte jedoch unter – und zerbrach.
Viele Menschen ebneten den Weg
Eine Odyssee durch Pflegefamilien und Heime aller Art begann. In dieser Zeit sahen Oma und Enkelin sich nur selten. Dafür halfen ihr andere. „Immer, wenn es mir ganz schlecht ging, war jemand für mich da“, sagt die 38-Jährige. Da war der Arzt, der für die Bewilligung einer Therapie kämpfte, als sie das dringend brauchte. Oder eine Frauenbeauftragte, die ihr riet, eine Ausbildung als Krankenschwester zu machen. Manchmal war es nur eine kleine Geste. Eine Sozialarbeiterin schimpfte zwar mit ihr, warum sie keine Bewerbungen schreiben könne, nahm sich dann aber Zeit, ihr das zu zeigen. Es hat viele Menschen dieser Art gegeben und wohl auch gebraucht. Alle zusammen haben dazu beigetragen, dass Bulut ihren Weg machte.
„Kind, bevor ich sterbe, will ich sehen, dass du eine Ausbildung machst“, sagte Oma Eli einst. Die Entfristung der Aufenthaltsgenehmigung hat Ayşe Bulut noch mit ihrer besonderen Oma gefeiert. Dass sie beruflich ihren Weg machte und mit Orhun Suezer auch einen Lebensgefährten fand, der ihr mit Rat und Tat zur Seite steht, dagegen nicht mehr. 2016 starb Oma Eli im Alter von 94 Jahren. Bis heute begleiten ihre Ratschläge das Mädchen, dem sie nicht nur Oma, sondern später auch noch Patentante wurde.
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Ein Stück weit hat Oma Eli auch Anteil am Streetfoodtruck, den das Paar seit dem vergangenen Jahr nebenberuflich betreibt und „Bauch-Laden“ nennt. Bis Sonntag standen sie damit in der Fellbacher Bahnhofstraße. Es gab Fladenbrote, Linsensuppe, echtes orientalisches Soul Food eben. Die Aromen des Essens stammen aus einem fernen Land am Mittelmeer. Der Wunsch, andere zu wärmen, von Oma Eli. Deshalb war der Streetfoodtruck zwischendurch auch bei den Kindern des Integrationsvereins Ina in Schwaikheim. Dort gastierten die beiden bei einer Benefiz-Weihnachtsfeier, weil sie die Arbeit des Vereins unterstützen wollen. Vor allem in Fellbach musste Ayşe Bulut aber oft an ihre Oma denken – immer dann, wenn ältere Menschen an den Bauchladen gekommen sind, und von ihrer Einsamkeit berichteten.
Der Wunsch: Ältere und Geflüchtete sollen einander helfen
Auf der einen Seite einsame ältere Menschen in ihren großen, leeren Wohnungen zu sehen, auf der anderen Seite die vielen Geflüchteten, die nicht arbeiten dürfen – das fällt Ayşe Bulut schwer. Sie träumt davon, beide Gruppen zueinander zu bringen. So, wie sie es erlebt hat. Wenn mehr ältere Menschen Geflüchtete aufnehmen würden wie Oma Eli, und mehr Geflüchtete arbeiten dürften und auch bereit wären, älteren Menschen zu helfen, dann würden alle nur gewinnen. Davon ist sie fest überzeugt.
Noch scheint die Zeit nicht reif für solche Visionen. Aber wer weiß: vielleicht braucht es nur eine Handvoll Menschen, um das zu ändern. Menschen, die Geflüchteten das Arbeiten ermöglichen. Und solche, die zu geflüchteten Kindern aus Afghanistan, Syrien oder Nigeria sagen: „So, ihr seid also die Neuen! Ihr dürft gern Oma zu mir sagen.“