Natürlich steigt das Konfliktpotenzial mit der Größe der Runde. Wenn’s gut läuft, steigt allerdings auch das Vergnügen für alle Beteiligten. Foto:  

Das Weihnachtsessen mit der Familie kann schnell zur Herausforderung werden. Doch es lohnt sich. Besonders für die Kinder.

Stuttgart - „Mach den Mund zu beim Kauen. Unterbrich mich nicht – und schon gar nicht mit vollem Mund. Sitz gerade. Rülps nicht . . . Ja, schon gut, du konntest es nicht unterdrücken, aber entschuldige dich wenigstens. Na? Aber nicht mit vollem Mund . . .“

Ach, du lieber Himmel! Ist es ein Wunder, wenn die gemeinsame Familienmahlzeit allmählich ersetzt wird von der Angewohnheit, nach Belieben in die Küche zu schlurfen, tiefgefrorene Cholesterinklumpen in die Mikrowelle zu schieben, um sie dann schweigend in sich hineinzuschaufeln, während im Fernsehen amerikanische Serien laufen? Wenn man bedenkt, was für ein Schlachtfeld eine Familienmahlzeit werden konnte, versteht man ihr Verschwinden. Sie war der Exerzierplatz für gute Manieren. Hier lernten die neuen Generationen, wie man sich verhalten muss, um als akzeptable Zeitgenossen, Gäste, Kollegen und Ehepartner durchs Leben zu kommen. Dass kaum ein Szenario so viel Beklemmung auszudrücken vermag wie eine erzwungene Familienmahlzeit, machen sich viele Filme zunutze:

Da sitzt die Familie am Esstisch, die Ellbogen fest an den Körper gedrückt, den Rücken überstreckt, die Köpfe gebeugt. Messer und Gabel kratzen über Porzellan. Zwischenmenschliche Abgründe können sich hinter der Frage auftun: Reichst du mir bitte das Brot?

Alles nicht so schlimm

In Wahrheit ist so viel Horror selten. Allen Unkenrufen zum Trotz, wonach die Familien zu selten zusammen essen, mögen Familien gemeinsame Mahlzeiten durchaus. 80 Prozent der befragten Eltern finden das Frühstück mit den Kindern selbstverständlich, 84 Prozent legen Wert auf ein gemeinsames Abendbrot und machen es auch – trotz langer Arbeitszeiten und vieler Freizeittrainings, die Kinder zu bewältigen haben.

Dass jede siebte Mutter und jeder vierte Vater vom Nachwuchs verlangt, den Teller leer zu essen, sogar 87 Prozent aller Eltern Bücher, Zeitungen und Computer auf dem Esstisch verbieten, ermittelte eine Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2013, die im Auftrag der Krankenkasse DAK 1004 Mütter und Väter von Kindern zwischen vier und zwölf Jahren nach ihren familiären Essgewohnheiten befragte. Und die Wissenschaft sekundiert: Immer wieder überraschen uns Studien mit der Erkenntnis, dass Mahlzeiten mit Mama und Papa das körperliche und seelische Wohl der Kinder fördern.

Gemeinsame Mahlzeiten sind gut für die Familie

Kinder, die kein gemeinsames Abendbrot kennen, haben nicht nur häufiger Übergewicht, sondern seien auch eher verhaltensauffällig, berichten kanadische Wissenschaftler, die das Essverhalten von mehr als 26 000 Jugendlichen untersuchten. Wer die gemeinsame Mahlzeit vermisste, zog sich eher zurück, war besonders ängstlich oder aggressiv.

Kinder und Jugendliche hingegen, die mindestens dreimal in der Woche im Kreis der Familie essen, ernähren sich gesünder und haben weniger Gewichtsprobleme. Auch ein größeres Vokabular attestierte man den Familienessern. Kinder können beim Essen mit den Eltern ihren Wortschatz effektiver erweitern, als wenn die Eltern ihnen aus Büchern vorlesen. Tischgespräche sind schöne Chancen, das Allgemeinwissen zu erweitern und zu erfahren, wie man kulturell angemessen kommuniziert, so das Fazit einer Studie der Harvards Graduate School of Education. Doch worin genau der Wortschatz besteht, verraten die Wissenschaftler nicht.

Dass ein gemeinsames Mittag- oder Abendessen mit Kindern nicht nur ein reines Vergnügen darstellt, wissen Eltern aus Erfahrung. Wenn man den Manierendrill früherer Tage ablehnt, wird es schnell turbulent. Der Jüngste baut Staudämme aus Kartoffelpüree, die Älteste weigert sich plötzlich, ihr gestern noch heiß geliebtes Würstchen zu essen, weil das aus einem süßen kleinen Ferkelchen gemacht ist. Derweil versuchen mittlere Kinder gerne, sich den letzten Happs vom Pudding zu sichern.

Streit ist wissenschaftlich erklärbar

Es gibt Streit, alle reden durcheinander, und das ist auch gar nicht weiter schlimm, sondern sogar wissenschaftlich erklärbar mit einem gewissen Entspannungsfaktor beim gemeinsamen Essen. „Bei einer gemeinsamen Mahlzeit lässt die kognitive Kontrolle etwas nach, das heißt man wird liberaler und nachlässiger, nimmt eigene Fehler weniger ernst“, sagt Werner Sommer, der den Entspannungsfaktor beim gemeinsamen Essen am Institut für Psychologie der Berliner Humboldt-Universität in einer eigenen Studie erkundet hat.

Unter seiner Leitung untersuchte eine international zusammengesetzte Forschergruppe, welche kognitiven und emotionalen Prozesse durch gemeinsames Essen ausgelöst werden. Dazu mussten die 32 Probandinnen ihr Mittagessen alleine im Büro einnehmen oder sind zusammen mit einer Freundin in einem Restaurant essen gegangen. Im Anschluss wurde ihre Wirkung auf die Wahrnehmung und Emotionen per Fragebogen, EEG und Reaktionszeitmessung untersucht.

Die Probandinnen reagierten sensibler auf negative emotionale Gesichtsausdrücke, so ein Ergebnis der Studie, die 2013 in der Online-Fachzeitschrift „PLOS One“ veröffentlicht wurde. Die Forscher fanden zudem heraus, dass sich die Teilnehmerinnen nach einer gemeinsamen Mahlzeit zwar nicht besser gelaunt, wohl aber als entspannter einschätzten.

Austragungsort für Konflikte

Beim gemeinsamen Essen steigt also die Aufmerksamkeit für negative Emotionen anderer. Deshalb geht’s unter Geschwistern oft so hoch her, aber deshalb könnten die Eltern auch jeden drückenden Schuh bei den Kindern leichter erkennen und ansprechen. „Mahlzeiten sind auch Austragungsorte für eine Reihe von Konflikten“, sagt der dänische Familientherapeut Jesper Juul und lobt das gemeinsame Mahl als Chance, offen wahrzunehmen, wie die Familie is(s)t: So enthalten Konflikte ums Essen auch wertvolle Botschaften: „Vor allem Kinder können uns nicht anders darauf aufmerksam machen, was sie bedrückt.“

Wenn’s mal wieder turbulent wird, hilft es, sich klarzumachen: Eine Mahlzeit mit Kindern ist kein gesetztes Essen mit höflichen, zugewandten Erwachsenen, die mehrere Gänge über einem gepflegten Tischgespräch genießen. Gerade das macht seinen Reiz aus, wie unerschrockene Familienmenschen nicht müde werden zu betonen.

Voraussetzung ist allerdings, dass der Esstisch nicht zum neuen Exerzierplatz für die gesündeste Ernährung erklärt wird, aber auch nicht zum Catering mit den Eltern als Servicekräften, die um die Lüste der Kindergäste herumwuseln. Eltern sind Gastgeber. „Die Küche ist das Herz des Hauses“, sagt Jesper Juul in seinem neuen Buch „Essen kommen!“. Dabei tragen Eltern die Verantwortung für Umgangston, Stimmung und ein gutes Klima – weil nur sie es können. „Wenn die Verantwortung für die Qualität des Zusammenspiels den Kindern überlassen wird, führt das zu Missstimmung, und beide Seiten fühlen sich unwohl.“

Was gibt’s denn zu Essen?

Auftauen oder selber kochen – noch die simpelste Frage wird nicht nach praktikablen Erwägungen beantwortet, sondern ist heute längst zum weltanschaulichen Bekenntnis gereift, das gesunde Ernährung zum obersten Prinzip erhebt. Bewusst, sorgfältig zubereitet und nahrhaft sollen die Mahlzeiten zubereitet werden, denn eine gesunde Ernährung ist die Grundlage für die gedeihliche Entwicklung der lieben Kleinen, damit sie gut versorgt, vor Krankheiten gefeit und mit positivem Lebensgefühl aufwachsen können. Amen. Doch der Zusammenhang, wonach jemand gesund ist, der sich gesund ernährt, ist längst nicht bewiesen. Essen macht nicht gesund, nicht schön und nicht schlau, sondern satt – und im besten Fall zusammen Spaß.

Aus dem Diktat der Essenvorschriften erwächst für Eltern viel Stress, der den Esstisch schon wieder zum familiären Krisenherd macht. Was, wenn die merkwürdigen Essgewohnheiten von Kindern Eltern nerven? Was tun, wenn kleine Kostverächter keine Anstalten machen, den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung zu folgen und sich rundheraus weigern, fünfmal am Tag rohes Gemüse und Obst zu sich zu nehmen?

Mit dem Argument, das sei gesund, provozieren Eltern heute den Widerstand der Kinder erst recht. Bevor man sich versieht, wird aus jeder gemeinsamen Mahlzeit ein Machtkampf, in dem nicht selten die Eltern den Kürzeren ziehen. Sie erkundigen sich genau nach den Speisewünschen der Kinder, kochen Lieblingsgerichte, ärgern sich, wenn die dann verschmäht werden, servieren Varianten, wenn mehrere Kinder am Tisch sitzen, betteln um „wenigstens mal kosten!“ und verheddern sich in komplizierten Tauschgeschäften wie: „Wenn du zwei Brokkoliröschen gegessen hast, gibt’s Nachtisch.“ Die Sorge, das Kind könne zu viel vom Falschen, zu wenig vom Richtigen oder jedenfalls nicht das essen, was sein Körper zum Wachsen gerade braucht, treibt Eltern um. Turbulenzen am Tisch rühren nicht daher, dass sie das Falsche tun, sondern daher, dass ihnen ständig erzählt wird, wie sie es richtig machen müssen.

Auch das Herz braucht Nahrung

Doch nicht die richtigen Speisen allein lassen die Kinder gedeihen, es ist das Beisammensein. Nicht nur der Bauch hat Hunger, auch das Herz braucht Nahrung: Der eine Moment am Tag, wo man einfach mal zusammen isst, der Welt da draußen den Rücken kehrt und sich miteinander befasst. Familienmahlzeiten prägen, was Menschen ihr ganzes Leben lang gern mögen. Wir essen nicht einfach, was uns schmeckt. Etwas schmeckt uns, weil wir es schon immer gern miteinander gegessen haben, seien es Omas Kartoffelpuffer, seien es Papas Würstchen im Schlafrock oder den Milchreis mit Zucker und Zimt, wie Mama ihn zubereitet hat. Speisen, die gemeinsam verzehrt werden, knüpfen ein Band zwischen Menschen – vom Gestern ins Heute genauso wie vom Heute ins Morgen.

Dass Erwachsene ihrem geschmacklichen Zuhause treu bleiben, hat seine Wurzeln in den Empfindungen, die mit den Familienmahlzeiten aus Kindertagen verbunden sind. Spätestens mit den eigenen Kindern kommen diese Speisen zurück – vorausgesetzt, es sind angenehme und fröhliche Erinnerungen, die sich mit dem Familienessen verknüpft haben. Das beste Rezept können wir unseren Kindern täglich auftischen: Einfach mal entspannt zusammen essen.

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