Ein Bild, das Assoziationen weckt: Rozan mit ihrer Tochter Natalie. Foto: Specht

Maria und Josef, das Jesuskind in der Krippe – davon handelt die biblische Weihnachtsgeschichte, die an Heiligabend erzählt wird. Doch auch im Alltag finden sich immer wieder Anklänge daran – etwa in einer Unterkunft für Flüchtlinge in Tuttlingen.

Tuttlingen - Diese Geschichte beginnt mit einem Foto. „Sehen Sie sich das an!“, sagte der Tuttlinger Oberbürgermeister Michael Beck und streckte dem Journalisten sein Handy hin. „An was erinnert Sie das?“ Auf dem Display erschien das Foto einer jungen Frau mit ihrem Baby. „Das sieht doch aus wie . . .“ Der Oberbürgermeister brachte den Satz nicht zu Ende. Unausgesprochen stand der Name Maria im Raum.

Das Bild, das diese Assoziation weckt, zeigt Rozan, eine 23-jährige muslimische Kurdin und ihr drei Monate altes Baby Natalie. Das Foto entstand vor einigen Wochen in einer Flüchtlingsunterkunft in Tuttlingen, aufgenommen von Arno Specht, dem Pressesprecher der 33 400 Einwohner zählenden Stadt.

"Wir sollten Willkommenskultur leben"

Dieses Bild hatte der CDU-Kommunalpolitiker Beck vor Augen, als er Anfang November ein Grußwort an die Delegierten des Grünen-Parteitags richtete, der in seiner Stadt tagte. Es war keines der üblichen Grußworte, sondern ein inniger Appell, gespeist aus persönlichen Begegnungen: „Wir sollten Willkommenskultur leben und nicht nur darüber reden.“

Beck wusste und weiß, wovon er sprach. Anfang der neunziger Jahre arbeitete er als Verwaltungsrichter in Sigmaringen; er war mit Asylverfahren befasst. Einer seiner Richterkollegen war ein gewisser Guido Wolf, mit dem die Südwest-CDU jetzt als Spitzenkandidat in die Landtagswahl 2016 zieht. Doch das gehört nicht zu dieser Geschichte . . .

Damals lag die Zahl der Asylverfahren etwa doppelt so hoch wie heute. Die Aufnahme und Betreuung der Flüchtlinge stellten für die Kommunen einen Kraftakt und für die Gesellschaft eine Belastungsprobe dar, die nicht immer bestanden wurde. Beck zog daraus den Schluss, dass es wichtig ist, sich um eine möglichst schnelle Integration der Flüchtlinge zu bemühen. Deshalb veranlasste er in diesem Jahr, dass Familien und Frauen mit Kindern aus der abgelegenen, großen Flüchtlingsunterkunft auf dem Aussichtsberg Witthoh in zwei ortsnahe Wohnhäuser in Tuttlingen gebracht wurden. So kamen Rozan und Natalie in die Stadt.

Die Familie komplett zerschlagen

Die Geschichte ihrer Flucht begann im Oktober 2013. Rozan, eine angehende Lehrerin, beschloss mit ihrem Mann, einem 28 Jahre alten Schneider, aus Amude im Nordosten Syriens zu fliehen. Sie fürchteten den Krieg, der sich der 45 000 Einwohner großen Stadt an der Grenze zur Türkei näherte. Mit ihnen ergriffen viele Bewohner die Flucht. Auch ihre drei Brüder. Zurück blieben ihr Vater und ihre Mutter. Die Wege trennten sich – auch die der Geschwister. Ein Bruder floh in den Libanon, der zweite lebt heute in Norwegen, der dritte in Bayern.

Rozan und ihr Mann flohen in die Türkei. Von dort gelangten sie nach Griechenland, wo sie wie viele Flüchtlinge die Erfahrung machten, von den Behörden nicht gelitten zu sein. Entsprechend schlecht wurden sie behandelt. Keine Unterkunft, keine Hoffnung auf einen Neubeginn. Mit Deutschland hingegen verbanden sich solche Hoffnungen. Die Reise hierher kostete Rozan ein Vermögen – 7000 Euro, die in unbekannte Kanäle flossen. Damit war das Geld aufgebraucht; notgedrungen blieb ihr Mann zurück. Über die Landeserstaufnahmeeinrichtung in Karlsruhe kam Rozan nach Tuttlingen. Dort lebt sie seit Mai dieses Jahres.

Damit ist die Geschichte jedoch noch nicht zu Ende. Vor drei Monaten wurde die gemeinsame Tochter geboren: Natalie. Glücklicherweise nicht in einem Stall, sondern in einer Geburtsklinik. Natalies Vater kennt seine Tochter nur von Fotos – wie jenem berührenden Bild, das auf dem Handy des Oberbürgermeisters zu sehen ist...

Die Antragsbearbeitung zieht sich hin

Dieses Bild lässt einen so schnell nicht los. Rozan, das ergibt die Nachfrage in Tuttlingen, ist bereit, von sich zu erzählen. Mit einem herzlichen Lächeln empfängt sie den Besucher in ihrer kleinen Dachgeschosswohnung der Gemeinschaftsunterkunft. Im Arm hält sie Natalie, ihr Baby. Ganz in Pink.

Ein Tisch, ein Stuhl, ein Schrank, ein Fernseher, ein Bett – daneben eine kleine Wiege. Das ist Rozans Zuhause, bis über ihren Asylantrag entschieden ist. Eigentlich hätte das längst geschehen müssen, denn für Kriegsflüchtlinge aus Syrien und dem Irak gilt das sogenannte beschleunigte Verfahren. „Bei Menschen wie Rozan liegt der Fall klar“, sagt der Oberbürgermeister. „Sie werden anerkannt.“ Warum sich die Bearbeitung dennoch häufig hinzieht, kann Beck nicht verstehen.

Als ihm die anwesende Sozialarbeiterin des Landratsamtes berichtet, dass die Flüchtlinge oft wochenlang keinen Asylantrag stellen könnten – offenbar wegen Überlastung der Behörden – und sie dafür eigens wieder von Tuttlingen nach Karlsruhe reisen müssten, schüttelt er den Kopf. . . Rozan fiebert dem Brief des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge entgegen. Sobald sie anerkannt ist, kann sie beantragen, dass ihr Mann nach Deutschland kommt. Zu ihr und Natalie. In ihren Augen ist zu erkennen, wie groß dieser Herzenswunsch ist.

Bei aller Ungewissheit, die seit eineinhalb Jahren ihr Leben bestimmt, wirkt die junge Frau nicht verzagt. „Bitte einen Stuhl holen“, sagt sie freundlich, an einen Mitbewohner gerichtet, der als Übersetzer an dem Gespräch teilnimmt. Rozan spricht kaum Deutsch; die Integrationskurse starten erst nach Abschluss des Asylverfahrens, doch sie versucht schon jetzt die Sprache zu lernen – unterstützt von Ehrenamtlichen. Rozan erzählt leise, wie es ihr ergangen ist und wie es ihr in Deutschland ergeht. „She likes the peace“, sagt Wissam. Frieden, das bedeute für sie ein unschätzbares Gut.

Der Palästinenser nickt, er empfindet das ebenso. Der 33-Jährige wurde im Flüchtlingslager Sabra und Schattila geboren, 1982 Schauplatz eines Massakers libanesischer Milizionäre an Palästinensern mit Hunderten Toten. In Deutschland hat der Familienvater zum ersten Mal in seinem Leben das Gefühl, „als Mensch behandelt zu werden“, wie er sagt, und nicht als minderwertiges Wesen.

Auch Wissam wartet auf Post vom Bundesamt. Er hofft, hier bleiben und mit seiner Familie die Zukunft planen zu können. Seine Kinder sind zwei und sechs Jahre alt. Sie wohnen im selben Haus, einen Stock unter Rozan und Natalie. Man kennt sich, man kennt die Geschichten der Mitbewohner. Man teilt bedrückende Erfahrungen ebenso wie schöne. Zu den bedrückenden gehören die Erlebnisse der Flucht, zu den schönen die Hilfsbereitschaft vieler Tuttlinger – organisiert im örtlichen Asylnetzwerk oder in „Mutpol“, der diakonischen Jugendhilfe. Ein Aufruf des Oberbürgermeisters, doch bitte Wohnraum zur Verfügung zu stellen, fand jüngst ein beachtliches Echo: 20 Wohnungen wurden der Stadtverwaltung von Bürgern angeboten.

Rozan strahlt Dankbarkeit aus. Wie viel Schmerz und Wehmut sie in sich trägt, sieht man als Nachmittagsgast nicht. Man kann es nur ahnen – wenn sie davon spricht, dass ihr Vater vor einem Monat gestorben sei, ohne die Enkeltochter gesehen zu haben, und die Mutter nun ganz alleine in Amude lebe . . . Rozan würde gerne dorthin zurückkehren, wenn wieder Frieden herrscht. Doch daran glaubt die junge Kurdin nicht. Die syrischen Kriegsparteien seien etwa gleich stark, meint sie, die Kämpfe könnten also noch lange weitergehen. Rozan neigt den Kopf und hebt bedauernd die Schulter. Ihr Blick geht für einen Moment in die Weite. Regelmäßig verfolgt sie die Fernsehnachrichten. Eine Möglichkeit, ihrer Heimat nahe zu sein. „Etwas zu trinken?“, fragt sie den Besucher höflich und bietet Kaffee an.

Nicht alle Flüchtlinge haben die Anmut von Rozan, nicht alle tragen ein Baby auf dem Arm, nicht alle Geschichten rühren gleichermaßen das Herz. Doch das Beispiel der jungen Mutter lenkt, das Bild von einer Frau schärft den Blick für die Flüchtlingsschicksale. Es sind Menschen, die hierherkommen, keine Zahlenkolonnen.

Darauf machen auch die Kirchen aufmerksam. Rechtzeitig zu Weihnachten erinnerte der Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Frank Otfried July, daran, „dass auch Jesus Christus nicht in seiner Heimat geboren wurde, sondern in einem Notquartier in Bethlehem“. Die berühmte biblische Geschichte . . .

Rozan wiegt ihr Baby. Dann steht plötzlich Wissams zweijähriger Sohn in der Tür und greift die Hand des Papas. „Sammy!“, sagt Wissam und lacht, als ihn der schwarz gelockte Knirps ins Treppenhaus zieht. Er will runter ins Zimmer. Auch dort stehen Tisch, Stühle, Betten, ein Fernsehgerät – und ein Plastik-Weihnachtsbaum, knallbunt geschmückt. Wissam ist Moslem, seine Frau Christin. „Die Leute fragen uns: ,Kein Problem?’ Wir antworten: ‚Nein, kein Problem!‘“, sagt er und lacht. Sammy und sein Bruder sollten später selbst entscheiden, welcher Religion sie angehören wollen.

Doch jetzt ist erst mal Weihnachten. Die Bewohner des Tuttlinger Flüchtlingshauses wollen an Heiligabend gemeinsam eine Gans zubereiten. Auch Rozan ist dabei. Und Natalie. Die beiden gehören zur Weihnachtsgeschichte.

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